„In Auschwitz werden Dimensionen sichtbar, die sprachlos machen“

Judith, Paula und Max erzählen von ihrem FSJ in Auschwitz.
Protokolle von Nora Pauelsen

Paula, Judith und Max (von links nach rechts) haben FSJ in Auschwitz gemacht.

Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

Auschwitz ist Ort und Symbol der Vernichtungsmaschinerie im Nationalsozialismus. Mehr als eine Million Frauen, Männer und Kinder wurden hier ermordet. Für die meisten Besucher*innen ist Auschwitz daher auch heute noch ein Ort des Grauens. Doch wie geht es Menschen, die tatsächlich in Oświęcim (polnischer Name für Auschwitz) leben? Judith, Max und Paula haben dort ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) gemacht und erzählen uns, wie sie die Zeit geprägt hat. 

„Ich habe extra mein Cello mitgenommen, um in belastenden Momenten Musik machen zu können“ 

Foto: privat

Judith, 21, studiert Soziologie und Geschichte. Sie hat ein FSJ im jüdischen Museum in Auschwitz gemacht:

„Bei der Arbeit im Museum gab es wenige Momente, die bedrückend für mich waren. Ich hatte ja was zu tun und war motiviert. Meistens führte ich deutsche Schulklassen durch das jüdische Museum, ab und an gab ich auch mal einen Workshop. Im Museum war es uns wichtig, das Leben der jüdischen Bevölkerung aufzuzeigen. Das sollte ergänzen, was über die Vernichtung im Lager berichtet wurde.

Ich hatte extra mein Cello mitgenommen, um in belastenden Momenten Musik machen zu können. Aber man verdrängt, dass man an einem Ort lebt, wo so viele Menschen getötet wurden. Ich habe sehr lange gebraucht, mich diesem Gedanken auszusetzen und eigentlich nur in der Freizeit gemerkt, wie mich die Geschichte berührt. Erst nach zehn Monaten habe ich so richtig deswegen geweint. Wenn ich jedes Mal super emotional darauf reagiert hätte, dass an meinem Wohnort Menschen ermordet wurden, hätte ich das ja auch gar nicht ausgehalten.

Bevor ich nach Auschwitz gegangen bin, haben manche befürchtet, dass es mir in diesem Jahr überhaupt nicht gut gehen wird. Aber mein Beschluss stand fest: Denn als Mensch und als Deutsche war es mir wichtig, aus dem Holocaust zu lernen. Ich fühle mich verantwortlich, darüber Bescheid zu wissen und mich zu sorgen, weil der Rechtspopulismus in Deutschland erstarkt ist.

Am Ende des Jahres hatte ich dann das Gefühl, wirklich sehr viel über das Lager zu wissen. Ich stellte mir dann auch immer wieder vor, wie Menschen erschossen und vergast wurden. Das war tatsächlich belastend. Ich war daher auch irgendwie froh, dass es nach einem Jahr vorbei war und ich in einen neuen Lebensabschnitt starten konnte.“

„Wer einmal in einer Gedenkstätte war, ist nicht mehr respektlos“ 

Foto: privat

Max, 18, macht gerade ein FSJ in der internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz:

„Viele junge Leute sagen: ‚Was hat der Holocaust noch mit mir zutun? Das liegt so weit in der Vergangenheit‘. Aber das finde ich falsch. Heute muss mindestens ein Streifenwagen vor einer Synagoge stehen, damit Leute angstfrei ihre Religion ausüben können. Was sind das für Zustände? Ich glaube, viele Leute haben aus der Geschichte nicht gelernt. In der Schule kommt das Thema Holocaust auch noch zu kurz. 

Dass ich gerade an dem Ort ein Jahr Zeit verbringen möchte, wo so viele Menschen umgekommen sind, überraschte viele meiner Freunde. Aber mich hat Auschwitz lange interessiert. Auch mein Vater hat seinen Zivildienst hier in Auschwitz gemacht. Außerdem hat er als Dokumentarfilmer einen Film über die rechte Szene gedreht. So waren der Holocaust und die aktuelle Politik immer ein Thema bei uns Zuhause. Mit der Klasse war ich auch schon im KZ Buchenwald. 

Ich genieße es, mit Jugendgruppen zu arbeiten. Es wird nie langweilig. Die Schüler behandeln die Geschichte auch nicht respektlos. Klar, es gibt vor allem an Schulen viele Judenwitze. Sobald die Schüler dann aber hier sind, realisieren sie, was das für ein Ort ist. Wer einmal in einer Gedenkstätte war, ist nicht mehr respektlos. 

Man muss sich vor dem FSJ schon im Klaren darüber sein, womit man jeden Tag konfrontiert wird. Am Anfang habe ich versucht, alles als normale Arbeit anzusehen. Aber nachdem ich immer mehr über die NS-Zeit gelesen und mit Zeitzeugen gesprochen habe, wurde mir die Tragweite dessen bewusst. In Auschwitz werden Dimensionen sichtbar, die einen sprachlos machen. Man kann nicht von dem einen Ende des Friedhofs ans andere Ende schauen. Du siehst nur Horizont. Das ist echt heftig. Aber so schrecklich das alles ist, es gibt mir auch Energie, meinen Beitrag dafür zu leisten, dass sich die Geschichte nie wiederholen wird.“

„Ich mache jetzt ein Auslandssemester in Jerusalem, um auch die lebende jüdische Kultur kennenzulernen“ 

Foto: privat

Paula, 22, studiert Sozialwissenschaften. Sie hat 2016 und 2017 ein FSJ in der internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz gemacht:  

„Mein Highlight im FSJ war, den Zeitzeugen zu begegnen. Eine Jüdin aus Preslau ist mir in Erinnerung geblieben. Sie ging super ironisch an ihre Vergangenheit heran. Mit schwarzem Humor. Als sie gefragt wurde, was sie der Jugend mitgeben würde, sagte sie: ‚Redet miteinander, bevor ihr euch totschlagt.‘ Das hat mich beeindruckt. 

Dieses Jahr hat mich sehr geprägt. Deshalb habe ich begonnen, Sozialwissenschaften statt Kunst zu studieren, wie ich es eigentlich geplant hatte. Ich denke jetzt auch anders über manche Themen nach. Erst im Nachhinein ist mir aufgefallen, wie sehr mich diese Zeit beeinflusst hat. Ich mache jetzt ein Auslandssemester in Jerusalem, um auch die lebende jüdische Kultur kennenzulernen. Ein Jahr lang habe ich mich ja nur mit dem Leiden jüdischer Menschen beschäftigt. Jetzt in Israel zu sein, fühlt sich wie eine Abrundung meiner Erfahrung an. Es wird der jüdischen Kultur nämlich überhaupt nicht gerecht, sich nur mit dem Holocaust zu beschäftigen.

Gerade im Winter gab es Momente, in denen ich sehr nachdenklich und demütig wurde. Ich war zum ersten Mal von Zuhause weg, meine Freunde haben sich nicht so häufig gemeldet, wie ich wollte und dazu war es noch dunkel und kalt. Wenn ich dann aber auf der ‚Judenrampe‘ stand, also dort wo selektiert wurde, habe ich meine Alltagsleiden relativiert. Mir wurde bewusst, dass meine Situation nicht so schlimm war. Ich trug eine Daunenjacke und konnte gleich wieder rein gehen, ich hatte genug zu Essen. Dieses Relativieren meiner kleinen Probleme habe ich nach diesem Jahr mit in meinen Alltag genommen. Auch jetzt rufe ich mir noch in Erinnerung, dass es mir eigentlich gar nicht so schlecht gehen kann. Mich hat die Zeit dankbar werden lassen für das, was ich habe. 

Meine ganze Familie samt Oma und Tante haben mich in Auschwitz besucht. Die fanden meine Arbeit spannend und waren beeindruckt. Ich hatte das Gefühl, mein Freiwilligendienst hatte nicht nur einen Mehrwert für mich, sondern für die ganze Familie. Das war schön.“  

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