Von Ohnmacht und Hoffnung in der Diaspora

Seitdem die 22-jährige Kurdin Jina Mahsa Amini am 16. September in Polizeigewahrsam starb, finden in Iran Proteste statt.
IMAGO/ZUMA Wire

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Hinweis: Unsere Autorin bleibt aus Sicherheitsgründen anonym, um sich und ihre iranische Familie zu schützen.

Am 25. September, neun Tage nach dem Tod von Jina Mahsa Amini, schrieb mich eine ehemalige Schulfreundin an: „Ich musste bei all den Nachrichten über Iran an dich denken. Du hast da noch Familie, oder? Geht es allen gut?“ Ihre Worte lösten in mir komische, ganz unterschiedliche Gefühle aus – von der Wut auf das Mullah-Regime und die Zurückhaltung Deutschlands bis hin zum Stolz auf den Mut der Iraner:innen. Dieser manchmal undefinierbare Gemütszustand begleitet mich seit dem Beginn der Proteste konstant. Ich war dankbar für ihre Nachricht, doch gleichzeitig enttäuscht über die Frage: „Geht es allen gut?“ Sie zeigte mir einmal mehr, dass viele Menschen nicht wissen, dass die Menschen und insbesondere Frauen in Iran seit Jahrzehnten unterdrückt werden.        

Meine Antwort auf ihre Frage war fast fünfmal so lang. Ich begann bei der islamischen Revolution im Jahr 1979. Meine Mama war da 14 Jahre alt. Viele Iraner:innen lehnten sich damals gegen das Schah-Regime auf und erhofften sich mehr Freiheit und eine bessere wirtschaftliche Situation im Land. Dieses Momentum der Unzufriedenheit und Auflehnung gab Khomeini die Möglichkeit, an die Macht zu kommen, um den heutigen islamischen Staat zu gründen. Dass diese Revolution die Unterdrückung der Frau bedeuten würde, ahnten viele, die demonstrierten, allerdings nicht. 

  

Als ich jetzt, Wochen nach dem Tod von Jina Mahsa Amini, im Wohnzimmer neben meiner Mutter sitze und sie mir ihre Geschichte erzählt, schießen mir die Tränen in die Augen. Sie erzählt mir von der Angst, der Wut und Verzweiflung, als junge Frau in einem plötzlich von Fundamentalisten geführten Staat zu leben. Khomeini versprach als Anführer der Revolution erst Freiheit. Eine Woche später wurde im Radio verkündet, dass Frauen nur noch mit Kopftuch das Haus verlassen dürfen. Wenn westliche Filme gezeigt wurden, waren die Frauen schwarz markiert, also verdeckt. Musik und Tanz wurden verboten. Der einzige Klang, der aus dem Radio ertönte, war die Parole „Allahu Akbar“ („Gott ist groß“).   

Jede Einreise ist geprägt von der Angst, aus reiner Willkür festgenommen zu werden

  

Der Klang verschreckte meine Mama und ihre kleineren Geschwister. Sie schämte sich anfangs, draußen ein Kopftuch zu tragen. Denn sie trug es nicht aus Überzeugung, sondern als sichtbares Symbol ihrer Unterdrückung. Später, an der Uni, wurden alle Student:innen überwacht, es wurde alles kontrolliert: politische Haltung, Familie, Freund:innen - und natürlich die Regime-Treue. Ein schwarzer Vorhang sollte die Studentinnen von jungen Studenten trennen, berichtet sie mir.   

  

Meine Mutter erzählt von einer Freundin, die Flyer verteilte, um für eine liberalere Politik zu werben. Kurz darauf wurde sie festgenommen. Ihre Leiche wurde anonym auf einem Friedhof begraben, ihre Familie erhielt nur den genauen Ort des Begräbnisses und ihre Kleidung zurück. Mit 19 Jahren entschied meine Mama: „Ich muss aus diesem Land raus.“ Ihre Bücher über Menschenrechte und Frauenrechte versteckte sie kurz zuvor in ihrem Garten. Später war dieses Versteck auch nicht mehr sicher. Sie musste all ihre Bücher verbrennen. Wie viele Iraner:innen dachte auch sie, sie komme irgendwann einmal zurück in ihre Heimat. Doch sie kehrte nur wenige Male zum Familienbesuch zurück. Denn jede Einreise ist von Angst geprägt, von der Angst, aus reiner Willkür in Teheran verhört oder festgenommen zu werden. Als Iraner:in muss man gut überlegen, ob man das riskieren möchte.  

Als ich in der Schule war, sprachen viele Mitschüler:innen von ihren Omas und Opas und von Wochenendbesuchen bei ihnen. Ich habe meine „Mamanbosorg“ (Farsi für Oma) und „Bababosorg“ (Farsi für Opa) in meinem Leben nur ein paar Mal gesehen. Vergangenes Jahr verstarb mein Bababosorg an Corona. Ich habe nie an der Liebe meiner Großeltern gezweifelt. Die Distanz tut dennoch weh.  

   

Ich frage meine Mama: „Wie blickst du denn auf die jetzigen Proteste?“ Sie antwortet mir: „Es wirkt wie eine Wiederholung. Doch jetzt ist es anders, es gibt Hoffnung.“  Das liege ihrer Meinung nach an der Stärke der jungen Generation. Und am Zugang zum Internet. „Diese Menschen sind sich ihrer Rechte bewusst“, sagt meine Mama. Auch ich sehe im Internet die momentan einzig wirksame Waffe gegen das Mullah-Regime. Es ist schwieriger für die Regierung geworden, die Bevölkerung zu indoktrinieren. Das Regime tötet seit Jahren, doch es wird nie Shervin Hajipours Lied „Baraye“ töten können, um nur ein Beispiel zu nennen.  

Den Schmerz meiner Mama werde ich nie nachempfinden können

Doch wo Hoffnung ist, ist auch Verzweiflung und Enttäuschung. Der Mut und die Solidarität der Frauen, Männer, aller verschiedenen Generationen und unterschiedlichen ethnischen Gruppen ist für mich beeindruckend, und macht mich stolz auf meine iranischen Wurzeln. Gleichzeitig sehe ich zu wenig von dieser Solidarität in Deutschland, und damit meine ich insbesondere die deutsche und westliche Außenpolitik. Die gut gemeinten Worte unserer Außenministerin Annalena Baerbock und ein Sanktionspaket, das unter anderem eine intransparente Gruppe wie die der „Sittenpolizei“ betrifft, reichen bei Weitem nicht aus. Vielmehr müssen Sanktionen den obersten Machtapparat treffen. Jegliche diplomatischen Beziehungen zum Mullah-Regime müssen auf das absolute Minimum reduziert werden. Das bedeutet auch, dass die Neuverhandlungen des Atomabkommens gestoppt werden sollten. Denn dieses Abkommen würde wirtschaftliche Entlastungen für das iranische Regime bedeuten. Zusätzlich sollte die deutsche Bundesregierung die Revolutionsgarde auf ihre Terrorliste setzen. Um es kurz zu fassen: Es braucht deutlich mehr Druck von allen westlichen Ländern, um dieses mörderische Regime zu ersticken.

Am Anfang der Proteste habe ich mir jede Nachricht, jedes Video, jedes Interview reingezogen. Irgendwann ging gar nichts mehr rein. Auf Trauer folgte Wut, auf Wut folgte Enttäuschung. Doch vor allem fühle ich mich ohnmächtig. Als Tochter einer Iranerin kann ich mich selbst in Deutschland nicht gefahrlos öffentlich äußern. Denn auch hier stehen wir unter Beobachtung. Deswegen ist es so wichtig, den Iraner:innen eine Stimme zu geben, denn jede Form der Solidarität zählt.  

   

Den Schmerz meiner Mama werde ich nie nachempfinden können. Die schlaflosen Nächte, die Hoffnung auf ein baldiges Ende dieses grausamen Regimes. Schließlich ist es ihr Heimatland. Dass sie stark bleibt und daran nicht zerbricht, liegt vor allem an ihrer Geschichte, einer Geschichte, die viele Iraner:innen teilen. Das macht mich unheimlich stolz. Mir ist erst durch die Zuspitzung der aktuellen Geschehnisse in Iran bewusst geworden, dass ich schon immer politisch war und mich Ungerechtigkeit sehr trifft. Am liebsten würde ich selbst auf die Straße gehen. Doch ich wage es nicht. Ich kann meine iranische Familie nicht gefährden.  

Bei einem Chai (Farsi für Tee) sprechen meine Mama und ich über eine liberale Zukunft. Darüber, wie es wäre, eine Wohnung in Teheran zu besitzen, oder gleich ein Ferienhaus am Kaspischen Meer. Dort würden wir das tun, was Iraner:innen sowieso gerne tun – laut tanzen und singen: „Zan, Zendegi, Azadi“.  

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