An britischen Unis gibt es jetzt Brexit-Seminare

Paul Taggart unterrichtet in einem davon. Die größte Herausforderung: neutral bleiben.
Interview von Judith Koch

Ein Demonstrant bei einer Kundgebung gegen den Brexit vor dem britischen Parlament in London. Das Uni-Seminar zum Brexit an der Uni Sussex versteht der lehrende Professor explizit als „nicht politisch“.

Foto: Rob Pinney / dpa

An vielen britischen Universitäten steht der Brexit neuerdings als eigenes Modul auf den Lehrplänen. Doch wie unterrichtet man ein so schnelllebiges und umstrittenes Thema? Paul Taggart, Politikwissenschaftler an der University of Sussex in Brighton, hat an seinem Institut ein solches Modul mitentwickelt und unterrichtet seit diesem Jahr „The Politics of Brexit“ mit 15 Teilnehmern. Im Interview spricht er über die Herausforderungen der Brexit-Lehre, darüber, wie man mit dem Misstrauen von Politikern umgeht und warum Twitter als Lehrmaterial taugt.

jetzt: Der Brexit ist ein sensibles Thema, besonders für britische Studierende. Welche Emotionen spüren Sie bei den Kursteilnehmern?

Paul Taggart: Bisher habe ich noch nicht viel Emotionsgeladenes von den Studierenden gehört, gehe aber natürlich davon aus, dass da auch viele negative Gefühle im Spiel sind. Meiner Meinung nach kann jeder über den Brexit denken, was er will – aber am Ende müssen die Studierenden dazu in der Lage sein, das akademische Material zu verstehen und auszuwerten. Deshalb habe ich gleich zu Anfang im Kurs klargestellt, wie wichtig es ist, dass wir unsere Gefühle klar von der Thematik trennen. Ich persönlich versuche, niemals davon auszugehen, dass jeder die gleiche Meinung zu einem politischen Thema hat. Wir unterrichten hier Politik – wir unterrichten nicht politisch. 

Warum haben Sie an Ihrem Institut ein Modul zum Brexit eingeführt?

Hier am Sussex European Institute forscht gerade so gut wie jeder unserer Europapolitik-Experten zum Brexit. Deshalb wollten wir ein Modul entwickeln, in das all dieses Wissen eingebracht werden kann. Aber natürlich ist uns auch wichtig, den Studierenden unsere Forschungsergebnisse vorzustellen. Am Anfang dachten wir: „Oh, wir sind die ersten, die ein Modul zur Brexit-Politk anbieten!“ Aber da lagen wir natürlich falsch. Ich hätte mich aber ehrlich gesagt sehr gewundert, wenn nicht auch andere britische Universitäten Module zum Brexit eingeführt hätten. 

Warum ist aus Ihrer Sicht wichtig, dass Großbritanniens Universitäten so etwas anbieten? 

Die Studierenden sollen ein Verständnis dafür entwickeln, inwiefern die Politikwissenschaft erklären kann, was hier in Großbritannien gerade passiert. Was mir aber noch viel wichtiger ist: Dass meine Studierenden zu Experten auf einem bestimmten Gebiet werden. Das Beste wäre natürlich, wenn sie sich für einen vom Brexit betroffenen Teilbereich entscheiden würden, beispielsweise Migration, und sich dahingehend spezialisieren. Die jungen Briten sollen also nicht nur in meinen Kurs kommen, um gute Noten zu kriegen, sie sollen auch etwas zur Erforschung dieses sich wandelnden Themas beitragen.

Der Brexit wird nicht nur die Politik und Wirtschaft Großbritanniens, sondern auch die anderer EU-Staaten betreffen. Wie wollen Sie all das abdecken?

Wir konzentrieren uns vor allem auf die Themen, zu denen wir hier am Institut forschen. Das sind zum Beispiel die Handelsbeziehungen Großbritanniens mit anderen EU-Staaten, das Verhältnis zu Irland, Migration, Umwelt. Ich unterrichte das Modul gemeinsam mit fünf meiner Kollegen, die alle verschiedene Forschungsschwerpunkte haben. 

Es gibt bisher kaum akademische Literatur zum Brexit, außerdem bringen die Verhandlungen ständig neue Entwicklungen hervor. Da ist eine umfassende Lehre und gute Vorbereitung sicher schwierig, oder?  

Da haben Sie recht. Es ist eine große Herausforderung, ein Modul zu unterrichten, zu dem es einerseits noch wenig Fachliteratur gibt, und andererseits die Artikel, mit denen wir uns beschäftigen werden, zum Teil noch nicht einmal veröffentlicht wurden. Das geschieht also alles beinahe „live“, weshalb wird kaum im Vorfeld planen können. Meine Kollegen und ich müssen permanent alle Neuveröffentlichungen im Blick behalten, um anschließend eine Auswahl für den Kurs zu treffen. 

Paul Taggart ist Politikprofessor an der University of Sussex und Direktor des Sussex European Institutes. Er forscht unter anderem zu Europäischer Integration, Euroskepsis und Populismus.

Foto: University of Sussex

Was machen Sie sonst noch, um die Veranstaltung immer aktuell zu halten?

Grundsätzlich beginnen wir jede Vorlesung mit einem Überblick über den aktuellen Stand der Brexit-Verhandlungen. Und die Studierenden sind auch gefragt: Sie sollen selbst Texte mitbringen, die sie zu dem jeweiligen Thema, das wir im Kurs behandeln, gefunden haben, und sie ihren Kommilitonen vorstellen. Und auch Social Media ist ein wichtiger Bestandteil. Nicht nur ich persönlich bin ein großer Fan und nutze das Netzwerk, um up to date zu sein. Meine Kollegen und ich haben nicht nur Twitter-Accounts, denen die Studierenden folgen sollen, sondern auch einen eigenen Hashtag: #SEIBrexit18. Natürlich sind die Studierenden auch eingeladen, selbst unter dem Hashtag zu twittern.  

 

Im Oktober 2017 hat der konservative Parlamentarier Chris Heaton-Harris alle britischen Universitäten dazu aufgefordert, ihm ihre Brexit-Lehrpläne zu schicken. Viele waren darüber sehr empört, auch die Regierung hat sich umgehend von dieser Anfrage distanziert. Wie haben Sie reagiert? 

Ich habe keine Anfrage von ihm bekommen. Aber ich weiß, dass viele das sehr persönlich genommen und als Kontrolle und Einschüchterung empfunden haben. Ich persönlich hätte aber kein Problem damit gehabt. Ginge es nach mir, hätte Heaton-Harris gerne vorbei kommen können, um sich selbst ein Bild davon zu machen, was und wie wir hier unterrichten. Das ist kein Geheimnis. 

 

„Aktuell wirkt es nicht so, als hätte irgendjemand die Kontrolle über die Brexit-Verhandlungen.“

 

Glauben Sie auch, dass Heaton-Harris die Universitäten kontrollieren und einschüchtern wollte?

Ich habe keine Ahnung, welches Motiv er verfolgt hat. Wäre es ihm um Einschüchterung gegangen, wäre das natürlich ein ganz negatives Zeichen. Allerdings denke ich, dass der ganzen Aufregung eine tiefere Bedeutung zugrunde liegt – nämlich die Sorge, dass Brexit-Module nur von Brexit-Gegnern unterrichtet und die Studierenden in ihrer Meinung beeinflusst werden. 

 

Ist das denn so?

Die meisten Professoren sind Pro-Europäer – was ja irgendwie klar ist. Sonst wäre das im Grunde so, als ob ein Französischlehrer Frankreich nicht mögen würde. Aber ich kann mich nur wiederholen: Solange man forschungsgetrieben unterrichtet und nicht versucht, seine persönlichen politischen Überzeugungen zu vermitteln, sollte das kein Problem sein. Natürlich kann man eine kritische Position einnehmen, aber das sollte nicht den Stil bestimmen, in dem man unterrichtet.

 

Wie schätzen Sie persönlich die Entwicklung der Brexit-Verhandlungen ein?

Okay, zuerst gebe ich Ihnen eine sehr akademische Antwort: Wir sollten nicht versuchen, Vorhersagen zu treffen, sondern versuchen, zu verstehen, was geschieht.

 

Und die persönliche Einschätzung?

Da muss ich Sie leider enttäuschen, denn ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, welches Ergebnis wir im März 2019 haben werden. Alles scheint möglich. Man kann nicht sagen, wann die Verhandlungen abgeschlossen sein werden, ob es ein zweites Referendum geben wird, ob wir einen harten Brexit kriegen werden. Aktuell wirkt es nicht so, als hätte irgendjemand die Kontrolle über die Brexit-Verhandlungen. Sie verlaufen sehr schwankend. Ich erwarte also besser das Unerwartete. Das einzige, worüber wir uns sicher sein können, ist, dass der Brexit ein jahrzehntelanges Projekt sein wird. Deshalb werden wir dieses Modul hier wohl noch etwas länger unterrichten (lacht).

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