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David und Christian hatten keine Ahnung vom Klimawandel

David (r.) und Christian studieren eigentlich Wirtschaftswissenschaft und sagen, dass es ihnen beim Schreiben des Buches geholfen hat, dass sie erstmal keine Ahnung vom Thema hatten.
Foto: Edmund Möhrle Photographie

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David Nelles und Christian Serrer sind beide 22 Jahre alt und studieren Wirtschaftswissenschaft. Am 4. Dezember, einen Tag nach Beginn der  diesjährigen Weltklimakonferenz, erscheint ihr Buch „Kleine Gase – große Wirkung: Der Klimawandel“: In kleinem Format, auf 128 Seiten und mit vielen anschaulichen Grafiken erklären die beiden darin, wie es zur globalen Erwärmung kommt, welche Auswirkungen sie hat und wie man sie aufhalten kann. Damit sich jeder das Buch leisten kann, haben David und Christian einen eigenen Verlag gegründet und einen Stückpreis von fünf Euro festgelegt. Die ersten Exemplare sind gerade bei ihnen eingetroffen, zu Beginn des Skype-Interviews hält Christian eines in die Kamera und sagt stolz: „Es ist nicht sehr dick!“

jetzt: Es sollte ein dünnes Buch werden?

David: Als wir vergangenes Jahr im Sommer in der Mensa saßen und über den Klimawandel sprachen, haben wir gemerkt, dass wir wir nicht besonders viel Ahnung vom Thema haben. Darum haben wir nach einem Buch gesucht, das die Thematik kompakt, anschaulich, verständlich zusammenfasst – und keins gefunden. Also haben wir beschlossen, es einfach selbst zu schreiben.

Als absolute Laien. 

David: Ja, aber in der Schule gab es bei uns immer den Spruch: „von Doofen für Doofe“. Wenn die Schlauen den Doofen was erklären, dann verstehen die Doofen das nie. Wenn ein Doofer was verstanden hat und es einem anderen Doofen erklärt, ist das viel einfacher. Weil wir nicht das Hintergrundwissen von Experten hatten, konnten wir uns von ganz vielen Sachen freimachen, die sie sicher unbedingt ins Buch hätten reinschreiben wollen, und konkret überlegen, was für unsere Leserinnen und Leser wichtig ist.

Wie lange hat’s gedauert?

David: Von der Idee bis zum Druck eineinhalb Jahre. Als wir im Juni 2017 anfingen, haben wir gesagt: Super, dann haben wir über die Semesterferien Zeit, das sollte reichen. Hat dann nicht ganz funktioniert… Wir haben kurzfristig ein Praxissemester eingelegt, sonst hätten wir das Projekt nicht stemmen können. Jetzt studieren wir wieder, aber das muss an der ein oder anderen Stelle immer noch etwas zurückstehen.

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Ihr habt für das Buch mit vielen Wissenschaftlern gesprochen. Wie war die Stimmung unter den Experten? Eher resigniert oder eher zuversichtlich, dass die Klimakatastrophe noch aufgehalten werden kann?

David: Es gab ein paar, die etwas resigniert haben. Vor allem aus der älteren Generation, die seit Jahrzehnten vergeblich versuchen, auf das Thema aufmerksam zu machen. Aber im Großen und Ganzen war da eine riesige Hilfsbereitschaft. Die meisten haben das Potenzial des Buchs gesehen, noch mal viele Menschen wachzurütteln, und waren sehr realistisch: Sie sagen, dass wir uns beeilen müssen mit dem Klimaschutz, es aber definitiv noch möglich ist.

„Es geht nicht darum, ab morgen nie wieder CO2 auszustoßen. Das ist absolut unrealistisch“

Das Buch ist sehr sachlich, es steckt keine Handlungsaufforderung darin. Warum nicht, wo das Thema uns doch alle angeht?

Christian: Es war uns sehr wichtig, alles neutral aufzuschreiben, weil wir selbst keine Lust hatten, ein Buch zu lesen, bei dem im Titel schon klar wird, in welche Richtung es geht. Wir wollten einfach darlegen, was Stand der Wissenschaft ist, damit daraus jeder seine eigenen Schlüsse ziehen kann.

Welche habt ihr gezogen?

David: Wenn man so viel zu dem Thema gelesen hat, kommt man nicht mehr drumrum, zu fragen: Was kann ich machen? Darum haben wir als erstes beschlossen, nur noch ein Mal die Woche Fleisch zu essen, um so unseren CO2-Fußabdruck zu verkleinern. Dann haben wir auf Ökostrom umgestellt und verzichten, wo es möglich ist, aufs Fliegen. Insgesamt ist das Thema Klimaschutz für uns ein Herzensanliegen geworden.

Christian: Für uns ist jetzt ganz klar, dass wir uns später auch beruflich dafür einsetzen wollen, das Klima zu schützen und die Erwärmung zu stoppen. Wir könnten uns zum Beispiel vorstellen, in Unternehmen erneuerbare Technologien voranzutreiben. Unsere Motivation ist es, nicht nur zu informieren, sondern selbst was zu machen.

Das würden viele gerne tun, aber die meisten haben gegenüber dem Klimawandel ein Ohnmachts-Gefühl. Weil schon so viel Schaden angerichtet wurde und weil so viel von großen Konzernen und Regierungen abhängt. Was würdet ihr diesen Menschen raten?

David: Man kann sich auf frühere Erfolge der Umweltbewegung berufen. Zum Beispiel auf den Atomausstieg: In Deutschland haben sich Menschen dafür engagiert, sind auf die Straße gegangen, dann kam Fukushima und schließlich wurde der Atomausstieg beschlossen. Frankreich hat die Fukushima-Krise genauso mitbekommen, aber dort gab es keine Protest-Bewegung und darum auch keinen Ausstieg. Bringt euch also ein, engagiert euch, macht auf die Themen aufmerksam – irgendwann wird sich was tun, man muss nur beharrlich sein!

„Besonders spannend fanden wir Technologien, mit denen man CO2 aus der Atmosphäre saugt“

Und im Alltag?

David: Wenn unsere Freunde und Bekannten fragen, was sie selbst tun können, könnten wir denen natürlich eine Liste mit hundert Punkte geben, aber dann sagt jeder: „Oh Gott, ist das viel, wo soll ich denn da anfangen?“ Darum muss man sich klarmachen, dass es nicht darum geht, ab morgen nie wieder CO2 auszustoßen. Das ist absolut unrealistisch. Aber jeder kann sich erstmal ein, zwei Bereiche raussuchen, wie etwa die Ernährung, schauen, was ihm leichtfällt und was nicht, und sich so ein bisschen experimentell an das Thema rantasten. Klar muss man sich anfangs umstellen, wenn man zum Beispiel seltener Fleisch isst, aber dann merkt man schnell, dass man dadurch ja nicht den Spaß am Leben verliert. Und wenn jeder seinen eigenen CO2-Fußabdruck auf diese Weise verkleinern würde, könnten wir die Klimaziele auch erreichen, ohne auf Politik und Wirtschaft warten zu müssen.

Welches Ergebnis eurer Recherche ist euch besonders im Gedächtnis geblieben?

Christian: Die größte Erkenntnis für mich war, dass es nicht das eine Problem gibt, das der Klimawandel verursacht, sondern dass er so viele verschiedene Bereiche betrifft. Ich wusste, dass der Meeresspiegel ansteigt, doch das betrifft mich ja hier erstmal nicht direkt. Aber der Klimawandel wird in der Wissenschaft auch als größte globale Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Zum Beispiel kann zunehmende Hitze Herzkreislauf- und Atemwegserkrankungen verschlimmern und  nach Starkregen und Überschwemmungen können wegen verunreinigter Gewässer häufiger Infektionskrankheiten ausbrechen. Außerdem wird die Pollensaison verlängert und durch die Ausbreitung der Tigermücke in Europa besteht ein höheres Risiko sich mit Tropenkrankheiten zu infizieren. Und dann gab es noch diese ganzen Dinge, die man nicht auf den ersten Blick mit dem Klimawandel verbindet.

Zum Beispiel?

Christian: Die Algenblüte (eine plötzliche, massenhafte Ausbreitung von Algen in einem Gewässer, die für Tiere und Menschen schädlich ist, Anm. d. Red.). Darüber hatte ich in einem Paper gelesen – und plötzlich schickt mir David ein Bild: Algenblüte bei ihm daheim auf der Mosel. 

David: Ich fand es erstaunlich, dass 85 Prozent der CO2-Emissionen nur auf die Verbrennung von fossilen Brennstoffen zurückzuführen sind. 85 Prozent, das muss man sich mal vorstellen! Da wurde mir klar, dass das Klimaproblem vor allem eine Frage der Energieerzeugung ist – und wie viel Einsparpotenzial da ist, wenn wir alles auf erneuerbare Energien umstellen.

„Aus unserem Bekanntenkreis kommen immer mehr Fragen: Stimmt das? Ist es wirklich so schlimm?“

Hat euch ein Ansatz für eine Lösung des Klimaproblems besonders beeindruckt?

David: Ja, das „Geoengineering“, mit dem man ins Klimasystem eingreift. Da gibt es Ideen, Substanzen in die Atmosphäre zu sprühen, die Sonnenstrahlen zurück ins Weltall reflektieren, damit es hier nicht so warm wird. Das fand ich schon ein bisschen abgefahren. Besonders spannend fanden wir beide Technologien, mit denen man das CO2 aus der Atmosphäre saugt. Was ja auch die Lösung des Weltklimarats ist, beziehungsweise die einzige Möglichkeit, wie man das 1,5-Grad-Ziel überhaupt noch erreichen kann. 

Und wo kommt das CO2 dann hin?

David: Zum einen gibt es das Konzept des „carbon capture and storage“: CO2 aufsaugen und unter der Erde verstauen, zum Beispiel in den Hohlräumen, die bleiben, wo Erdöl gefördert wurde. Oder man könnte eine Art Kreislauf schaffen: auffangen, was das Flugzeug hinten ausstößt, es aufbereiten und wieder ins Flugzeug tanken. Dadurch würde nicht noch mehr CO2 in die Atmosphäre abgegeben.

Euer Buch hat eine Erstauflage von 100.000 Stück. Das ist ganz schön ambitioniert bei dem Thema, oder?

David: Von Experten aus der Buchbranche wurden wir dafür für verrückt erklärt. Es sei unmöglich diese hohe Auflage loszuwerden, weil das Thema angeblich nur die wenigsten Leute interessiert. Wir haben es trotzdem gemacht, weil wir überzeugt sind, dass es ein Grundinteresse gibt, den Klimawandel einfach mal zu verstehen. In Gesprächen vorab hat sich das bestätigt und jetzt kommen aus unserem Bekanntenkreis immer mehr Fragen: Stimmt das? Ist das wirklich so schlimm? Das Interesse an dem Thema wird immer größer. Vor allem durch den vergangenen Sommer, denn da hat man noch mal direkt gemerkt, dass etwas nicht stimmt.

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