25-Jährige organisiert in München Mahnwache für Aleppo

Der Kampf gegen das Grauen dort soll auch auf der Straße sichtbar werden.
Von Franziska Schwarz

Kerzen für Aleppo: In München haben sich am Donnerstag Hunderte mit den Opfern in Syrien solidarisch gezeigt.

Foto: Stephan Rumpf

"Eine humanitäre Katastrophe kündigt sich nicht an wie ein Event auf Facebook", sagt Nilab Taufiq. Die 25-Jährige steht auf dem Max-Joseph-Platz, dem Platz vor der Münchner Oper. In Chucks aus Stoff, obwohl Dezember ist. Ahmad Schekeb Popal, 26, ein Freund von ihr, steht daneben und hat die gleichen glänzenden Augen. Es ist 16 Uhr. In einer halben Stunde beginnt ihre Mahnwache für die syrische Stadt Aleppo. Es gibt dieser Tage viele Solidaritätsbekundungen mit den Kriegsopfern. Doch bei den beiden Veranstaltern, deren Eltern jeweils vor mehr als 20 Jahren als Flüchtlinge nach Deutschland kamen, ging der Sprung von Facebook auf die Straße besonders schnell.

Am Dienstag erst hatten sie die Demo beantragt, am Mittwoch kam das Okay des Kreisverwaltungsreferats. Einen Tag später sind sie nun hier vor der geliehenen Bühne. Es war ein Impuls, sie machen so etwas zum ersten Mal. Mehrere Imame, einen evangelischen Pfarrer, einen Rabbi und zahlreiche Flüchtlinge haben sie innerhalb von eineinhalb Tagen kontaktiert. Sie alle sollen an diesem Abend für Menschlichkeit plädieren. Nicht in den sozialen Netzwerken, sondern live in der Innenstadt.

Am Ende gibt es mehr als 200 Zuhörer. Alkurdi, 30, zum Beispiel. Er ist aus dem Allgäu gekommen. Seit gut zwei Jahren lebt der Flüchtling aus Syrien in Deutschland. Er lächelt verlegen, behauptet, er spreche weder gut Deutsch noch Englisch und vergräbt die Hände in den Taschen seiner Jacke. Es sind fast null Grad. Seine gleichaltrige Freundin, die er hier kennengelernt hat, sagt, dass Alkurdi den Deutschtest B1, den für Fortgeschrittene, bestanden habe.

Sie ist Deutsche, und wie viele Deutsche dieser Tage kann auch sie, trotz ihrer Nähe zum Thema, nur zusehen – wenn sich Alkurdi per Whatsapp mit seinen Angehörigen in Damaskus verständigt. Wenn in den Nachrichten die Bilder vom zerbombten Aleppo laufen. Von den Leichen. Von den Kindern mit den leeren Augen. Heute will sie, trotz oder wegen ihrer Hilflosigkeit, zumindest auf der Straße stehen. Weil das für sie mehr ist, als die Massaker in den sozialen Netzwerken zu kommentieren. Sie richtet die Augen wieder auf die Bühne, von der Mitveranstalter Ahmad immer wieder "Frieden für Syrien!" skandiert, und das Publikum damit mitreißt, das auf die Rufe einstimmt.

Zwei Kleinkinder weinen, weil sie diese ungewohnte Lautstärke nicht verstehen. Das Publikum besteht aus Studenten, einige von ihnen mit Kopftuch, Flüchtlingen, aber auch älteren Menschen, denen man das Münchentum anzusehen meint. Auch eine 46-jährige Frau stört sich an der Lautstärke und an den in die Luft gereckten Fäusten. Sie sei immer bei Anti-Pegida-Demos dabei, sagt sie. Aber bei den Gesängen hier fühle sie sich ausgeschlossen.

"Das ist gar nicht so gemeint", sagt Amasy, 17, deren Eltern aus dem Sudan kommen, und reißt die Augen auf. Die Lieder, die die Flüchtlinge in ihrer Muttersprache auf der Bühne singen, seien Friedenslieder. Schadana, 21 Jahre alt und mit afghanischen Wurzeln, gestikuliert dazwischen. Die beiden wollen am liebsten zu zweit sprechen, weil sie sich so einig sind: "Es geht hier um Nächstenliebe und darum, ein Zeichen für unsere Glaubensgenossen zu setzen."

Die beiden sind in München aufgewachsen, die eine trägt Parka, die andere einen Wollmantel. Ihre Eltern sind integriert, die Mädchen fühlen sich in Deutschland wohl. Bei Instagram und Facebook informieren sie sich über den Krieg und halten sich auf dem Laufenden. Die heutige Facebook-Veranstaltung unter dem Motto "Stand up for Aleppo" hätten sie in den vergangenen Stunden "geteilt und geteilt und geteilt", sagt Schadana.

"Die Hilfe ist unglaublich", sagt Ahmad Schekeb Popal, als die Mahnwache nach knapp drei Stunden zu Ende ist. Nilab, die Veranstalterin mit den Stoff-Chucks, ist aufgekratzt. Sie umarmt viele Menschen. Kroaten, Bosnier, Afghanen. Fast alle Redner haben es auf die Schnelle geschafft.

Und auch die drei Polizisten, von denen einer an diesem Tag sichtlich keine Lust auf seinen Job hat, können Feierabend machen. Pegida ist nicht aufgekreuzt. Vielleicht war das Event nicht in der Timeline des fremdenfeindlichen Bündnisses.

Die U-Bahn ist kurz vor acht Uhr gesteckt voll. Vom Hauptbahnhof fahren viele von ihrer Weihnachts-Shopping-Tour nach Hause, zwischen ihren Füßen die Papiertüten. Durch Zufall steht die 46-Jährige, der es zu laut war, neben einem im Zug und lächelt. Sie sagt etwas über die Teilnehmerzahl der Mahnwache, es klingt ein bisschen enttäuscht. Eigentlich hatten mehr als 700 Menschen Interesse bekundet. "Aber auf Facebook reden alle ja viel", sagt sie.

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