„Gerade der Pelzkragen ist ein absolut überflüssiges Accessoire“

Im Technoclub „Bahnwärter Thiel“ ist Pelz jetzt verboten – auch künstlicher. Wir haben mit Betreiber Daniel Hahn über den Schritt gesprochen.
Interview von Christina Waechter
pelzverbot

Foto: FemmeCurieuse / photocase.de; Bearbeitung jetzt

Seit vergangenem Freitag ist auf dem Gelände des Münchner Kulturzentrum Bahnwärter Thiel Pelz verboten. Wer mit einer Fell-Kapuze, einem Fellmantel, ja selbst in Fake Fur das Gelände betritt, wird darum gebeten, es wieder zu verlassen. Seitdem das Verbot gilt, wurde es laut Aussagen der Betreiber schon einige Male durchgesetzt. Wir haben mit Daniel Hahn, dem Gründer des Kulturzentrums, über die Gründe für das Verbot gesprochen. Er hat uns erklärt, warum auch Kunstpelz auf dem Gelände verboten ist: 

daniel hahn

Robert Haas

 

jetzt: In der Bekanntmachung, dass ihr Pelz in eurem Club verbietet, schreibt ihr: „höchste Zeit“. Warum ist jetzt, im Februar 2020, der richtige Augenblick für das Verbot? 

Daniel Hahn: Weil das Verständnis für das Thema ganz anders ist. Tierschutz ist kein Nischenthema mehr, im Gegenteil: Die meisten aufgeklärten Menschen wissen zumindest, dass der Mensch für die Natur auf dieser Erde problematisch ist. Nachdem ganz viele Tiere wegen unseres Lebensmittel- und Fleischkonsums schlecht gehalten und getötet werden, ist gerade der Pelzkragen ein absolut überflüssiges Accessoire. Es hat keine andere Funktion, als Statussymbol für seinen Träger zu sein, und die Tiere werden nur wegen ihres Pelzes getötet: Die verenden auf schlimmste Weise, nachdem ihnen der Pelz bei lebendigem Leib vom Körper gezogen wurde.

Aber Leder verbietet ihr zum Beispiel nicht?

Nein, weil das ja durchaus eine Funktion hat. Und im Gegenteil zum Pelz ist Leder ein Nebenprodukt der Fleischindustrie.  

 

Man könnte ja auch argumentieren, dass dieses Verbot ein bisschen wohlfeil ist: Gefühlt ist Pelz ja eigentlich seit Jahrzehnten kein Thema mehr. Trotzdem scheint es ein Aufreger zu sein. Hast du eine Ahnung, warum? 

Ich weiß zumindest, warum das bei uns im Team und bei unseren Gästen für ein so großes Echo gesorgt hat: Weil sich bei so einem Verbot zeigt, wie Menschen verschiedene Bedürfnisse gewichten. Viele auch in unserem Team sagen, dass der Individualismus das höchste Gut ist. Und wenn wir bestimmte Kleidungsstücke verbieten, greifen wir in die Selbstbestimmung der Menschen ein. Es gehört zu unserer Philosophie, dass wir Menschen nicht aufgrund ihrer Kleidung beurteilen. Wir sind eine Begegnungsstätte, in der Menschen verschiedener Herkunft und verschiedener Ansichten aufeinandertreffen können. Vielleicht ist das der Grund, warum das Verbot bei uns so kontrovers diskutiert wird.

Warum?

Weil es ein Einschnitt ist und natürlich die Frage aufwirft: Wo hört das auf? Bei Pelz geht es ums Tierwohl. Genauso gut könnte man auch die ganzen Billig-Klamotten problematisieren oder verbieten, denn da werden ganz viele Menschen ausgebeutet. Es fällt uns sehr schwer, da einen Anfang zu machen. Aber wir haben beschlossen, dass wir nicht den einen Missstand mit einem anderen rechtfertigen. Und auch auszuhalten, dass es Widersprüche gibt. Nur weil Fast Fashion ein totales Unding ist und wir es trotzdem nicht an der Tür ausmustern, heißt das nicht, dass wir deshalb Pelz erlauben müssen.

Mussten die Türsteher schon jemanden wegschicken? Und ist das nicht teilweise sehr peinlich?

Wir kennen natürlich wirklich jedes Argument und wissen auch, dass sie alle in gewisser Weise berechtigt sind. Und deshalb versuchen wir auch immer, den Leuten in einem Gespräch zu erklären, warum wir sie wieder wegschicken. Aber das geht natürlich nur, wenn der Gast das möchte. Wir erklären dann auch, warum wir auch Kunstpelz verboten haben, obwohl das ja viel umstrittener ist.

Warum darf man bei euch nicht mit dem Kunstpelz ankommen?

Weil wir erstens nicht feststellen können, ob es echt oder nicht echt ist. Und sowieso häufig echter Pelz als Kunstpelz deklariert wird, weil der offenbar im Einkauf deutlich billiger ist. Aber vor allem geht es uns darum, dass dieser Pelz an der Kapuze wirklich keinerlei Funktion hat, sondern ein reines Statussymbol ist. Statussymbole mögen wir eh grundsätzlich nicht und wenn dann der Tod eines Tieres einfach null Funktion erfüllt hat, dann wollen wir das nicht tolerieren.

Gilt das Verbot auch für die anderen Orte, die ihr momentan bespielt, wie die Alte Utting? 

Pelz ist natürlich auch bei unseren anderen Betrieben nicht erwünscht, aber verbieten kann man das nur, wenn man es auch kontrollieren kann. Bei Veranstaltungen mit Eintritt sitzt jemand an der Kasse und kann das kontrollieren. Aber wenn sich jemand in der Alten Utting mit Pelzkragen hinsetzt, dann wäre es echt ein bisschen zu drastisch, den rauszuschmeißen.

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