„Zynisch und menschenverachtend“

Armin Laschet wird scharf dafür kritisiert, dass er 650 Corona-Neuinfektionen bei Tönnies „Rumänen und Bulgaren“ zuschrieb.
buzz laschet toennies cover

Foto: Annegret Hilse / REUTERS / Marco Stepniak / imago images / biky

Im nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück kam es zu einem massiven Ausbruch des Coronavirus auf einem Tönnies-Schlachthof: Mehr als 650 Mitarbeiter*innen sind bisher positiv auf das Coronavirus getestet worden, die Tendenz ist wohl steigend, denn noch sind nicht alle der insgesamt 1050 Tests ausgewertet.

Wieder also die Fleischindustrie. Schon vor einigen Wochen wurde öffentlich, dass sich in Schlachthöfen in Deutschland vermehrt Menschen mit dem Coronavirus infiziert haben. Unter den Infizierten sind vor allem sogenannte Werkvertragsarbeiter*innen, die aus Ländern mit niedrigem Lohnniveau nach Deutschland kommen, um auf dem Schlachthof zu arbeiten. Viele von ihnen sind über Subunternehmen angestellt –  so versucht die Fleischindustrie, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne zu umgehen. Manche Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 90 Prozent der Arbeiter*innen in der deutschen Fleischindustrie solche Werkverträge haben. Viele von ihnen wohnen zudem in beengten Sammelunterkünften. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) kündigte nach den ersten Corona-Ausbrüchen in Schlachthöfen an, Werkverträge in der Branche verbieten und die Arbeitnehmer*innen besser schützen zu wollen.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet hat in einem Interview am Mittwoch im Hinblick auf Tönnies aber nicht die Arbeitsbedingungen oder die Sammelunterkünfte in den Blick genommen, sondern die „Rumänen und Bulgaren“, die das Virus nach einem Heimaturlaub eingeschleppt hätten.

Diese Aussage wird, wie auch die Tatsache, dass es zu einer so großen Zahl von Infektionen kommen konnte, auf Twitter heftig diskutiert. Die Gewerkschaft NGG, die auch für die Fleischbranche zuständig ist und die Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen schon lange kritisiert, findet deutliche Worte:

Armin Laschet orientiert sich mit seiner Argumentation vom „eingeschleppten Virus“ an dem, was auch Tönnies gegenüber der Öffentlichkeit sagt: Der Chef des Tönnies-Krisenstabs, Gereon Schulze Althoff, vermutet als eine mögliche Ursache für den Ausbruch, dass osteuropäische Werkvertragsarbeiter*innen das Virus nach einem Kurzurlaub in den Betrieb gebracht haben könnten. Öffentlich zeigt sich der Betrieb inzwischen aber voll Reue: „Wir können uns nur entschuldigen“, sagte ein Unternehmenssprecher. Das reicht vielen Menschen nicht. Sie fordern strengere Kontrollen in den Betrieben und eine Änderung des Systems der Ausbeutung:

Die linke Satireseite „Der Gazetteur“ greift die Situation in einer Grafik auf:

Politiker*innen anderer Parteien kritisieren Laschet für seine Aussage scharf. Oliver Krischer bezeichnet sie sogar als „zynisch und menschenverachtend“.

Immer wieder wird auch ein Video geteilt, das aber wohl schon Mitte April entstanden ist und Mitarbeitende in der Kantine eines Tönnies-Schlachthofes zeigt. Falls es echt ist, zeigt es deutlich: Abstand und Hygienemaßnahmen werden dort eher nicht eingehalten.

Und manche erinnern sich an diesen Moment, in dem Armin Laschet seinen Mund-Nasen-Schutz FAST richtig aufgesetzt hatte:

Der Schlachtbetrieb der Firma Tönnies steht nun jedenfalls seit Mittwoch still. Erste Ergebnisse nach einem Test von 1050 Mitarbeitenden hatten ergeben, dass sich etwa zwei Drittel angesteckt hatten. Bisher stehen 7000 Menschen unter Quarantäne, Schulen und Kitas wurden deshalb nach einer kurzweiligen Öffnung wieder geschlossen, um eine Verbreitung des Virus soweit wie möglich einzudämmen.

soas

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