Wir sollten mit unseren Großeltern über den Holocaust sprechen

Sybille Steinbacher forscht zur NS-Zeit und findet: Das ist unsere Verantwortung.
Interview von Marcel Laskus
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Illustration: Federico Delfrati

Sybille Steinbacher, 54, beschäftigt sich seit drei Jahrzehnten wissenschaftlich mit dem Holocaust und der NS-Zeit. Seit 2017 ist sie Direktorin des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt und zugleich die erste deutsche Professorin zum Thema Holocaust. Ein Gespräch anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages über die Frage, welche Verantwortung man heute als junger Mensch für die Vergangenheit trägt. Und warum es nicht immer sinnvoll ist, den eigenen Großeltern zu vertrauen.

jetzt: Wenn heute jemand sagt „Nun muss es doch auch mal gut sein mit der Beschäftigung mit dem Holocaust” – was würden Sie ihm entgegnen?

Sybille Steinbacher: Ich würde sagen, dass ich ganz anderer Meinung bin. Es kann keinen Schlussstrich geben bei der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit. Sehr treffend hat es Angela Merkel auf den Punkt gebracht, als sie kürzlich in der Gedenkstätte des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau war. Sie sagte: Die Verantwortung der Deutschen für den Holocaust sei nicht verhandelbar – und sie ende auch nicht.

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Sybille Steinbacher forscht zum Thema Holocaust.

Foto: NIELS P. JØRGENSEN

Wie stellt man sich heute dieser Verantwortung angemessen?

Man muss nicht im Büßer-Gewand herumlaufen. Es geht darum, sich von der Geschichte beunruhigen zu lassen. Sich packen zu lassen. Wissen zu wollen, was passiert ist, warum es passiert ist.

Die Kulturwissenschaftlerin Asal Dardan sagte kürzlich, man habe eine Verpflichtung, die eigene Familie über die NS-Zeit zu befragen. Wie sehen Sie das?

Man sollte die Möglichkeit nutzen, seine Eltern und Großeltern darüber zu befragen, wie sie in der NS-Zeit gelebt und was sie erlebt haben. Aber nicht aus einer Pflicht heraus, sondern aus Interesse und Neugier. Als Historiker wissen wir, dass das Familiengespräch eine interessante Quelle ist. Es ist mündlich überlieferte Geschichte. Wissen sollte man aber auch: Es ist eine subjektive Schilderung.

Wie meinen Sie das?

Unmittelbar nach Kriegsende hat man die NS-Zeit in der Familiengeschichte oft gar nicht thematisiert. Es wurde nicht darüber gesprochen. Was wir seit etwa 20 Jahren beobachten, ist ein anderes Phänomen. Es lässt sich zusammenfassen mit dem Satz „Opa war kein Nazi”. Geprägt hat ihn der Sozialpsychologe Harald Welzer mit dem gleichnamigen Buch im Jahr 2002. Er stellte fest: Enkelinnen und Enkel von NS-Funktionären ziehen aus den Familiengesprächen den Schluss: „Da war irgendwas in der NS-Zeit. Aber mein Opa hat nichts Schlimmes getan.”

Hat man als Enkel oder Enkelin die Aufgabe zu prüfen, ob stimmt, was der Großvater erzählt?

Das meine ich damit, sich freiwillig selbst zu beunruhigen. Natürlich glaubt man die Geschichte, die man erzählt bekommt, erst einmal. Es ist ja der Opa. Aber dann sollte man sich animiert fühlen, nachzufragen, und das, was der Opa erzählt, in Zusammenhang mit anderen Schilderungen bringen und auch Widersprüche aushalten.

Sollte man es darauf ankommen lassen, sich mit Opa zu zerstreiten?

Man muss es nicht auf eine Konfrontation anlegen. Es kann auch ein interessantes Gespräch sein, in dem die Großeltern dazu bereit sind zu erzählen und zu reflektieren. Interessant ist immer auch, was erinnert wird, wie es erinnert wird, welche Emotionen beim Erinnern eine Rolle spielen und auch, was nicht erinnert wird. In solchen Gesprächen geht es heute nicht um Vorhaltungen, sondern ums genaue Zuhören und ums Wissenwollen. 

„Die Traumata bleiben präsent“

Wo lässt sich nachforschen, wenn man nicht im Gespräch

nachhaken will oder die Verwandten schon tot sind?

Es kommt darauf an, um welches Thema einer Familiengeschichte es geht. Wir wissen heute viel über die Rolle der Wehrmacht im Holocaust. Wir wissen viel über die Aufgaben des KZ-Wachpersonals und der zuständigen SS-Leute. Man findet viel Literatur in Archiven und Bibliotheken. Und wenn dafür Anleitung notwendig ist, helfen wir am Fritz-Bauer-Institut gerne weiter.

Was raten Sie den Enkeln der Opfer?

Auch hier war und ist es in den Familien oft so, dass diese Dinge nicht besprochen wurden. Sie wurden oft beschwiegen – auch um an diese Traumata nicht mehr denken zu müssen und sie nicht an die Kinder und Enkel weiterzugeben. Aus der psychologischen Forschung weiß man: Das Gegenteil ist der Fall. Die Traumata, die eine Person hat, wenn sie ein Vernichtungslager überlebt hat, werden in Familien an die zweite und dritte Generation weitergegeben. Die Traumata bleiben präsent, auch unausgesprochen.

Ein heute 18-Jähriger hat kaum mehr die Möglichkeit, mit Zeitzeugen zu reden. Wie können sich junge Menschen heute mit dem Holocaust auseinandersetzen?

Das Gespräch mit Zeitzeugen ist eindrucksvoll und wichtig. Aber wir haben all das, was uns die Zeitzeugen überliefert haben, dokumentiert. In Berichten, in Büchern, in Videoaufnahmen.

Aber wer erzählt uns morgen vom Gestern?

Wichtig ist neben der zeitgeschichtlichen Forschung die Arbeit an den KZ-Gedenkstätten. Es geht um aktive Aneignung der Geschichte. Für Jugendliche ist das forschende Lernen eine gute Methode. Man gibt ihnen zum Beispiel eine Quelle an die Hand, mit der sie den Dingen selbstständig nachgehen. Man muss nur erklären, was daran interessant ist. Die Akten der Nürnberger Prozesse zum Beispiel. Das sind 42 dicke Bände, die vielleicht erst einmal abschrecken. Aber wenn man dann einmal reinliest und versteht, wie diese Prozesse verlaufen sind und um welche Verbrechen es dabei ging – dann kann es sehr spannend sein

Sollte man Gedenkstättenbesuche an Schulen zur Pflicht machen?

Wissen ist die Voraussetzung für Begreifen und Urteilen. Und dieses Wissen wird in Gedenkstätten vermittelt. Ich halte aber nicht allzu viel davon, jemandem zum Besuch zu zwingen. Junge Menschen haben wenig Lust auf etwas, zu dem sie gezwungen werden. Das bewirkt mitunter das Gegenteil.

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