„Viele Muslime fühlen sich allein gelassen“

Seyma Yüksel will in der Münchner Fußgängerzone auf Rassismus gegen Muslim*innen aufmerksam machen. Wen erreicht sie damit?
Reportage von Marcel Laskus
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Foto: Marcel Laskus

Es ist 12 Uhr mittags, als das stille Gedenken an jene beginnt, die getötet wurden, weil sie Musliminnen und Muslime waren. Es ist 12 Uhr mittags, als es damit auch fast schon wieder vorbei ist. 

Bling, blang, bling. Wie immer zu dieser Uhrzeit läutet das Glockenspiel am Münchner Marienplatz. Und weil es so schrill ist und sich die bunten Figuren oben am Rathaus so hübsch drehen, schauen die Menschen nicht mehr auf die Ausstellung zum „Tag gegen antimuslimischen Rassismus“, der soeben begonnen hat. Sie schauen nun lieber nach oben, zum Glockenspiel, mit gestreckten Hälsen und offenen Mündern. Sie schauen über die Staffeleien und Infotafeln hinweg, die Seyma Yüksel und ihre Freundinnen und Freunde vom Münchner Muslimrat aufgebaut haben. Es bimmelt und klingelt noch eine Weile an der Fassade des Rathauses. Dann laufen die Menschen weiter.

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Eine Passantin betrachtet eine Tafel, die Attacken auf muslimische Einrichtungen auflistet.

Foto: Marcel Laskus

Da ist es also wieder, das bekannte Problem: Wie erregt man Aufmerksamkeit für ein Thema, das viele Menschen in Deutschland relevant finden, für das sich aber nur sehr wenige langfristig interessieren? Warum gingen vor ein paar Wochen Zehntausende zu „Black Lives Matter”-Demonstrationen auf die Straße, angestoßen von den Geschehnissen in einem anderen Land – nach der Tat von Hanau, einer Stadt, die mitten in Deutschland liegt, aber nicht? Diese Fragen schwingen mit, wenn man Seyma Yüksel an diesem Tag begleitet.

Jeden zweiten Tag wurde 2019 eine muslimische Einrichtung in Deutschland angegriffen

Christchurch. Die NSU-Morde. Utøya. Der Amoklauf am Olympia-Einkaufszentrum. Das sind für immer mit den Taten verbundenen Ortsmarken. Sie alle sind chronologisch auf den Staffeleien vermerkt und erläutert. Was man auch lesen kann: Jeden zweiten Tag wurde im Jahr 2019 im Schnitt eine muslimische Einrichtung angegriffen. Über diese Fälle wird berichtet, das schon, sagt Seyma Yüksel. Aber sie würden nicht in das Bewusstsein der Gesellschaft vordringen. „Wir wollen mit dieser Aktion die Menschen erreichen, die noch nicht viel darüber wissen“, sagt sie.

Als neuester Ort, mit dem man für lange Zeit die Erinnerung an eine schreckliche Tat verbinden wird, steht an letzter Stelle der Ausstellung: Hanau. Hier ermordete ein Deutscher am Abend des 19. Februar 2020 zehn Menschen, viele von ihnen waren muslimisch.

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Zehn Tafeln auf dem Marienplatz listen die Hintergründe zu tödlichen Angriffen auf muslimische Einrichtungen und Menschen auf.

Foto: Marcel Laskus

Das haben die Taten gemeinsam, deren Opfer an diesem 1. Juli gedacht werden soll: In Hanau wie in Christchurch, in Utøya wie in München wurden Menschen ermordet, und immer galten die Angriffe Musliminnen und Muslimen. „Das waren deutsche Staatsbürger aus der Mitte der Gesellschaft in Hanau“, sagt die 28-jährige Seyma Yüksel über die Tat von Hanau. Sie arbeitet als Juristin und ist stellvertretende Vorsitzende im Muslimrat München. Sieben Stunden steht sie an diesem Mittwoch mit anderen Helferinnen und Helfern auf dem Marienplatz, um heute an die Opfer und ihre Namen zu erinnern. Die Überschrift lautet „Say Their Names“. Und mit „Their“ sind explizit nicht die Täter gemeint, sondern die Opfer.

Der Bezugspunkt für diesen Tag ist der Jahrestag des Mordes an der aus Ägypten stammenden Pharmazeutin Marwa El-Sherbini. Im August 2008 wurde die junge Frau, als sie gerade mit ihrem kleinen Kind auf einem Dresdner Spielplatz war, von einem Mann als „Islamistin“ und „Terroristin“ beschimpft. El-Sherbini rief daraufhin die Polizei und zeigte den Mann wegen Beleidigung an, weshalb es am 1. Juli 2009 zur Verhandlung im Dresdner Landgericht kam. Dort zückte der Mann im Gerichtssaal ein Messer und tötete El-Sherbini mit 28 Stichen.

Auch an diesem Tag hat Seyma Yüksel um Polizeischutz gebeten

Der Fall schockierte vor elf Jahren die Menschen im ganzen Land, ganz besonders aber Musliminnen und Muslime. Gerade weil der Mord in einem vom Staat geschützten Raum stattfand, in einem Gerichtssaal, vor den Augen von überrumpelten Sicherheitskräften. Auch an diesem Mittwoch hat Seyma Yüksel um Polizeischutz für die Veranstaltung gebeten. Man wisse nie, was passiert. Vier Beamte stehen nur ein paar Meter entfernt von den Gedenktafeln; eingreifen müssen sie an diesem Tag nicht. 

Was dachte Seyma Yüksel, als sie, die damals 17 war, von dem Mord an El-Sherbini hörte? Sie habe es kaum mitbekommen, sagt sie. „Ich habe nicht das Gefühl, dass über solche Taten so viel berichtet wird, wie über andere Gewalttaten.” Damals haben am Tag nach dem Mord die großen Zeitungen zwar die Meldung vom Mord auf ihre Titelseiten genommen, von der Süddeutschen Zeitung bis zur FAZ, zumindest an kleinerer Stelle. Aber wie jetzt, vier Monate nach Hanau, ebbte die öffentliche Debatte auch damals recht schnell wieder ab. Nach Hanau war es die Coronakrise, die all die Aufmerksamkeit auf sich zog und die neun Opfer ein Stück weit in Vergessenheit geraten ließ. Aber wäre es ohne Corona so viel anders gewesen? Auch deshalb ist Seyma Yüksel heute hier.

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150 Namen von Opfern von antimuslimischem Rassismus sind rund um die Ausstellung aufgelistet.

Foto: Marcel Laskus

Als das Glockenspiel am Marienplatz verklungen ist, kommen einige Menschen dann doch noch näher und sehen sich um. Man erkennt meist schon an der Körperhaltung, mit welchem Interesse da jemand von Staffelei zu Staffelei läuft.

Da sind die Neugierigen, die sich vorsichtig der Ausstellung nähern, meist bleiben sie einen Moment stehen vor den einzelnen Tafeln, um sie dann von oben nach unten zu lesen – die Hintergründe zur Tat und die Lebensläufe der Opfer. Ludwig zum Beispiel, 18 Jahre alt, hat sich alle zehn Tafeln angesehen, fast eine Viertelstunde stand er vertieft davor. Was er beim Lesen darüber gedacht hat? „Grausam“, sagt er und macht eine Pause. „Ich kannte das alles, aber es war noch mal interessant, es so zu lesen.“ 

Die zweite Gruppe, die mehr oder weniger direkt Betroffenen, kommt direkt mit Seyma Yüksel und ihren Freundinnen und Freunden ins Gespräch. Eine etwa 50 Jahre alte Deutschtürkin spricht Seyma Yüksel auf Türkisch an und fragt direkt, wo sie denn hier für etwas unterschreiben könne. Andere lesen die Tafeln ebenfalls aufmerksam. Wissen sie all das nicht schon? Wahrscheinlich, sagt Seyma Yüksel. „Aber das zu sehen, gibt ein Gefühl der Repräsentation. Viele Muslime fühlen sich allein gelassen, als würden die Angriffe auf sie gar nicht stattfinden im Bewusstsein der Deutschen.“ Einem 36-Jährigen, der sagt, er sei muslimischer Bosnier, ist die Haltung der Aktion sogar zu defensiv: „Das waren keine Amokläufe, das waren Terrorangriffe auf Muslime!“, ruft er so laut, dass sich ein paar Unbeteiligte nach ihm umdrehen.

Und dann gibt es noch die dritte Gruppe, die man gut daran erkennt, dass sie nicht fragend an die Ausstellung herantreten, sondern mit einer sichtbaren Gewissheit. Nur wenige Minuten nach Beginn läuft ein bekannter Islamkritiker durch die Ausstellung und fotografiert die einzelnen Abbildungen mit dem Handy. Per Zufall sei er hier, sagt er, wenn man ihn danach fragt. Er habe nichts von der Veranstaltung gewusst. Nun wolle er mal sehen, wie der Islam hier dargestellt wird. Das mit dem Zufall ist eher unwahrscheinlich. So gut wie täglich, das kann man nachlesen, schreibt er für ein rechtsextremes Blog über den Islam. 

"Warum geht es hier nicht auch um die Kirchen, die von Muslimen kaputt gemacht werden?", fragt ein Mann

Ein paar Minuten später redet Ercan, der 29 Jahre alt und ebenfalls im Münchner Muslimrat aktiv ist, mit einem älteren Herrn, der kopfschüttelnd die Tafeln liest. Was ihn daran stört? „Warum geht’s auf den Tafeln nicht auch um die Kirchen, die kaputt gemacht werden von Muslimen?“, fragt der Mann an Ercan gerichtet. „Das ist auch wichtig und schlimm“, sagt Ercan „Aber heute wollen wir für die getöteten Muslime ein Bewusstsein schaffen.“  Die beiden Männer diskutieren dann noch eine Weile miteinander, über Religionsfreiheit, über die Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Islam, über die Grenzen der Toleranz und über die Dankbarkeit, die Ercan empfindet, in einem liberalen Land wie Deutschland zu leben.

„Sie haben schon recht“, sagt der Mann irgendwann, dreht sich um und spaziert davon. War das jetzt ernst gemeint, gab er ihm gerade wirklich Recht? Oder wollte der Mann bloß seine Ruhe? Ercan jedenfalls lächelt nun für einen Moment. Für das Diskutieren sei er ja hier. 

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