„Junge Leute begreifen, dass der Kapitalismus nicht mehr funktioniert“

Grace Blakeley ist britische Ökonomin, Autorin und sieht den einzigen Weg aus der Klimakrise in der Bewältigung des Kapitalismus.
Interview von Patricia Friedek

Grace Blakeley ist im National Policy Forum der Labour-Partei in Großbritannien.

Foto: privat

Grace Blakeley, 26, macht gerade Wahlkampf für die Partei von Jeremy Corbyn. Doch neben diesem Job gilt sie in Großbritannien als prominente Vertreterin des „millenial socialism“– also der zunehmend kapitalismuskritischen Haltung der Generation Y. Ihr Buch „Stolen. How to save the world from financialisation“ ist im September erschienen. Wir sprachen mit ihr darüber, welches politische System die Welt retten kann.

jetzt: Grace, wer wird die Wahlen am Donnerstag gewinnen?

Grace Blakeley: Das ist gerade sehr schwierig zu sagen. Seit Beginn der Wahlkämpfe lagen die Konservativen vorne. Es wirkte so, als würde es bei den Wahlen nur um den Brexit gehen und da haben die Tories ja eine sehr klare Position. Aber bei diesen Wahlen geht es um so viel mehr als den Brexit. Es geht um die Zukunft des öffentlichen Dienstes, den Zustand unseres Gesundheitssystems und um die Umwelt. Auf diese Probleme konzentriert sich Labour, deshalb haben wir in den Umfragen ziemlich aufgeholt und es ist jetzt viel knapper, als es am Anfang des Wahlkampfes aussah.

Trotzdem liegt deine Partei immer noch hinter den Tories. Welche Fehler hat Labour aus deiner Sicht gemacht?

Während des Wahlkampfes wurden der Labour Party Antisemitismus und Rassismus vorgeworfen. Viele Leute haben Jeremy Corbyn beschuldigt, Antisemit zu sein – was nicht wahr ist. Labour hat nicht schnell genug darauf reagiert und nicht dagegengesteuert. Das andere Problem ist der Brexit: Es gibt Wähler, die wollen in der EU bleiben und es gibt welche, die sie verlassen wollen. Die Politik, die Labour gerade macht, versucht es beiden Seiten recht zu machen.

Du bist Befürworterin des  „millenial socialism“, also des Sozialismus der Generation Y. Warum ist der Sozialismus aus deiner Sicht für junge Menschen attraktiv?

Seit der Wirtschaftskrise 2008 gewährleisten kapitalistische Gesellschaften nicht mehr die Lebensstandards, die es vorher gab. Junge Menschen verdienen weniger und haben schlechtere Jobs, sie können ihre Mieten nicht mehr bezahlen. Oben drauf kommt die Klimakrise, die durch die Idee befeuert wird, wir müssten Gewinn über alles andere stellen. Junge Leute begreifen langsam, dass der Kapitalismus nicht mehr funktioniert.

Inwiefern kann Sozialismus aus deiner Meinung nach den Planeten retten?

Er kann eine Lösung sein, wenn er richtig umgesetzt wird. Im Kapitalismus ist das zentrale Ziel aller Organisationen der Profit. Warum sollten Unternehmen ihre CO2-Emissionen reduzieren, wenn sie durch ihren Ausstoß Gewinn machen? Auch wenn man versucht, diese Unternehmen zu regulieren oder einzuschränken, werden sie immer Wege finden, das zu umgehen. Das haben wir bei der Bepreisung von Kohlenstoffemissionen gesehen. Der einzige Weg, das zu ändern, ist demokratisch zu entscheiden, was zukünftig produziert wird und wie. Der „Green New Deal“, also der komplette Umbau der europäischen Wirtschaft, ist meiner Meinung nach der einzige Weg, die Erderwärmung rechtzeitig zu stoppen. Das würde bedeuten, dass der Staat viel Geld in nachhaltige und grüne Produktion investiert. In England muss das in den nächsten zehn Jahren passieren.

Kevin Kühnert, mittlerweile stellvertretender SPD-Parteivorsitzender, hat dieses Jahr in einem Interview über die Verstaatlichung von Unternehmen in Deutschland gesprochen. Viele haben ihn deshalb für verrückt erklärt.

Im Vereinigten Königreich sind wir ein bisschen weiter als ihr in Deutschland. Ihr seht erst jetzt, wie schlimm die Wohnungsnot in Berlin sich entwickelt, dass die Löhne stagnieren, sich immer mehr Menschen verschulden und der öffentliche Dienst zusammenbricht. Ich denke, der Sozialismus hat in Deutschland bisher wenig Unterstützer.  Aber ihr seid kurz davor, eine ähnliche Verschlechterung in all diesen Bereiche zu erleben wie wir. Und wenn ihr so weit seid, wird sich auch in Deutschland die Debatte verändern.

„Man kann keinen funktionierenden Sozialismus ohne Demokratie haben“

Wir haben in Deutschland aber auch sehr schlechte Erfahrungen mit dem Sozialismus gemacht.

Das ist die klassische Reaktion, wenn man über Sozialismus spricht – er hat in der DDR und der UdSSR nicht funktioniert. Die Form von Kommunismus, die in diesen Staaten existiert hat, war eher ein staatlich gelenkter Kapitalismus, ähnlich wie in China heute. Der große Unterschied ist: Man kann keinen funktionierenden Sozialismus ohne Demokratie haben. Wir brauchen nicht nur Demokratie in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft. In vielen Hinsichten wäre es das genaue Gegenteil von dem, was in der DDR und der UdSSR passiert ist.

Wie willst du verhindern, dass der Sozialismus nicht zur Gefahr für die Demokratie wird?

Der Kommunismus wurde immer von kleinen Parteien angeführt, die dann die Kontrolle über das Land übernommen haben. Sozialismus, wie ich ihn mir vorstelle, ist von den Bürgern von unten angetrieben und nicht von jemandem, der allein die Macht hat. Die meisten politischen Parteien versuchen sich gegen den Sozialismus zu wehren – auch in der Labour Partei hat es lange gedauert, bis Sozialisten dort überhaupt Gehör gefunden haben. Solange die Politik das Volk einbezieht, wird es nicht so eine Machtkonzentration geben wie in den vorhergegangenen Regimes.

Wie würde ein perfektes Großbritannien für dich aussehen?

Es wäre eines, in dem jeder genug hat, um zu leben und sich zu entwickeln. Wo es ein perfekt funktionierendes Gesundheitssystem gibt, das für jeden frei zugänglich ist, wo jeder so viel Bildung bekommen kann, wie er oder sie braucht, und jeder die Möglichkeit hat, etwas Geld anzulegen. Nur so viel, um zu überleben und das Leben zu genießen. Es sollte eine Gesellschaft sein, in der alle kooperieren, um ein Ziel zu erreichen: die Bewältigung der Klimakrise.  

„Ich stehe der EU skeptisch gegenüber“

Auf welcher Seite stehst du dann beim Thema Brexit?

Ich stehe der EU skeptisch gegenüber. Wenn man wirklich versuchen würde, sozialistische Politik umzusetzen, zum Beispiel durch die Verstaatlichung von Banken oder großen Unternehmen, würde die Europäische Union das stoppen. Aber gerade stimmen wir darüber ab, mit welchem Deal wir austreten. Und der Deal, den Boris Johnson vorschlägt, ist wirklich schlecht. Um die britische Wirtschaft würde es danach noch viel schlechter stehen.

Was machst du, wenn die Labour Partei die Wahlen gewinnt?

Ich glaube, einfach schlafen! Für eine lange, lange Zeit. Ich war an über 50 Orten, von Schottland über Wales bis im Südwesten und Norden des Landes. Ich bin unglaublich erschöpft.

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