Grace, Jenna und Rhye leben auf der irischen Insel.

Grace, Jenna und Rhye leben auf der irischen Insel.

Fotos: privat; Collage: Daniela Rudolf

Die Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland kann man überqueren, ohne es zu merken: An vielen Stellen ist nicht einmal eine Markierung. Nach dem Brexit würde sich jedoch eine EU-Außengrenze quer über die irische Insel ziehen. Wenn Großbritannien aus der EU austritt, tritt Nordirland als Teil des Vereinigten Königreichs mit aus. Die Republik Irland bleibt aber EU-Mitglied.

Wie der Brexit aussehen soll, wird verhandelt. Ob die Grenze nur symbolisch für das Verlassen der EU stehen wird oder gar Grenz- und Zollkontrollen nötig sein werden, ist ungewiss.

Wir haben mit drei jungen Menschen von der Insel darüber gesprochen, was der Brexit für sie bedeutet: Jenna Gardiner studiert in Nordirland, Rhys Ó Seiredáin wohnt in der Republik Irland und Grace Kieran hat sowohl in England als auch in Irland gelebt.

„Der Brexit bringt das Karfreitagsabkommen in Gefahr“

Jenna Gardiner, 23, aus Coleraine, Nordirland 

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Foto: Privat; Collage: Daniela Rudolf

„Ich kann kaum zählen, wie oft ich die Grenze zur Republik Irland schon überquert habe. An meinem letzten Geburtstag bin ich für ein Wochenende in den Süden gefahren, das wäre nach dem Brexit vielleicht nicht mehr so einfach. Dabei sind die Unterschiede nur Kleinigkeiten: Bei uns gibt es Pfund, in der Republik Irland Euro. Hier zeigen die Straßenschilder Geschwindigkeiten in Meilen pro Stunde an, im Süden in Stundenkilometer. Wenn ich mit dem Auto über die Grenze fahre, bin ich meist aufgeschmissen, weil ich nicht weiß, wie schnell ich fahren darf.

Ich wohne in einem Dorf an einem Hafen und die Menschen hier leben vor allem von der Fischerei. Die wird von der EU stark reguliert. Das sind bürokratische Regelungen, die in Brüssel gemacht und dann auf die ganze EU angewandt werden. Wenn ich mit Menschen aus der Umgebung spreche, merke ich, dass einige glauben, dass der Brexit eine Möglichkeit für Nordirland sei, die Regulationen und Gesetze gerade in der Fischerei wieder selbst beschließen zu können. Ich finde jedoch, dass gemeinsame Regeln wichtig sind. 

Es macht die Brexit-Verhandlungen schwieriger, dass wir in Nordirland im Moment keine funktionierende Regierung haben. Lange Zeit gab es blutige Kämpfe darüber, ob wir zur Republik Irland oder zum Vereinigten Königreich zählen sollen. Der Friedensvertrag von 1998 hat festgelegt, dass seitdem beide Bevölkerungsgruppen, also die Republikaner, die eine Wiedervereinigung der gesamten irischen Insel befürworten, und die Unionisten, die sich Großbritannien zugehörig fühlen, an der Regierung beteiligt sein müssen. Dieses Bündnis ist aber 2017 zerbrochen und so haben wir keine offizielle Regierung, die bei den Verhandlungen die Interessen unseres Landesteils vertreten könnte.

Mir macht es Angst, dass die Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland wieder zu einer Grenze mit Kontrollen und Zoll werden könnte. In den letzten 20 Jahren haben wir unsere Sicherheit dem Karfreitagsabkommen zu verdanken gehabt, das die Gewalt in Nordirland beendet hat. Der Brexit bringt das in Gefahr. Mit einer EU-Außengrenze würden sich das Reisen und der Warenaustausch zwischen den beiden Ländern erschweren. Das würde nicht nur alles komplizierter machen, sondern auch in den Köpfen der Menschen Distanz zwischen uns und die Republik Irland bringen und zugleich den Einfluss Großbritanniens spürbarer machen. Es könnte wieder zu Unruhen kommen.“

 

„Im Vergleich ist die Republik Irland viel pro-europäischer eingestellt“

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Foto: Privat; Collage: Daniela Rudolf

Rhys Ó Seireadáin, 17, aus einem Vorort von Dublin

„Viele Freunde von mir mussten ihre Zukunft wegen des Brexits neu planen: Eine Freundin wollte zum Beispiel wegen der niedrigen Studiengebühren in Schottland studieren. Ob sie nach dem Brexit mehr als bisher dafür zahlen muss, ist noch unklar. Andere wohnen an der Grenze zu Nordirland und haben Angst um die Wirtschaft, die in der Region sowieso schwach ist. Wenn dort Zölle und Kontrollen anfallen, würden sich wohl viele Unternehmen zurückziehen. Generell ist die Republik Irland eher pro-europäisch eingestellt und sieht den Brexit sehr skeptisch. Wir profitieren ja zum Beispiel von Bildungs- und Strukturprogrammen der EU.

Ich bin mir sicher, dass der Brexit auch für Irland vor allem negative Folgen haben wird. Schließlich haben wir eine enge Verbindung zum Vereinigten Königreich. Auf der anderen Seite bereiten sich internationale Unternehmen gerade auf den Fall vor, dass es einen Brexit gibt, ohne dass das Vereinigte Königreich und die EU sich auf die Konditionen des Austritts einigen. Viele Unternehmen überlegen, Großbritannien zu verlassen und in die Republik Irland zu ziehen, um weiterhin in der EU zu produzieren, was neue Arbeitsmöglichkeiten für uns bedeuten könnte.

Eine irische Insel mit einer Grenze habe ich selbst nie erlebt. Die ältere Generation will eine Rückkehr der Grenze unbedingt verhindern, weil sie für Zölle und Kontrollen, aber eben auch für Konflikte steht. Die irische Sprache ist außerdem eine offizielle Amtssprache der EU, hat aber keinen offiziellen Status in Nordirland, obwohl sie auch da gesprochen wird. Die EU hilft also dabei, die Muttersprache unserer Insel zu schützen. Der Brexit könnte daher gefährlich für Minderheiten in Nordirland wie die irisch sprechenden Gemeinschaften in Belfast oder Derry werden.

Ich persönlich glaube, dass die ,Leave‘-Kampagne vor allem von der Boulevardpresse und der nationalistischen Rhetorik erfolgreich gemacht wurde: Immer wieder hörte man, dass das Vereinigte Königreich seine Selbstbestimmung zurückgewinnen solle. Da wurden genau die Wertvorstellungen mit den Füßen getreten, die die EU sonst vertritt – wie Solidarität zum Beispiel. Am schlimmsten finde ich, dass die jungen Menschen im Vereinigten Königreich vor allem gegen den Austritt gestimmt haben, aber die Konsequenzen des Brexits am meisten zu spüren bekommen werden.“

„Die Feindseligkeit ist noch spürbar“

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Grace Kieran, 20, aus Galway, Republik Irland

„Aufgewachsen bin ich in England, in der Nähe von Liverpool. Pässe hab ich aber zwei: einen britischen und einen irischen. Vor vier Jahren bin ich mit meiner Familie in die Republik Irland gezogen, weil meine Mutter hier geboren und aufgewachsen ist. Der Brexit ist das Thema, worüber alle reden – egal ob im Radio oder unter Freunden. Und alle wollen wissen, was ich dazu zu sagen habe, weil ich Irin und Britin zugleich bin.

Die meisten Menschen um mich herum empfinden Verachtung für die Briten: Sie sehen den Brexit als Beweis dafür, dass die Regierung in London weder weiß, wie man einen Deal aushandelt, noch darüber nachgedacht hat, was für Folgen der Brexit haben könnte. Ich kenne zwar einige wenige, die für den Brexit gestimmt haben, aber auch sie wollten nicht so ein Durcheinander, wie wir es jetzt haben. Gerade viele junge Menschen haben keine Lust mehr zu versuchen, die Politik zu verstehen.

Freunde von mir wohnen in der Republik Irland, aber ihre nächste Tankstelle ist in Nordirland. Einige Häuser stehen zur Hälfte in einem und zur Hälfte im anderen Land. Aus dieser Grenze eine Außengrenze der EU zu machen wäre allein logistisch gesehen ein Albtraum. Und sie könnte das Misstrauen zurückbringen: In Nordirland herrscht erst seit knapp zwanzig Jahren Frieden. Das Misstrauen zwischen denen, die für eine Wiedervereinigung der gesamten Insel sind, und denen, die sich Großbritannien zugehörig fühlen, ist auch heute noch spürbar.

Ich glaube, dass niemand daran gedacht hat, was der EU-Austritt für die irische Insel bedeutet – weder die von der ,Remain‘-Kampagne, die in der EU bleiben wollten, noch die von der ,Leave‘-Kampagne, die sie verlassen wollten. Und ich finde das ziemlich unfair, denn die Mehrheit der Menschen in Nordirland hat dafür gestimmt, in der EU zu bleiben. Warum sollten sie also die Suppe auslöffeln müssen, die die restlichen Wähler und vor allem England ihnen eingebrockt hat?“

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