„Die Gesellschaft soll mit Falschinformationen vergiftet werden“

Alex Urban von #ichbinhier über Internet-Hetze und ihren Einfluss auf Wahlen.
Von Berit Dießelkämper

Foto: Peter Beckenbach Bearbeitung: jetzt

Alex Urban ist Leiter der Facebook-Gruppe #ichbinhier, die gegen rechte Hetze im Netz kämpft. Die 44 000 Mitglieder der Gruppe kommentieren, diskutieren und argumentieren sachlich unter rechten Postings – aber das reicht nicht. Denn Troll-Armeen verzerren den Diskurs im Netz und können so nicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch politische Wahlergebnisse beeinflussen. Mit uns hat Alex darüber gesprochen, was geschehen muss, damit die Europa- und Landtagswahlen in diesem Jahr nicht von Desinformationen beeinflusst werden und warum man Online-Kommentarspalten nicht sich selbst überlassen sollte. 

jetzt: Ihr kommentiert unter Hasskommentare. Warum ist das überhaupt notwendig?

Alex Urban: Wir kämpfen nicht unbedingt nur gegen Hasskommentare im Netz, sondern auch – und das ist mit Blick auf die Europa- und Landtagwahlen noch viel wichtiger – gegen Desinformation. Der Begriff „Hate Speech“ ist dabei mittlerweile zu verharmlosend, beziehungsweise umfasst nicht das, was eigentlich alles in den Kommentarspalten passiert. Die Gesellschaft soll mit Falschinformationen vergiftet werden. Ich halte das für fast noch gefährlicher als reine Beleidigungen und Pöbelei.

Wieso?

Auf diese Weise gelangen rechtes Gedankengut und populistische Themen in die Mitte der Gesellschaft. Man sieht ja bereits, dass Schlagworte aus den Kommentarspalten übernommen werden, wenn beispielsweise CSU-Politiker von „Asyltourismus“ reden. Das zeigt, dass die Sprache tatsächlich auch in demokratischen Parteien ankommt – da verschiebt sich etwas. 

Wie funktioniert die Internet-Hetze?

Das sind koordinierte Kampagnen die eine Art Parallelwelt oder Echokammer im Netz schaffen, in der sich einige wenige mit Fake- und Mehrfachprofilen gegenseitig verstärken. Sie haben einen hohen Vernetzungsgrad, sodass unter einem „Abschieben!“-Kommentar gerne mal 500 Likes zusammenkommen. Dazu kommen dann noch einzelne User, die gezielt weiter zündeln, Unwahrheiten verbreiten und Stimmung machen. So entsteht der Eindruck, dass diese Meinung tatsächlich mehrheitsfähig ist und im schlimmsten Fall fühlt sich jemand wie beispielweise in Neuseeland berufen, etwas gegen die vermeintliche „Umvolkung“ zu tun. 

„85 Prozent der parteipolitischen Postings auf Facebook kommen von der AfD“

Das klingt ein bisschen so, als wären wir alle dumme Schafe, deren Meinung ganz einfach durch ein paar Hasskommentare und Likes in den sozialen Medien beeinflusst werden kann.

Es sind nicht nur ein paar Hasskommentare. Eine Studie hat gezeigt, dass 85 Prozent der parteipolitischen Postings auf Facebook von der AfD kommen und sich nur die restlichen 15 Prozent auf alle anderen Parteien verteilen. An diesem Ungleichgewicht erkennt man, in welchem Umfang rechte Gedanken und Narrative verbreitet werden. Die anderen Parteien gucken im Grunde nur zu und haben noch nicht so wirklich verstanden, wie das Internet funktioniert. Ganz offensichtlich sind Teile der Gesellschaft und Vertreter der etablierten Parteien sehr empfänglich dafür, ansonsten würden sie nicht permanent von „Flüchtlingskrise“ sprechen, obwohl nur noch einige wenige zu uns über die Grenzen kommen.

Was kommt deiner Meinung nach in diesem Jahr Internethetze-mäßig auf uns zu?

Momentan ist es noch relativ ruhig, aber das ist auch tagesformabhängig. Wenn so etwas wie die Anschläge in Sri Lanka passiert, dann ist in den Kommentarspalten natürlich die Hölle los. Was aber auf jeden Fall jetzt schon gemacht wird ist, dass die Wahlerfolge rechtsnationaler Parteien in den europäischen Mitgliedstaaten wie beispielsweise in Spanien, Ungarn oder Polen immer wieder aufgegriffen werden. Sie behaupten, dass die Patrioten in den europäischen Mitgliedsstaaten immer stärker werden und ein Europa der Nationalstaaten bald Normalität sein wird.

Ständig gegen diese Behauptungen anzureden – ist das nicht ein Kampf gegen Windmühlen?

Natürlich, aber wir sehen uns auch nicht als die Initiative, die das Problem lösen wird, soll oder kann. Wir nehmen eher eine Art Platzhalterfunktion ein dort, wo Social-Media-Redaktionen oder auch Facebook noch nicht aktiv genug sind. 

Was muss konkret passieren, damit die Wahlen nicht von Desinformationen beeinflusst werden?

Die Kommentarspalten unter den Beiträgen der verschiedenen Redaktionen müssen moderiert werden und die Online-Medien müssen einschreiten, wenn beleidigt wird oder eindeutige Desinformationen verbreitet werden. Redakteure müssen mehr Verantwortung übernehmen und die Diskussion in eine richtige Bahn lenken, falsche Behauptungen richtigstellen oder offensichtliche Lügen löschen. Das hat auch nichts mit Zensur zu tun. Studien zum Einfluss von Community-Managern zeigen, dass mit Moderation und sachliche Gegenrede die Qualität von Online-Diskussionen nachhaltig verbessert werden.

Anfang des Jahres hast du in einem offenen Brief besonders die Öffentlich-rechtlichen Online-Redaktionen kritisiert. Warum?

Weil in ihren Kommentarspalten zwar viel getrollt wird, sie aber beinahe gar nicht darauf reagieren. Speziell bei ZDF heute sind es immer die gleichen, teilweise rechtsextremen oder zumindest rechtspopulistischen Accounts, die die Kommentarspalten für sich nutzen. Ich sehe zum einen nicht ein, dass ich mich als Gebührenzahler beleidigen und von dort verjagen lassen muss, und zum anderen will ich nicht, dass Öffentlich-rechtliche Sender – überspitzt gesagt – von Rechtsextremen gekapert werden.