Wie der Anschlag in Halle jüdisches Leben in Deutschland verändert hat

Christina Feist und Naomi Henkel-Gümbel haben das Attentat vor einem Jahr überlebt. Für sie ist es schwer, sich in Deutschland sicher zu fühlen. So geht es vielen jungen deutschen Juden und Jüdinnen.
Von Pia Stendera
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Ein Jahr ist der rassistische und antisemitische Terroranschlag in Halle jetzt her.

Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Naomi Henkel-Gümbel glaubt an Weltoffenheit und an Gott. Das ist per se kein Widerspruch, aber mit Spannung verbunden. „Junges jüdisches Leben in Deutschland und in Zentraleuropa bedeutet ein Wiederentdecken von Wurzeln und auch von Tradition – ein Anknüpfen an Familiengeschichte“, sagt die 29-Jährige. „Es bedeutet aber auch ein Neuentdecken, Neudefinieren und Neuaustarieren.“

Naomi Henkel-Gümbel durchläuft eine Ausbildung zur Rabbinerin in Israel und Berlin. 74 Prozent der israelischen Bevölkerung sind jüdisch. Dort ist jüdisches Leben umfassend. „In einer Stadt wie Berlin gibt es aber viel mehr Berührungspunkte“, sagt Henkel-Gümbel. Berührungen mit Nichtjüdinnen und -juden, mit Werten, die Traditionen herausfordern. Die Frage „Wie verbindet man Tradition mit Weltoffenheit?“ stelle sich in Berlin eher als in Israel, aber auch eher als im ländlichen Raum Deutschlands, wo sichtbares jüdisches Leben noch weniger selbstverständlich ist als in Großstädten.

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Naomi war zur Zeit des Terroranschlags in Halle in der Synagoge, in die der Rechtsextremist eindringen wollte.

Foto: Markus Schreiber / AP

„Tradition kann abgrenzen und gleichzeitig möchte man mit anderen in den Austausch gehen. Die richtige Balance zu finden, ist spannend und sehr wichtig“, sagt Henkel-Gümbel. Sie engagiert sich in jungen jüdischen Gruppen, wie „Base Berlin“. Bis vor einem Jahr war sie dafür bekannt, LGBTQI*-Perspektiven innerhalb der jüdischen Gemeinde zu stärken. Seit einem Jahr kennt die Öffentlichkeit Naomi Henkel-Gümbel vor allem als Überlebende. Sie war mit „Base Berlin“ am 9. Oktober 2019 in der Synagoge in Halle, als ein Rechtsextremist versuchte, diese mit selbstgebauten Waffen zu stürmen. Seitdem nimmt die Spannung auf jüdisches Leben in Deutschland zu.

Der Wunsch, die eigene Religion auch öffentlich ohne Angst ausleben zu können, ist groß

Wer über junges jüdisches Leben in Deutschland spricht, landet unweigerlich bei dem Thema Antisemitismus. Nicht nur mit Naomi Henkel-Gümbel und nicht erst seit dem Anschlag in Halle. Im vergangenen Jahr gab es deutschlandweit 2032 registrierte antisemitische Straftaten. In solche Statistiken fließen Hakenkreuz-Schmierereien, wie sie kürzlich an einer Synagoge in Berlin-Charlottenburg verübt wurden, ein. Dazu zählen aber auch physische Angriffe, wie der vom 4. Oktober 2020 in Hamburg, als ein jüdischer Student mit Kippa von einem Mann in Militärkleidung mit einem Spaten niedergeschlagen wurde.

Auch in Paris gibt es antisemitische Übergriffe. Dennoch sei jüdisches Leben dort völlig anders, sagt Christina Feist, die das Attentat von Halle ebenfalls überlebt hat. „Jüdisches Leben ist in Frankreich weniger mit einem Fragezeichen versehen als in Deutschland. Es ist ein wesentlich festerer und sichtbarer Bestandteil“, sagt die 30-Jährige. Die jüdische Gemeinde in Frankreich gilt nach Israel und den USA als drittgrößte der Welt. Darin allein sieht Feist die Begründung aber nicht.

„Was viele junge Jüdinnen und Juden leben wollen, ist ein selbstbewusstes und offenes Judentum. Also ein Leben, das sowohl andere Jüdinnen und Juden einlädt, aber auch in der Zivilgesellschaft Präsenz zeigt“, sagt Naomi Henkel-Gümbel. Doch zwischen Theorie und Praxis klafft eine Wunde, die seit dem Anschlag in Halle weiter aufreißt: Synagogen brauchen Sicherheitskonzepte. In vielen Fällen gibt es ständige Polizeipräsenz vor und Sicherheitsschleusen im Gebäude. Am Tag des Anschlags stand keine Polizei vor der Synagoge in Halle. Nach dem Attentat kamen viele Bundesländer ihrer Ankündigung von mehr Schutz jüdischer Gemeinden nach, ergaben kürzlich Recherchen des Mediendienstes Integration. 

Christina Feist fühlt sich in Deutschland weder wohl noch sicher

Doch wie soll ein Neuentdecken jüdischen Lebens zwischen Tradition und Weltoffenheit funktionieren, wenn es die Notwendigkeit der Abschottung gibt? „Da drehen wir uns im Kreis“, sagt Christina Feist. Hinzu kommt, dass viele Jüdinnen und Juden die Polizei nicht nur als hilfreich wahrnehmen. Das Bekanntwerden rechter Netzwerke, aber auch die fehlende Sensibilität der Polizei hat Auswirkungen. Die Dunkelziffer antisemitischer Gewalttaten wird als höher geschätzt als die registrierten Fälle. Seit 2018 gibt es mit „RIAS“ ein unabhängiges Meldeprotal für antisemitische Gewalttaten, das Betroffenen auch Beratungen und „Handlungsoptionen im Zusammenhang mit der Polizei“ anbietet.

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Christina Feist, Überlebende des Attentats in Halle, fühlt sich in Deutschland nicht sicher.

Foto: Ina Breust

Naomi Henkel-Gümbel hat klare Forderungen an Deutschland. Sie will mehr Bildung und Infrastruktur, die Vielfalt im ländlichen Raum fördert und somit das Wohlsein von Minderheiten. Sie will eine Studie zu Rechtsextremismus in der Polizei. „Wenn sich das Bundesinnenministerium gegen so eine Studie stellt, heißt es in der Konsequenz, dass sich der Generalverdacht verhärtet. Das wiederum trägt nicht zu dem Sicherheitsgefühl bei“, sagt sie.

Christina Feist fühlt sich in Deutschland weder wohl noch sicher. Das wird ihr jedes Mal klar, wenn sie für den Prozess anreist und fast ebenso häufig erklärt sie öffentlich warum. Regelmäßig bekommt sie Nachrichten von fremden Menschen, die sie daraufhin fragen, was sie tun können. Christina Feist sieht eine Säule in sensiblerer Sprache, dafür brauche es keine Politik. „Wenn wir das als Gesellschaft hinkriegen, dann ändert sich der Diskurs, dann ändert sich die Wahrnehmung, dann ändert sich das Bewusstsein. Dann haben wir eine solide Basis, um über Demokratie und eine offene Gesellschaft zu stärken. Dann können wir auch ein ernsthaftes Gespräch führen“.

„Wir haben uns geschworen, Solidarität zwischen den Minderheiten aufzubauen“

„In Deutschland gibt es mehr Unsicherheit. Vielen Menschen der nicht-jüdischen Gesellschaft ist nicht klar, dass Judentum und jüdisches Leben schon lang vor der Shoa ein essenzieller Bestandteil der deutschen Geschichte und Kultur sind. Judentum in Deutschland – das ist im Bewusstsein der meisten Menschen Zweiter Weltkrieg und Shoa. So entsteht das große Fragezeichen: Gehört Judentum zu Deutschland? Und die Innenperspektive: Wollen wir unsere Energie wirklich da reinstecken, jüdisches Leben in Deutschland weiter zu etablieren?“, sagt Christina Feist.

In Israel kann Naomi Henkel-Gümbel in einer „Blase“ leben, sagt sie – so wie Christina Feist in Paris. Und doch pendelt Henkel-Gümbel immer wieder zurück nach Berlin. „Ich fühle mich an beiden Orten sehr zu Hause, aber ich fühle mich auch beiden Orten sehr verpflichtet – Verantwortung zu tragen und zu einem Diskurs beizutragen, andere Menschen zu unterstützen und zu stärken“, sagt sie.

Ein Jahr nach dem Anschlag sind Henkel-Gümbel und Feist zu einer Art Sprecherinnen jüdischen Lebens in Deutschland geworden. Im Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter treten die beiden jungen Frauen neben 41 anderen Betroffenen als Nebenklägerinnen auf. Sie sprechen im Zeugenstand und mit Journalist*innen. „Wir haben uns geschworen, Solidarität zwischen den Minderheiten aufzubauen“, sagt Henkel-Gümbel in solchen Momenten.

„Die Frage an Jüdinnen und Juden, ob sie auf gepackten Koffern sitzen, ist nicht ganz fair“

Sie und Christina Feist stehen im engen Austausch mit Ismet Tekin, dem Besitzer des Dönerladens, der ebenfalls zum Angriffsziel des Attentäters von Halle wurde. Auch zu den Hinterbliebenen der ermordeten Menschen von Hanau gibt es Kontakt. In der Woche des Jahrestages des Attentats wird die Solidarität sichtbar. Auf der „Zeremonie der Resilienz“ der jüdischen Gruppe „Base Berlin“ feiern sie gemeinsam die Widerstandsfähigkeit und Stärke, die sie im vergangenen Jahr aufgebaut haben. In Halle werden Ismet Tekin Spenden übergeben, die die Jüdische Studierendenunion in den vergangenen Monaten für die Renovierung des Kiez-Döner sammelten. Am Jahrestag des Attentats geben die Betroffenen eine gemeinsame Kundgebung.

Die jungen Jüdinnen teilen mit den anderen Betroffenen Unklarheiten. Inwiefern sie zu der Mehrheitsgesellschaft gehören. Wie sie um eine Position kämpfen können. Die Frage, ob es woanders nicht ein besseres und sichereres Leben geben könnte? „Die Frage an Jüdinnen und Juden, ob sie auf gepackten Koffern sitzen, ist nicht ganz fair“, hält Naomi Henkel-Gümbel entgegen. „Wir alle leben in einer globalisierten Gesellschaft: Leute ziehen ständig um. Es gibt etliche Beweggründe, warum Leute sich für einen Ort und gegen einen anderen entscheiden“, sagt sie.

Christina Feist lebt solch ein globalisiertes Leben. Sie ist in Wien aufgewachsen, 2017 kam sie für ihre Promotion in Philosophie nach Berlin und im Frühjahr 2019 zog sie nach Paris. „Dort habe ich bemerkt, wie angenehm entspannt es sein kann, wenn man leichter jüdisch leben kann, weil die Infrastruktur da ist, weil mein Sicherheitsgefühl mehr da ist und weil es selbstverständlicher ist, jüdisch zu leben als in Deutschland“, sagt sie. Jüdisches Leben ist auch dort Bedrohungen ausgesetzt, doch das Alltagsleben gestaltet sich selbstverständlicher. Das zeigt bereits die Suche nach einem koscheren Restaurant. In Paris gibt es mit dem Marais ein Viertel, das eine Blase ist, wie sie Henkel-Gümbel beschreibt.

Der Studienaufenthalt war für ein Jahr geplant. „Dann kam Halle. Das war ein massiver Einschnitt und auch der Moment, an dem ich festgestellt habe: Das sind nicht nur kleine feine Unterschiede, die ich merke, sondern das sind große Unterschiede, die das Leben ganz massiv ändern.“ Feist bleibt bis heute in Paris und plant trotz ihrer fortlaufenden Promotion nicht, zurück nach Berlin zu kommen. Sie kommt nur noch für den Prozess nach Deutschland. „Und es gibt keinen schöneren Moment für mich, als am Flughafen Berlin in ein Air France-Flugzeug einzusteigen“, sagt sie.

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