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Foto: dpa / Lino Mirgeler

Vor Wahlen erfreuen sich Umfragen großer Beliebtheit, weil sie viel über die aktuelle Stimmung im Land aussagen. Welcher Kandidat liegt vorne, welche Partei hat gerade Probleme, was beschäftigt die Menschen im Land? Umfragen werden immer häufiger erhoben, doch vor allem in den vergangenen Jahren wurden sie auch unpräziser. Außerdem können sie die immer größer werdende Gruppe der unentschlossenen Wähler beeinflussen. Was bedeutet das für die Landtagswahl in Bayern? 

Dr. André Haller ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Kommunikationswissenschaftliche Skandalforschung, Wahlkampfkommunikation und Journalismus und Medienwandel, insbesondere Datenjournalismus. Im Interview erklärt er die Bedeutung von Wahlumfragen, warum so viele diesen Umfragen glauben und inwiefern Menschen dadurch beeinflusst werden. 

jetzt:  Herr Dr. Haller, interessieren Sie aktuelle Wahlumfragen? Wie konsumieren Sie solche Umfragen?

Dr. André Haller: Ich recherchiere regelmäßig, wann neue Wahlumfragen veröffentlicht werden. Diese Umfragen interessieren mich sehr, sowohl privat als auch beruflich und ich schaue gerne auf Sammelseiten im Internet nach.

Bei der Wahl in den USA lagen die Umfragen aber daneben.

Bei der Trump-Wahl ist interessant, dass man lange Zeit in deutschen Medien nur die sogenannte Popular-Vote-Umfrage gezeigt hat, in der Hillary Clinton immer einen Vorsprung hatte. Das Problem an dieser Umfrage ist, dass es sich dabei um eine Hochrechnung auf das gesamte Land handelt. Tatsächlich haben ja auch mehr Menschen Clinton gewählt, aber durch das Mehrheitswahlsystem in den USA ist das ganze völlig hinfällig. Ich glaube, deswegen waren in Deutschland auch so viele geschockt über den Wahlausgang.

André Haller ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft der Otto-Friedrich-Universität Bamberg

André Haller ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft der Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Foto: Privat

Die Berichterstattung zur Landtagswahl in Bayern ist, wie schon bei anderen Wahlen zuvor auch, sehr von Wahlumfragen geprägt. Welchen Sinn und Zweck erfüllen solche Umfragen?

In erster Linie werden diese Umfragen in Auftrag gegeben, weil Redaktionen und Medienunternehmen ihre Berichterstattung schöner Bebildern wollen. Das ist eine Erscheinung, die wir „horse-race-journalism“ nennen. Der ist dadurch geprägt, dass gerne Sportvokabular verwendet wird, zum Beispiel „Vorsprung schrumpft“, oder „Merkel vor Ziellinie“. Es werden auch immer mehr Umfragen in Auftrag gegeben, um zu sehen, wie sich die Stimmung gerade entwickelt. Gleichzeitig wird es aber auch inflationär. Mein Eindruck:, Viele Leute glauben den Umfragen zu sehr. Wir haben zum Beispiel bei der Bundestagswahl gesehen, wie in den Umfragen die AfD sehr viel schlechter da stand als im Ergebnis. Die soziale Erwünschtheit hat das Ergebnis in den Umfragen ein bisschen gedrückt.

Wie rezipieren die Menschen Wahlumfragen?

Wir wissen aus der Rezeptionsforschung, dass grafische Elemente wie Bilder, Diagramme und Abbildungen die ersten Blickfänger neben den Überschriften sind. Demnach kann man schon sagen, dass diese Wahlumfragen, wenn sie denn grafisch aufbereitet sind, auf Zeitungsseiten oder im Internet, breit rezipiert werden. Solche Diagramme vereinfachen und sind deswegen beliebt.

Inwiefern könnten Wahlumfragen die Landtagswahl in Bayern beeinflussen?

Sie haben vor allem einen großen Effekt auf Politiker und Parteien. Gerade in der Schlussphase von Wahlkämpfen werden die unentschlossenen Wähler immer wieder thematisiert. Besonders deutlich wurde das im Wahlkampf von Martin Schulz 2017. Er sagte, dass viele Menschen kurz vor dem Wahltag noch nicht wüssten, wen sie wählen wollen. Parteien und Kandidaten machen sich damit also Hoffnung, um die eigene Kampagne aufrechtzuerhalten und die eigenen Leute, die Sympathisanten und Parteimitglieder weiter zum Mitmachen zu motivieren. Das nennen wir in der Kommunikationswissenschaft „strategisches Framing“ von sozialen Phänomenen, wie eben die Zahl unentschlossener Wähler in Umfragen.

„Die Leute sind gerne auf der Seite der Mehrheit“

Und werden die unentschlossenen Wähler durch Wahlumfragen und aktuelle Trends beeinflusst?

Ein bestimmter Teil der unentschlossenen Wähler mit Sicherheit. Wenn wir uns diese Gruppe ein bisschen genauer anschauen, sehen wir auch, dass viele Leute dabei sind, die nicht politikaffin sind. Wenn sich Menschen schlichtweg nicht für Politik interessieren, kommen sie auch nicht ständig mit Wahlumfragen in Kontakt und werden nicht beeinflusst.

Anders ist es bei Leuten, die viel Zeitung lesen, sich im Internet informieren oder regelmäßig die Tagesschau sehen. Wir kennen den sogenannten Bandwagon-Effekt, der aussagt, dass Leute gerne auf der Seite der Mehrheit, der Gewinner sein wollen. Deswegen wählen sie eher eine Partei, von der sie erwarten, dass sie gewinnen wird. Es kann aber auch genau andersherum sein: nämlich dass Leute, die vielleicht eine kleine Partei wählen wollen, durch Umfragen sehen, dass es für diese Partei eng wird. Diese Leute gehen dann erst recht zu Wahl, um den Underdog zu unterstützen. Dieser Einfluss der Wahlumfragen ist aber wahnsinnig schwierig zu messen.

Als 2013 die FDP aus dem Bundestag geflogen ist, lag die Partei in den Umfragen immer bei etwa sechs Prozent. Am Ende ist sie an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. Vermutlich, weil viele FDP-affine Wähler sich gedacht haben, dass es schon reichen wird – und dann nicht zur Wahl gegangen sind.

Was heißt das für die CSU, die laut aktuellen Umfragen so schlecht dasteht wie noch nie? Mobilisiert das eher Wähler oder schreckt es sie ab?

Das kann ich leider nicht einschätzen. Die Strategie der Partei zeigt aber, dass sie ihre Stammwähler immer stärker anspricht. Eine der Kernaussagen der CSU ist ja, dass Bayern stabil bleiben muss. Damit zielt die Partei auf potentielle AfD-Wähler ab, die eigentlich der konservativen Wählerschaft angehören.

Aus der CSU ist ja zu hören, dass es auch mit etwa 40 Prozent für die absolute Mehrheit der Sitze im Landtag reichen könnte, wenn die FDP nicht in den Landtag einzieht. Wenn solche Szenarien erzählt werden, kann das einen großen Mobilisierungseffekt auf Parteipolitiker haben.

Umfragen sind Momentaufnahmen, quasi Blitztabellen für die Politik. Warum messen so viele ihnen so große Bedeutung zu?

Die Leute haben in den vergangenen Jahrzehnten ein sehr großes Vertrauen in die Demoskopie entwickelt, weil die wissenschaftlichen Methoden immer genauer geworden sind. Die Wahlumfragen waren bis in die 2000er-Jahre sehr zuverlässig in Deutschland. Wir erfahren derzeit auch eine Datafizierung. Das heißt, wir messen fast alles mit Daten. Das fängt im Privaten an. Immer mehr Menschen benutzen einen Fitness-Tracker, lesen auf dem Smartphone Bewegungsdaten aus, nutzen datengestützte Navigationssysteme. Demnach glauben sehr viele Menschen auch den Daten aus den Umfragen. Bis vor wenigen Jahren, als die Umfragen ein wenig unpräziser wurden, haben auch viele Menschen eine große Wissenschaftsgläubigkeit gehabt.

„Jüngere Menschen sind schwieriger zu rekrutieren in Umfragen“

Warum wurden die Umfragen ungenauer?

Dass kann ich mir nur so erklären, dass seltener angegeben wurde, dass jemand die AfD wählt, als es tatsächlich der Fall war. Zudem gibt es immer mehr Handys und weniger Festnetztelefone zu Hause. Über die werden Umfragen aber durchgeführt. Dadurch wird es immer schwieriger, eine zuverlässige Stichprobe zu ziehen. Jüngere Menschen sind schwieriger für Umfragen zu rekrutieren.

Andere Länder sind rigoroser im Umgang mit Umfragen. In Italien sind Veröffentlichungen zum Wahlverhalten 15 Tage vor dem Wahltag nicht mehr erlaubt, in Frankreich ist die Sperrfrist eine Woche. Fänden Sie so etwas für Deutschland auch sinnvoll?

Warum sollte man solche Restriktionen einführen? Es handelt sich doch eigentlich um einen normalen demokratischen Diskurs. Wenn jemand wissen möchte, zum Beispiel eine Redaktion, wie denn derzeit die Lage ist, sollte man das nicht unterbinden. Es ist aber wichtig, dass es in Redaktionen auch Journalisten gibt, die die Daten interpretieren können, die Entwicklungen erkennen, die Einbrüche oder Steigerungen in den Umfragen erklären können. Da ist eine wissenschaftliche Ausbildung hilfreich.

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