Steht endlich auf und sagt etwas

Unsere Autorin lebt in Deutschland – und hat Angst nach den jüngsten rechtsextremistischen Gewalttaten. Ein Hilferuf.
Von Franziska Setare Koohestani
solidaritaet gegen hass

Zusammenstehen gegen den Hass: Wir brauchen jetzt echte Solidarität.

Illustration: Federico Delfrati

Meine Mama schläft schlecht. Anfang vergangener Woche erzählte sie mir von den Albträumen, die sie plagen. Während sie schilderte, wie ihre Kinder in diesen Träumen Opfer von rechter Gewalt werden, wollte ich mir die Ohren zuhalten. Stattdessen aber versuchte ich intuitiv, sie zu beschwichtigen. Ich wollte ihre Angst abwehren, weil sie im Grunde auch die meine ist. Damit sind wir nicht alleine. Viele Menschen, die im Visier rechten Hasses stehen, spüren solche Angst schon viel zu lang. Es ist eine Angst, die einsam macht. Zum einen, weil sie kaum ernstgenommen wird. Vor allem aber, weil sich durch sie nicht das in Bewegung setzt, was dringend notwendig wäre: kollektive und bedingungslose Solidarität.

Als meine Mama mir von ihren Albträumen erzählte, war es erst wenige Tage her, dass die rechtsextreme „Gruppe S.“ hochgenommen worden war, die Anschläge auf Moscheen in zehn Bundesländern plante. Das hat uns erschüttert, aber im Grunde nicht überrascht. Rassifizierte Menschen und ihre Angehörigen machen schließlich schon so lange darauf aufmerksam, wie stark Rassismus in Deutschland verankert ist. Sie warnen vor einer rechtsextremen Terrorwelle. Der NSU-Terror, der Mord an Walter Lübcke, der antisemitische Anschlag in Halle, aber auch Alltagsrassismus, und nicht zuletzt die rund 550 rechtsradikalen Verdachtsfälle in der Bundeswehr und das „Racial Profiling“ der Polizei.

Ich habe Angst, obwohl ich in Deutschland aufgewachsen bin, obwohl Deutsch meine Muttersprache ist

Die Angst, die rassifizierte Personen erleiden, kommt nicht von ungefähr – sie ist erschaudernd rational. Nur wenige Tage nach dem Gespräch mit meiner Mama tötet der Deutsche Tobias R. in Hanau aus rassistischen Motiven neun Menschen: Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Said Nessar El Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoglu und Vili Viorel Pāun. Ich kann kaum treffend beschreiben, wie traurig und wütend mich das macht. Ich trauere um die Opfer und fühle mich ihnen zumindest durch eines verbunden: durch den Blick von außen, der uns trifft, uns zu „Anderen“ macht und uns dadurch rassifiziert.

Seither bin ich gänzlich unfähig, meine Angst zu verdrängen. Ich habe Angst, obwohl ich in Deutschland aufgewachsen bin, obwohl Deutsch meine Muttersprache ist, obwohl ich einen deutschen Pass habe. Dabei sollte es doch genügen, in Deutschland zu leben – egal wie lange schon – um sich hier sicher fühlen zu dürfen. Für manche genügt das hingegen, um sich zu fürchten.

In den vergangenen Tagen haben mich ein paar Nachrichten von Freund*innen erreicht, die ihre Solidarität versprechen – manche von ihnen sind selbst von Rassismus betroffen, andere nicht. Das hat mir etwas Hoffnung gegeben. Trotzdem musste ich in den vergangenen Tagen wieder feststellen: Zu den Mahnwachen und Kundgebungen gegen Rassismus und rechte Gewalt gehen noch immer hauptsächlich rassifizierte Menschen und linke Antifaschist*innen. Sie sind es, die sich engagieren und konkrete Forderungen an die Politik stellen.

Mich irritiert, wie gelassen Weiße bleiben können, wenn sie über Rassismus sprechen

Bei anderen ist das anders: Ich erinnere mich an zahlreiche Situationen, in denen pro-demokratische Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind, öffentlich oder privat über Faschismus und Rechtsextreme redeten. Es macht mich oft betroffen, wie sie darüber sprechen. Wenn sie zum Beispiel die Notwendigkeit betonen, „mit Rechten zu reden“. Wie gelassen sie bleiben können und wie mich diese Gelassenheit irritiert. Ich erinnere mich daran, wie isoliert ich mich in diesen Situationen oft fühle, weil ich dabei großes Unbehagen empfinde. Meine Angst hindert mich oft daran, an diesen Diskursen teilzunehmen. Vielleicht bin ich zu aufgewühlt, zu emotional. Dennoch überwinde ich mich oft, manchmal nachträglich, und mache meinen Gefühlen Luft.

Es gibt in diesem Land ein Ungleichgewicht: Empathie wurde in der Vergangenheit vor allem für die eine Seite aufgebracht – nämlich die, mit denen man „unbedingt reden müsse“. Doch die Angst derer, die von Rassismus betroffen sind, wird immer noch viel zu selten berücksichtigt. Das ist falsch. Die Angst der Betroffenen muss endlich in den Diskurs geholt werden. Wir sollten uns damit nicht zurückziehen müssen. Wir sollten diese Furcht nicht verdrängen und uns nicht von ihr lähmen lassen. Unsere Angst vor rechter Gewalt ist erschaudernd rational. Sie sollte Weiße dazu veranlassen, sich an unsere Seite zu stellen.

Ich stelle mir vor, welche Gespräche andere von Rassismus betroffene Familien in der vergangenen Woche geführt haben müssen, welche Fragen sich rassifizierte Menschen nun stellen: Müssen wir bald in ein anderes Land gehen, um sicher zu sein? Und: Wann müssen wir weg? Dann, wenn die Rechten uns jagen? Tun sie das bereits? Ich denke an Eltern, die um die Zukunft ihrer Kinder fürchten. Und an Kinder, die diese Angst der eigenen Eltern schmerzt, die sie vielleicht selbst auch fühlen. Ich denke an Menschen, die versuchen, sich trotz allem nicht einschüchtern zu lassen. An Menschen, die daran scheitern und sich kaum mehr aus dem Haus trauen. Ich denke an in Deutschland lebende People of Color, an Schwarze Menschen, Nicht-Weiße, Menschen mit Migrationshintergrund, Geflüchtete, Muslim*innen, Kurd*innen, Alevit*innen, Jüd*innen und viele mehr. Wer sorgt sich überhaupt um und wer sorgt für ihre und unsere Sicherheit?

Steht auf und sagt etwas, wenn ihr Rassismus erlebt

Ich wünsche mir, dass sich mehr Menschen in diese Lage versetzen – insbesondere jene, die sich solche Fragen niemals stellen müssen. Alle, die gegen Rassismus und Faschismus sind, sollten in Zukunft noch konsequenter dagegen aufbegehren: im Kleinen wie im Großen. Wenn jemand wie Horst Seehofer, der einst Migration für „die Mutter aller Probleme“ hielt, jetzt ankündigt, die Polizeipräsenz in Deutschland zu erhöhen, dann werde ich skeptisch. Auch, weil die Polizei für viele rassifizierte Personen nicht unbedingt als das gilt, was gegenwärtig Sicherheit bietet.

Es muss völlig klar sein, dass der Terroranschlag in Hanau kein Angriff auf uns alle hier in Deutschland war. Denn es war ein Angriff auf eine bestimmte Gruppe. Eine Gruppe, die schon lange Angst hat. Aber wir alle stehen in der Verantwortung, jetzt – eigentlich schon vorvorgestern – gegen Rechtsextremismus und Rassismus aktiv zu werden. Tröstende Gesten und Anteilnahme reichen einfach nicht aus.

Wir brauchen echte Solidarität. Konkret bedeutet das: Hört von Rassismus betroffenen Personen zu. Zweifelt nicht an ihrem Schmerz. Nehmt ihre Angst ernst. Gewährt ihnen Schutz. Steht auf und sagt etwas, wenn ihr Rassismus erlebt. Organisiert euch gegen rechts. Geht auf die Straße. Stellt Forderungen. Leistet Widerstand. Kämpft gegen Faschismus. Gegen Rassismus. Gegen den Hass.

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