Was bedeutet es eigentlich, weiß zu sein?

Das erforscht der Hashtag #KritischesWeißsein. Der Initiator Malcolm Ohanwe fordert von Weißen, sich selbst zu hinterfragen und sagt: „Das wird weh tun, und das muss es auch.“

Illustration: jetzt

Wie fühlt es sich eigentlich für Weiße an, sich der eigenen Hautfarbe bewusst zu werden – und der Privilegien, die damit einhergehen? Wann sind Weiße bewusst oder unbewusst rassistisch, obwohl sie sich eigentlich als nicht-rassistisch bezeichnen würden? Das sind Fragen, die der Journalist und Podcaster Malcolm Ohanwe auf Twitter stellt, verbunden mit einem Aufruf: Unter dem Hashtag #KritischesWeißsein sollen Weiße ihr eigenes Weiß-sein und die damit einhergehenden Konsequenzen reflektieren.

„Wir Schwarze und People of Color sind so müde. Es ist für uns so unglaublich mühsam und anstrengend, uns immer wieder in den Kampf zu begeben und zu erklären, wo sich Rassismus abspielt“, sagt er am Telefon gegenüber jetzt. „Die Last lag in den vergangenen Tagen viel zu sehr auf den Schwarzen, die ihre Gefühle immer wieder erklären mussten und von ihren Erfahrungen mit Rassismus berichten mussten. Es fehlt mir, dass Weiße sich selber was überlegen.“ Jetzt seien mal die Weißen an der Reihe, ihre eigene Rolle im System kritisch zu hinterfragen. „Viele denken, mit einer Demo oder mit dem Posten einer schwarzen Kachel war es dann genug. Das stimmt aber nicht. Jetzt geht es erst an die Arbeit“, sagt Malcolm. Der Journalist fordert von weißen Menschen, zuzugeben, „dass sie rassistisch denken und Privilegien haben, die andere Menschen nicht haben“. Und sagt weiter: „Das wird weh tun, und das muss es auch.“

Malcolm Ohanwe ist Journalist und Podcaster.

Foto: Özgün Turgut

Anti-Rassismus-Arbeit, sagt Malcolm, dürfe sich nicht gut anfühlen. „Sie muss unangenehm sein. Es soll schmerzen. Weiße Menschen sollen ihre Daseinsberechtigung und ihre Privilegien hinterfragen, wenn sie sich mit rassistischen Strukturen auseinandersetzen.“ Ihm geht es mit der Aktion auch darum, weiße Menschen zum Nachdenken zu bringen. „Ich will auch mal der Voyeur sein. Ich will auch mal lesen und hören, wie es sich anfühlt, weiß zu sein. Ich will, dass Weiße das Objekt der Beobachtung werden.“

Auf Twitter stößt die Idee auf große Resonanz. Viele erzählen davon, wie sie die eigenen Privilegien lange als selbstverständlich hingenommen haben – und nicht darüber nachgedacht haben, dass die Lebensrealität von Schwarzen Menschen und PoC oft eine ganz andere ist. Dass sie nicht ohne Ausweis aus dem Haus gehen können oder als Gefahr wahrgenommen werden.

Dass wir alle in rassistischen Strukturen leben und arbeiten und diese lange nicht hinterfragt haben, beschäftigt viele Nutzer*innen. Eine erzählt, dass sie fast nur mit weißen Kolleg*innen zusammenarbeitet, eine andere, dass sie lange dachte, „keine Hautfarben zu sehen“ sei anti-rassistisch. Auch das Thema „kulturelle Aneignung“ wird thematisiert.

Dass der beige Buntstift von vielen ganz selbstverständlich als der „hautfarbene“ Stift bezeichnet wird, wird schon länger kritisiert. Denn die Bezeichnung zeigt, was in unserer Gesellschaft als die „Norm“ angesehen wird.

Diese Nutzerin macht deutlich, dass man nicht automatisch nicht-rassistisch ist, wenn man mit eine*m Schwarzen Partner*in zusammen ist.

Viele machen anhand persönlicher Geschichten deutlich, welche Privilegien mit einer hellen Hautfarbe einhergehen.

Immer wieder berichten weiße Menschen, wann ihnen zum ersten Mal bewusst geworden ist, dass sie weiß sind:

Der Debatte voran ging der gewaltsame Tod des Afroamerikaners George Floyd durch weiße Polizisten am 25. Mai 2020. Im Anschluss gingen weltweit Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt auf die Straße, erst in den USA, dann auch in Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Viele Menschen hoffen, dass sich durch die andauernden Proteste wirklich etwas ändern könnte. Dafür, betont Malcolm Ohanwe, müsse das Thema aber weiter debattiert werden.

Nicht nur Malcolm regt dazu an, dass weiße Menschen ihr Weiß-Sein hinterfragen und die Erkenntnisse öffentlich teilen. Auch die Journalistin Josephine Apraku hat auf Instagram eine Challenge gestartet, in der sie jeden Tag Fragen an weiße Menschen stellt: Wann ist dir das erste Mal bewusst geworden, dass du weiß bist? War dir zu diesem Zeitpunkt klar, dass damit Privilegien einhergehen? Hast du dein Weiß-Sein schon einmal genutzt, um etwas zu bekommen, zum Beispiel eine Wohnung?

„Liebe weiße Menschen auf Instagram, ich habe mir eine kleine Instagram-Challenge überlegt. Jeden Tag bis zum 6. Juli gibt es eine Frage zur rassismuskritischen Selbstreflexion, die ihr auf eurem Profil beantworten könnt“, schreibt sie dazu. Viele Menschen beantworten die Fragen direkt in den Kommentaren.

Das sei ein Anfang, betont Malcolm. Und sagt weiter: „Man muss damit anfangen, wenn man weiß ist. Es ist viel zu einfach zu sagen, dass man ja eh alles falsch machen würde. Es wird sich unangenehm anfühlen, und ihr werdet Fehler machen. Aber das ist notwendig.“

soas

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