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„Wir brauchen das ganze Geld für den Prozess“

Der "Lifeline"-Gründer spricht über Jan Böhmermanns Spendenaktion und die Zukunft der Seenotrettung.
Interview von Theresa Hein
Das Flüchtlings-Rettungsschiff der deutschen Hilfsorganisation „Lifeline“ kommt im Hafen von Valletta an. Das Schiff mit 234 Flüchtenden durfte nach fast einer Woche auf dem Mittelmeer doch noch anlegen.

Das Flüchtlings-Rettungsschiff der deutschen Hilfsorganisation „Lifeline“ kommt im Hafen von Valletta an. Das Schiff mit 234 Flüchtenden durfte nach fast einer Woche auf dem Mittelmeer doch noch anlegen.

Foto: dpa/Chris Mangion

Vor zehn Tagen begann Jan Böhmermann nach einem Videoaufruf, Spenden für die Crew des Seenotrettungsschiffes „Lifeline“ zu sammeln, dessen Kapitän derzeit auf Malta vor Gericht steht. Mit dem Geld aus der Kampagne sollte der Organisation ein guter Rechtsbeistand ermöglicht werden. Der Vorwurf, dem sich die NGO stellen muss: Das Schiff sei nicht ordnungsgemäß registriert gewesen. Außerdem habe der Kapitän die Anweisungen italienischer Behörden ignoriert, die Rettung von Flüchtlingen Libyen zu überlassen. Heute, zum Abschluss des Spendenaufrufs sind fast 200.000 Euro für die Prozesskosten zusammengekommen. Wir haben mit Axel Steier, einem der Gründer der Organisation darüber gesprochen, was mit dem Geld passiert und was ein Gerichtsprozess wie dieser für ihre zukünftige Arbeit bedeutet.

jetzt: Was bringt euch die Spendenkampagne von Jan Böhmermann?

Axel Steier: Viel, wir können uns damit wesentlich bessere Anwälte leisten als ohne diese Spenden. Die Kosten in den letzten Tagen liegen allein schon bei 20.000 Euro. Und ich befürchte, dass wir das ganze Geld für diesen Prozess brauchen werden.

Was müsst ihr denn alles zahlen?

Wir arbeiten gerade mit zwei maltesischen Kanzleien, einer niederländischen und einer deutschen Anwaltskanzlei zusammen. Wir haben jetzt einen Menschenrechtsanwalt, einen Anwalt für Seerecht und einen für Strafrecht im Team. Diese Kanzleien haben Stundensätze um die 200 Euro, und das sind noch nicht mal die teuersten. Da ist das Geld schnell weg.

Im Normalfall finanziert ihr eure Arbeit auch über Spenden. Was kostet  ein Rettungseinsatz?

Das kommt auf die Größe des Schiffes an. Wir haben ein eher preisgünstigstes Schiff. Bei uns kostet eine Mission, die 14 bis 18 Tage dauert, an die 24.000 Euro (also ca. zwischen 1700 und 1300 Euro pro Tag, Anm. d. Redaktion). Ohne Rechtsstreitigkeiten. Und das geht nur, weil wir mit ehrenamtlichem Personal arbeiten und nur die Kosten haben, die für Sprit und Versorgung anfallen. Die decken wir mithilfe von Spenden. Andere NGOs kommen auf Kosten von bis zu 11.000 Euro pro Tag, weil sie zum Beispiel wesentlich größere Schiffe haben. Und jetzt wird unsere Arbeit noch teurer.

Das heißt ihr bräuchtet eigentlich noch mehr Geld?

Ja, denn wir müssen uns jetzt Strategien überlegen, wie wir die Menschen an Land bringen können. Wir müssen davon ausgehen, dass die europäischen Staaten sich immer wieder weigern, Menschen aufzunehmen. Dagegen kann man zwar klagen, aber das ist sehr kostspielig und außerdem muss man bei jeder Hafeneinfahrt fürchten, dass die Schiffe beschlagnahmt werden – so wie das jetzt auf Malta mit den Schiffen der NGOs passiert ist. Bei uns ist es gerade so: Selbst, wenn der Prozess vorbei wäre, könnten wir unsere Arbeit nicht fortsetzen, weil wir erst noch die „Lifeline“ freikriegen müssen. Vermutlich wäre das nochmal ein extra Prozess.

Welche Alternativen bleiben euch denn noch, wenn das Schiff weiter blockiert bleibt?

Man könnte natürlich ein neues Schiff kaufen, das kostet wieder eine halbe Million für Ausrüstung, Schlauchboote, mindestens. Oder ein Schiff chartern, aber das ist vermutlich noch teurer.

Selbst wenn ihr das Schiff wiederbekommt, kann es sein, dass ihr nirgends anlegen dürft. Was könntet ihr dann noch machen?

Eine Idee wäre, dass man gar nicht mehr in nationale Gewässer einfährt. Sondern die Menschen in internationalen Gewässern aus der Seenot rettet und dann die europäische Bevölkerung anspricht und sagt: Liebe Europäerinnen und Europäer, die ihr ein Schiff besitzt – wir haben hier Menschen vor dem Ertrinken gerettet, nehmt sie uns ab. Da wüsste man aber nicht, wie die Länder darauf reagieren. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass sich die Politik, wenn 500 oder auch nur 100 Privatboote zu diesem Zweck auf dem Mittelmeer unterwegs wären, zu einer Reaktion gezwungen sähe. Das ist aber, wie gesagt, nur ein Gedankenspiel.

Wie hat sich die Arbeit der NGOs in den vergangenen Wochen verändert?

Die Zusammenarbeit mit der Seenotrettung in Rom ist am 13. Juni eingestellt worden. Früher wurden wir als zivile Rettungskräfte bei Seenotrettungen hinzugerufen und haben die Menschen von den italienischen Schiffen an Bord genommen. Das passiert jetzt nicht mehr: Die Menschen werden dann zurück an die libysche Seite übergeben und nicht an uns; die libyschen Schiffe haben aber oft nicht einmal Rettungswesten, und wenn da einer ins Wasser fällt, ist das egal. Im schlimmsten Fall geraten die Menschen wieder zurück an die Schlepper.

Was sagt ihr zu den Menschen, die die Meinung vertreten, die Geflüchteten sollten überhaupt gar nicht erst in Libyen auf die Schiffe drauf?

Menschen fliehen nicht ohne Grund aus ihren Heimatländern. Und wer einmal als Geflüchteter in Libyen angekommen ist, hat eben nur noch eine Option – weg da. Ich hoffe, dass die Europäer das verstehen.

Habt ihr Angst, dass die Menschen beim Thema Seenotrettung ermüden könnten und es ihnen egal wird?

Im Gegenteil. Ich glaube, gerade gibt es eine Gegenbewegung in der Bevölkerung: Weil man die Katastrophen sieht, die passieren, und weil die Politiker ihre Kälte so deutlich demonstrieren, fangen die Leute an, sich zu fragen, „Was ist eigentlich mein Standpunkt in der Angelegenheit?“ Die Menschen beginnen, selbst zivilen Ungehorsam zu üben, das sieht man an den Seebrücke-Demonstrationen vom Wochenende. Im Seerecht steht: Wenn ein Mensch zu ertrinken droht, muss er gerettet werden. Und ich glaube schon, dass es gerade viele Privatleute gibt, die überlegen, wie sie aktiv werden können. Außerdem finde ich es schön, wenn Künstler und Intellektuelle die Bevölkerung dazu aufrufen, zu handeln. Und wenn sie es dann tut, umso besser.

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