Muss die Jugend die Corona-Schulden bezahlen?

Gut möglich, sagt der Ökonom Alexander Kriwoluzky. Aber von den Ausgaben könnte sie selbst profitieren.
Interview von Marcel Laskus

Illustration: FDE

Im März hat die Bundesregierung einen milliardenschweren Rettungsschirm beschlossen, um Unternehmen und Arbeitsplätze in der Krise zu retten. Nun wollen Angela Merkel und Emmanuel Macron mit 500 Milliarden Euro die angeschlagene Wirtschaft der europäischen Länder durch die Krise bringen. Nur: All die aufgenommenen Schulden werden einmal zurückgezahlt werden müssen – auch von den Jüngeren. Ist das verantwortungslos von den Regierungen oder genau richtig? Ein Gespräch mit Alexander Kriwoluzky, Wissenschaftler für empirische Makroökonomie, Fiskal- und Geldpolitik an der Freien Universität Berlin und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

jetzt: Herr Kriwoluzky, wie froh sind Sie, dass Sie selbst gerade kein Student sind und nicht kurz vor dem Abschluss stehen?

Alexander Kriwoluzky: Schon froh, ehrlich gesagt. Die Krise führt zu großen Unsicherheiten bei den Firmen. Und je größer die Unsicherheiten sind, desto weniger Menschen werden neu eingestellt.

Die Menschen, die die Schulden jetzt aufnehmen, sind eher älter und werden die Schulden womöglich nicht mehr selbst bezahlen müssen. Anders als die Jüngeren. Ist das nicht unfair?

Das stimmt so nicht. Das letzte Mal, dass so hohe Schulden aufgenommen wurden, war zur Finanzkrise 2007/2008. Alle Schulden von damals sind in den letzten zehn Jahren zurückbezahlt worden: Die Schuldenquote lag vor der Finanzkrise bei etwas über 60 Prozent, stieg dann auf über 80 Prozent, um vor der Coronakrise auf sogar unter 60 Prozent zu fallen. Es ist schwer abzusehen, wie diese Krise weiter verläuft. Aber gerade sieht es nicht danach aus, dass die Schulden höher sind als damals.

Alexander Kriwoluzky betont: Die momentanen Investitionen helfen den Jüngeren auch langfristig.

Foto: DIW Berlin

Ende März beschloss der Bundestag, wegen der Corona-Krise zusätzliche 122 Milliarden Euro auszugeben. Von der Linken bis zur FDP waren sich darin alle einig. Wie sollte man das als junger Mensch sehen?

Als Mensch unter 30 kann man das relativ entspannt sehen. Würde der Staat diese Schulden nicht aufnehmen, würde die Rezession deutlich schlimmer ausfallen. Das wiederum würde viel mehr Arbeitsplätze kosten und die Krise würde länger andauern. Eine lang anhaltende Rezession würde langfristig mehr Kosten verursachen, als die Kosten, die man jetzt kurzfristig tätigt. Und: Die Maßnahmen helfen gerade denen, die in nächster Zeit auf den Arbeitsmarkt kommen.

Warum gerade denen?

Ziel davon ist, dass so wenige Firmen wie möglich pleitegehen. Ist die Krise vorbei, kann eine Firma, die nicht bankrott gegangen ist, schnell wieder loslegen. Der Ladenbesitzer geht zum Laden, schließt ihn auf, stellt neue Leute ein, es geht weiter. Ist ein Laden aber einmal geschlossen, muss sich erst einer finden, der diese Firma gründen will. Das dauert länger. Je weniger Firmen pleitegehen, desto leichter wird der Start nach der Krise und desto mehr junge Menschen werden eingestellt. Darum geht es in der aktuellen Fiskalpolitik. Und das hilft den Jüngeren.

Als junger Mensch muss man nicht denken: „Oh mein Gott, wie soll ich das bloß zurückzahlen!“

Wie gut ist Deutschland für die neuen Schulden aufgestellt?

Im Vergleich zu vielen anderen Staaten hat Deutschland ein sehr niedriges Verhältnis von Schulden zum Bruttoinlandsprodukt. In den letzten Jahren wurden in Deutschland sehr viele Schulden abgebaut. Die Schulden, die jetzt aufgenommen werden, können ohne weiteres von der Gesellschaft getragen werden. Als junger Mensch muss man nicht denken: „Oh mein Gott, wie soll ich das bloß zurückzahlen!“

Sie klingen optimistischer als viele andere.

Als junger Mensch sollte man dennoch darauf achten, dass die nächsten Konjunkturpakete, die verabschiedet werden, nicht in die fossilen Energien und die altehrwürdigen Industrien gehen. Sondern in Industrien, die eine Zukunft haben und in denen junge Menschen auch in 30 Jahren noch arbeiten können.

Wäre es aus Sicht der Jugend gut, dass die Schulden so schnell wie möglich abgebaut werden?

Um das einzuschätzen, ist es gut, auf den privaten Konsum zu schauen: Wenn man sich ein Auto kauft, möchte man lieber jeden Monat den gleichen Betrag zurückzahlen und nicht alles auf einmal. So kann man auch weiterhin Ausgaben tätigen, etwa die Miete, Lebensmittel und den Besuch im Kino. Auf die Volkswirtschaft übertragen: Wir wollen und müssen weiterhin in Nahverkehr, Digitalisierung, Gesundheitswesen und Schulen investieren. Dafür macht es Sinn, den Schuldenberg lieber über eine längere Zeit abzubauen.

Schieben die Älteren damit nicht den Schuldenberg von sich selbst weg?

Das kann man so sehen. Aber wenn wir nicht die Steuern stark erhöhen und die Schulden auf einmal abbezahlen, dann fehlt das Geld in anderen Sektoren. Das wäre die Alternative. Aber Schulden abbauen und viel Geld investieren für das, das uns als Gesellschaft wichtig sind? Beides geht nicht.

Was passiert, wenn die Schulden noch einmal deutlich steigen?

Dann sind im schlimmsten Fall auch Investitionen nicht mehr möglich. Ich lebe in Berlin. Dort habe ich das gemerkt, als radikal gespart wurde – bei sämtlichen öffentlichen Ausgaben, bei den Schulen und den Kindergärten. Möglich ist zum Beispiel, dass in ein paar Jahren die Steuern erhöht werden, um die Schulden abzubauen. Das träfe dann natürlich auch jene, die heute noch jung sind.

„Das Kurzarbeitergeld und die Soforthilfen reduzieren den Schaden für die Zukunft“

Studien zeigen, dass Menschen, die im jungen Alter eine Krise erleben, später nicht so viel verdienen werden wie die Generationen vor und nach ihnen. Muss man die Jüngeren deshalb nicht speziell unterstützen?

Genau dafür sind die jetzigen Maßnahmen ja da. Das Kurzarbeitergeld und die Soforthilfen reduzieren den Schaden in der Zukunft. Das ergibt für die Jüngeren einen indirekten Effekt. Je kürzer die Krise und je weniger schwer die Krise, umso weniger schwer wird auch der einzelne Studierende oder Auszubildende betroffen sein.

Würde ein Konjunkturpaket speziell für Auszubildende und Studierende nicht mehr Sinn machen?

Das klingt erst einmal schön. Aber das Geld, das jetzt ausgegeben wird, ist dafür da, dass der Start nach der Krise leichter fällt. Das ist schon ein Konjunkturpaket für Jüngere. Dennoch werden auch Jüngere die Folgen zu spüren bekommen. Etwa, weil in einer tiefen Rezession weniger Firmen gegründet werden, da weniger Gründungskapital da ist. Die geringeren Firmengründungen führen wiederum zu weniger Innovationen.

Zwei SPD-Mitglieder schlugen kürzlich vor, allen 18- bis 35-Jährigen pauschal für ein Jahr 300 Euro zu überweisen, um sie in der Krise zu unterstützen. Was halten Sie davon?

Ich sehe den Vorschlag kritisch. Meiner Meinung nach sollten wir als Gesellschaft zusehen, der jungen Generation eine Welt zu hinterlassen, in der sie leben möchte und vor allem auch kann. Das bedeutet, das wir mit dem Geld lieber nachhaltige Investitionen finanzieren sollten, die der jüngeren Generation viel mehr nutzen werden, als heute mit diesem Geld ein wenig mehr zu konsumieren. 

„Sein Geld auf ein Sparbuch zu legen ist eher riskant“

2019 war jeder siebte Unter-30-Jährige privat verschuldet. Haben Sie Sorge, dass diese Zahl nun steigt?

Das ist schwer absehbar. Wenn die Privatverschuldung in der Bevölkerung zu hoch wird, und die Schulden häufiger nicht mehr bedient werden, haben die Banken Finanzierungsprobleme, und das könnte zu einer Finanzkrise führen. Dabei machen aber in der Regel nicht die Schulden der Jüngeren den Ausschlag, sondern die Häuser und Wohnungen, die zu einem geringeren Zinssatz gekauft wurden und für die die Kredite nicht mehr bezahlt werden können.

Wie sollte man als junger Mensch sein Geld anlegen, um für die unsichere Zukunft vorzusorgen?

Als junger Mensch mit 20, 30 Jahren Anlageperspektive ist es immer ratsam, Aktien zu kaufen. Man muss dann aber dazu bereit sein, sie sehr lange nicht anzufassen. Sein Geld auf ein Sparbuch zu legen ist eher riskant, weil auch eine Inflation möglich ist, in der das Ersparte an Wert verliert. Die Coronakrise hat das Risiko dafür und die Unsicherheit sehr erhöht. Konsum hingegen ist gerade in Krisenzeiten immer ein guter Rat an junge Menschen: Wenn man aufisst, was man hat, kann einem zumindest dieses Gefühl von Genuss keiner mehr nehmen.

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