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„Freiheit gibt es nicht umsonst“

Donald Trump erkennt Jerusalem als Hauptstadt Israels an. Warum das die ganze Region in Gefahr bringt, haben uns Menschen aus Israel und Palästina erzählt.
Protokolle von Lara Thiede und Patrick Wehner
  • jerusalem cover
    Foto: Afp / Thomas Coex

Donald Trump hat eine Entscheidung getroffen, die in sehr kurzer Zeit das Leben von Millionen von Menschen im Nahen Osten radikal verändern könnte: Die USA wollen Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkennen. Sie planen außerdem, ihre Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen. Das könnte den Konflikt zwischen Israel und Palästina weiter befeuern: Der Ost-Teil Jerusalems wird nämlich auch von den Palästinensern als Hauptstadt beansprucht – für sie ist das absolut unverhandelbar. 

 

Das ist ein Grund dafür, dass die internationale Gemeinschaft ihre Botschaften immer in Tel Aviv ansiedelte. Sie wollte den Konflikt durch falsche politische Signale nicht unnötig befeuern. Schließlich wird die Beziehung zwischen Israelis und Palästinensern ohnehin permanent strapaziert: durch illegalen Siedlungsbau der Israelis auf palästinensischem Land zum Beispiel. Oder durch die Besatzung des Westjordanlandes und die Blockade des Gaza-Streifens durch das israelische Militär.  Aber auch durch Attacken und Anschläge der Palästinenser auf israelische Zivilisten und Soldaten. Der Status Quo Jerusalems garantierte – bis zur aktuellen Entscheidung der USA jedenfalls –  eine halbwegs stabile Lage in Jerusalem, Israel und Palästina.

 

Wir haben Palästinenser und Israelis gefragt, was die Entscheidung des amerikanischen Präsidenten für sie bedeutet und welche Konsequenzen sie nun befürchten.

 

„Frieden zwischen den beiden Fronten hat Donald Trump unmöglich gemacht“

 

Max ist 29, Inhaber einer Marketing-Firma und lebt in Tel Aviv.

 

„Ich halte es für absolut unnötig, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen. Das ist reine Steuergeld-Verschwendung von amerikanischer Seite – und eine Provokation für die Palästinenser. Anstatt die Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern zu verbessern, wird dieser Schritt die Palästinenser verletzen. Das wiederum wird wahrscheinlich zu Aufständen und Gewalt führen. Frieden zwischen den beiden Fronten hat Donald Trump unmöglich gemacht.

 

In Tel Aviv machen wir vor allem Witze darüber. Man freut sich vordergründig darüber, dass es nun mehr Parkplätze neben dem Strand geben wird. Denn die Botschaft sitzt dort und nimmt viel Platz im Zentrum von Tel Aviv weg. Solche Witze machen wir natürlich gerade deshalb, weil das Ganze eigentlich so ernst ist, dass man gar nicht mehr weiß, was man machen soll. Die meisten Leute in Tel Aviv sind moderat links. Sie wünschen sich den Frieden und sind frustriert, dass es einfach nicht vorangeht. Angst haben wir allerdings nicht - wir sind die ständige Spannung schließlich schon gewohnt.

 

Meine Freunde und ich ärgern uns besonders, dass Trump das Ganze anstößt. Ich glaube nicht, dass er viel über den Konflikt hier weiß. Aber sicher gibt es auch Israelis, die seine Entscheidung begrüßen. Wie man hier nämlich gerne sagt, haben zwei Israelis zusammen sowieso mindestens drei Meinungen.“

 

„Freiheit gibt es nicht umsonst“

  • Chris Alami
    Foto: privat

Chris Alami, 42, Palästinenser und Chef des „Hostel in Ramallah“ in Ramallah/Westjordanland.

 

„Meiner Meinung nach ist Trump, das ist vielleicht schwer zu glauben, das Beste, was uns hier passieren konnte. 25 Jahre Friedensgespräche haben zu nichts Anderem geführt, als dass wir kontinuierlich schwächer wurden und durch den illegalen Siedlungsbau immer weiter Land an Israel verlieren. Die Politik der amerikanischen Regierungen hatte bislang eher eine betäubende Wirkung. Nichts veränderte sich für uns, die Lage ist genauso schlecht, wie in den Jahrzehnten zuvor. Die internationale Gemeinschaft ist zu schwach, um den Siedlungsbau der Israelis zu stoppen und die militärische Besatzung meines Landes zu beenden. Menschenrechte werden jeden Tag missbraucht, wir können uns dagegen nicht wehren, und der Westen sieht dabei zu. Oder unterstützt Israel dabei auch noch.

 

Es wurde in den vergangenen Jahren immer über Frieden geredet, aber es blieb beim Reden. Trump eskaliert die Krise nun sehr schnell. Wie das am Ende aussehen wird, kann niemand sagen. Die französische Besatzung Algeriens dauerte 100 Jahre, dann endete sie. Mit tausenden Toten, das ist furchtbar, aber Freiheit gibt es nicht umsonst.

 

Wir Palästinenser werden durch diese Entscheidung jetzt komplett in eine Ecke gedrängt, aus der wir nicht mehr herauskommen. Und was machen Leute, die in so einer Ecke stehen? Sie wehren sich, weil sie keine andere Perspektive haben. Es wird sicher bald neue Bewegungen geben, die diese Unzufriedenheit artikulieren. Das einzige, was jetzt noch zur dritten Intifada fehlt, ist die politische Führung, die sagt: Es geht los.

 

Den Kampf um die Freiheit werden dann, wie in den früheren Aufständen auch, junge Menschen führen. Die älteren Leute hier haben Jobs, eigene Familien, die sind nicht verrückt genug, das alles zu riskieren. Aber die Jungen werden für ihr Zukunft streiten. So wie es gerade aussieht, läuft das auf eine Revolution hinaus. Alle meine Freunde und die Leute hier in Ramallah spüren, dass die Situation eskaliert.“

 

„Statt mit uns auf eine Lösung hinzuarbeiten, schickt Trump uns in eine weitere Runde Krieg“

  • Ran und Itay
    Foto: privat

Itay, ist 30 und Selbstständiger aus Tel Aviv.

 

„Jerusalem ausdrücklich als die Hauptstadt Israels zu deklarieren, ist für beide Seiten schlecht. Der Konflikt wird dadurch vertieft, die Gespräche über eine Zwei-Staaten-Lösung rücken in weite Ferne. Dabei wäre das die einzige Lösung für die Probleme. Statt allerdings auf die mit uns hinzuarbeiten, schickt uns Trump in eine weitere Runde Krieg. Die Palästinenser werden den USA jedenfalls kein Vertrauen mehr schenken, solange Trump regiert.

 

Ich glaube, die Menschen in Israel sind eher frustriert als verängstigt. Wir sind ja schon gewohnt, dass gekämpft wird. Ich glaube außerdem, dass der Protest der Palästinenser diesmal nur ein paar Tage anzuhalten braucht. Dann werden Israel und die USA wahrscheinlich einknicken, weil sie feststellen, dass sie einen Fehler gemacht haben.“

 

„Sie bringen große Ungerechtigkeit über Palästina“

 

Moataz ist 29, Palästinenser und Besitzer eines kleinen Restaurants im muslimischen Viertel Jerusalems. 

 

„Indem Trump die US-Botschaft nach Jerusalem verlegt, deklariert er die Stadt zur Hauptstadt Israels. Damit bereitet er sich und den Israelis jede Menge Probleme. Denn er bringt damit große Ungerechtigkeit über Palästina. So zeigt er doch nur, dass er Probleme haben will.

 

Wir respektieren die israelischen Heiligtümer und ihre heiligen Stätten. Wir respektieren jede Sorte Mensch, sie dagegen respektieren uns nicht.

 

Ich hoffe wirklich, dass wir bald in Frieden leben können. Aber wenn uns die Israelis immer weiter unserer heiligen Stätten berauben wollen und die geteilte Stadt Jerusalem ganz allein für sich fordern, dann kann das einfach nicht funktionieren.“

 

„Wir befürchten keinen Krieg, sondern Terror und Gegenterror“

  • Israeli Ran
    Foto: privat

Ran ist 29 und IT-Entwickler aus Tel Aviv.

 

„Jerusalem war schon immer das 'Herzstück' des Israelisch-Palästinensischen Konflikts. Trumps Entscheidung, Jerusalem offiziell zur Hauptstadt zu erklären, macht alles schlimmer. Wir Israelis hätten das Statement gar nicht gebraucht. Denn für uns ist Jerusalem ja sowieso unsere Hauptstadt.

 

Das jetzt aber extra noch mal so deutlich zu machen, war total überflüssig und kam nur daher, dass Trump den amerikanischen Juden vor den Wahlen versprochen hatte, die US-Botschaft nach Jerusalem umzusiedeln. Das hat sich unser Premierminister Netanyahu – der gegen die Zwei-Staaten-Lösung ist – offensichtlich gemerkt. Er hat Druck gemacht, dass Trump sein Versprechen tatsächlich einlösen solle. Schließlich zeigt er so, dass die USA Israels Anspruch auf Jerusalem als Hauptstadt unterstützen.

 

Die meisten Israelis haben Kriege satt. Natürlich haben wir jetzt Angst. Die Geschichte hat uns ja gezeigt, wie leicht sich die Situation wieder verschärfen kann. Allerdings befürchten wir keinen Krieg, sondern Terror und Gegenterror. Terroranschläge haben bei uns in den vergangenen Jahren schließlich immer wieder stattgefunden. Jetzt, nachdem es lange keine gab, hat Trump sie mit seiner Aussage aber wieder wahrscheinlicher gemacht.

 

Es ist kein schönes Gefühl, auf die Straße zu gehen und zu wissen, dass man jederzeit erstochen oder erschossen werden könnte. Das ist ja sowieso der Hauptgrund für Terror: die Angst, die er verbreitet. Sie stört das normale Leben der Gesellschaft. Ich glaube, jeder Israeli hat Angst, Opfer eines Terroranschlags zu werden. Fast niemandem wäre es wert gewesen, das zu riskieren – nur für die erneute Formulierung, dass Jerusalem die Hauptstadt Israels ist.

 

Am Ende sind die USA trotzdem der größte und beste Freund Israels. Sie waren im vergangenen Jahrhundert für das israelische Volk da, wenn es ihm schlecht ging. Aber diese Erklärung Trumps – die hat nichts mit dieser Freundschaft zu tun. Sie ist ein provokativer Schachzug.“

„Krieg könnte es deshalb schon geben“

 

Amit (Name geändert), 32, kommt aus Tel Aviv.

 

„Ich wundere mich ehrlich gesagt sehr darüber, dass sich die Welt überhaupt so für dieses Statement interessiert. Man weiß schon längst, dass Trump viel provoziert. Realität ist doch, dass Jerusalem die Hauptstadt Israels ist – ob anerkannt oder nicht. Sämtliche Institutionen unserer Regierung haben dort ihren Sitz. Wenn Politiker wie Merkel oder Trump zu Besuch nach Israel kommen, gehen sie nach Jerusalem, nicht nach Tel Aviv. Im Grunde bleibt also alles, wie es ist. Trump hat nur einfach mal wieder etwas Provokatives gesagt.

 

Ich bin jedenfalls sicher, dass dem Großteil der Bevölkerung beider Teile eigentlich egal ist, ob die US-Botschaft nun in Jerusalem oder in Tel Aviv ist. Ich glaube vielmehr, dass extremistische arabische Gruppierungen diese Chance nutzen, um großes Aufsehen zu erregen. Es könnte anstelle des Eklats um die Botschaft eigentlich auch alles andere als Grund herhalten, solange es sich gut anhört. Sie wollen den Konflikt wieder befeuern. Krieg könnte es deshalb schon geben. Angst habe ich davor aber nicht.“

 

 

 

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