„Das zusätzliche Jahr im Kindergarten hat mir wenig bis gar nichts gebracht“

Wir haben mit Menschen gesprochen, die erst in der Grundschule Deutsch gelernt haben.
Protokolle von Sophie Aschenbrenner

Sollen Kinder erst eingeschult werden, wenn sie gut Deutsch sprechen? Darüber wird in Deutschland gerade heftig diskutiert. Anstoß dazu gab der CDU-Politiker Carsten Linnemann, der in einem Interview mit der Rheinischen Post sagte:

„Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen.“ Linnemann schlägt für die betroffenen Kinder eine Vorschulpflicht vor, notfalls müsse eine Einschulung auch zurückgestellt werden. Dafür erntet der Politiker heftige Kritik, aber auch Zuspruch. Wir haben mit denjenigen gesprochen, die selbst schon einmal in der Situation waren: Menschen, die in den 90ern in Deutschland aufgewachsen sind und Deutsch vor allem in der Grundschule gelernt haben.

„Gesellschaftlich schlechter gestellte Menschen werden dadurch noch mehr benachteiligt“

Foto: privat

Nabard, 32, studiert in Marburg Medizin und ist Anfang der 90er mit seiner Familie aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet.

„Meine Geschwister und ich sind in einem Stadtteil aufgewachsen, in dem hauptsächlich Migranten wohnten, wir hatten also als Kinder Anfang der 90er Jahre erst einmal wenig bis gar keinen Kontakt zu Deutschen. Dementsprechend haben wir uns im Kindergarten eher mit Händen und Füßen verständigt. Wenn man Kinder von Migranten vor dem Schulbeginn zusammensteckt und unter sich lässt, ist das nicht gut. Danach heißt es dann: ,Ihr integriert euch nicht.‘ Es hat meiner Meinung nach keinen Sinn, nicht-deutsche Kinder von deutschen Kindern zu separieren nach den Ergebnissen von irgendwelchen Tests. Das halte ich für problematisch. Gesellschaftlich schlechter gestellte Menschen werden dadurch noch mehr benachteiligt.

In der Grundschule habe ich angefangen, Deutsch zu lernen. Viele Kinder in meiner Klasse kamen nicht aus Deutschland und das gemeinsame Lernen hat uns zusammengebracht: Unser gemeinsamer Nenner war die deutsche Sprache. Samstags haben wir immer zusammen Cartoons auf Deutsch geschaut. Da und beim Spielen mit den anderen Kindern habe ich die Sprache nach und nach gelernt. Bei mir war es so, dass ich auch für meine Familie schnell Deutsch lernen musste, denn ich war in meiner Familie der Haupt-Dolmetscher. Meine Eltern haben uns gepusht und uns eingeschärft, die Sprache zu lernen. Programme wie Willkommensklassen gab es im meinem Umfeld damals nicht. Meine jüngeren Geschwister hatten dann später entsprechende Kurse in der Schule. Ideal ist es meiner Meinung nach, wenn Kinder von Migranten normal eingeschult werden. Nach der Schule sollte es, wie für Kinder ohne Sprachprobleme auch, Nachhilfe oder andere Förderklassen geben.“

„Wir müssen das System den Kindern anpassen und nicht umgekehrt“

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Franz, 27, kam mit fünf Jahren aus Albanien nach Deutschland und studiert heute Wirtschaft und Ethik im Master.  

„Ich finde: Wir müssen das System den Kindern anpassen und nicht umgekehrt. Das sollte doch das Ziel sein. Ich kann Carsten Linnemans Kritik irgendwie nachvollziehen, weil es auch schwierig ist, wenn viele Kinder mit Sprachdefiziten in einer Schulklasse sitzen. Die Kinder mit Defiziten müssen gefördert werden, aber auch die anderen müssen gefördert werden. Aber das kann ja nicht dazu führen, dass die Kinder ewig nicht in die Schule gehen. Da müssen andere Ansätze her.

Ich bin mit meinen Eltern 1996 im Zuge der Finanzkrise in Albanien von Tirana nach Deutschland gekommen. Wir sind dann im Rahmen des Asylverfahrens nach Essen versetzt worden. Ich sollte schon ein Jahr vorher eingeschult werden, also 1997, das ist dann aber in Rücksprache mit dem Kinderarzt wegen meiner sprachlichen Defizite verschoben worden. In der Vorschule war ich wie auch zu Beginn der Grundschulzeit ziemlich isoliert. Ich hatte große sprachliche Probleme, das zusätzliche Jahr im Kindergarten hat mir wenig bis gar nichts gebracht. Das war quasi ,learning by being there‘ statt ,learning by doing‘, weil ich wirklich kaum gesprochen und daher also auch nichts gemacht habe.

Wir sind dann umgezogen und das hat mir sehr geholfen. Die zweite Klasse und die Hälfte der dritten Klasse war ich an einer anderen Schule, in der viele andere Kinder mit Migrationshintergrund waren. Dort hatte ich eine ganz andere Betreuung – und nicht solche Hemmungen, weil ich nicht perfekt Deutsch konnte. Plötzlich waren um mich herum viele Kinder, die die Sprache auch nicht so gut konnten. Ich war vorher sehr schüchtern, was sicher auch mit den sprachlichen Problemen zu tun hatte. Als wir anderthalb Jahre später wieder zurückzogen und ich wieder meine alte Schule besuchte, hatte ich das Deutsch drauf. Ab da hatte ich keine Probleme mehr. Aber ich weiß noch gut, dass eine Lehrerin mal in der fünften Klasse zu meinen Eltern gesagt hat: ,Der Franz wird in Deutsch niemals über eine Vier hinauskommen, weil in seinem Elternhaus kein Deutsch gesprochen wird.‘ Da werde ich heute noch sehr wütend, wenn ich drüber nachdenke.“

„Deutsch habe ich im Kindergarten und in der Schule gelernt“

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Angi, 25, hat gerade ihren BWL-Bachelor in Hamburg abgeschlossen. Ihre Eltern kamen kurz vor ihrer Geburt aus Serbien nach Deutschland.

„Ich bin in Deutschland aufgewachsen, daheim haben wir aber nur Serbisch gesprochen. Daher habe ich erst im Kindergarten und in der Grundschule richtig gelernt, die Sprache zu sprechen. Nachhilfe oder Förderunterricht hatte ich nie. Im Kindergarten habe ich erst mal gar nicht gemerkt, dass ich Verständigungsprobleme hatte, aber ich war insgesamt leiser und zurückhaltender als die anderen Kinder. Trotzdem habe ich mir die Sprache angeeignet. In der Grundschule war ich dann ziemlich auf dem Niveau meiner Mitschüler und habe mich auch mit vielen Deutschen angefreundet. Dabei habe ich natürlich auch sehr viel über die deutsche Kultur und das deutsche System gelernt. Durch die Eltern meiner Freunde habe ich mitbekommen, wie das Schulsystem hier funktioniert, das hat mir total geholfen. Deutsch war immer mein Lieblingsfach, da hatte ich immer gute Noten.

Meine Eltern konnten kein Deutsch. Ich habe sehr schnell angefangen, ihnen bei vielem zu helfen, Briefe zu lesen und zu übersetzen zum Beispiel. Irgendwann haben wir auch daheim einen Mix aus Deutsch und Serbisch gesprochen, mit meiner Schwester spreche ich bis heute nur Deutsch. Durch uns wurden auch unsere Eltern immer mehr integriert. Deswegen finde ich die Idee, Kinder mit Migrationshintergrund erst einzuschulen, wenn sie Deutsch können, schrecklich. Klar, die Schule ist leichter, wenn man die Sprache schon kann. Aber als Kind denkt man da gar nicht so drüber nach. Man integriert sich und lernt dadurch, dass man Menschen kennenlernt, die aus Deutschland kommen und die Sprache sprechen.“

„Die Voraussetzungen sind für Kinder die besten, wenn sie zusammen mit anderen Deutschen in einer Klasse sind“

Foto: privat

Olga, 31, kam mit sechs Jahren aus Russland nach Deutschland. Heute arbeitet sie als Kommunikationsdesignerin in Berlin.

„Wenn man von einer fremden Sprache umgeben ist, lernt man sie als Kind schon ziemlich schnell und ich denke, dass es den Lernprozess eher verlangsamt, wenn alle Kinder um einen herum auch kein Deutsch können. Natürlich ist die Anfangsphase hart, wenn man eingeschult wird und nichts versteht. Aber aus Erfahrung kann ich sagen: Es wird schnell besser. Als ich sechs Jahre alt war, bin ich mit meiner Familie aus Russland nach Baden-Württemberg gekommen. Meine Eltern entschieden, dass ich ein Jahr länger im Kindergarten und der Vorschulklasse bleiben sollte, dadurch wurde ich später eingeschult. Ich war in einer normalen Vorschulklasse mit anderen deutschen Kindern. Deutsch habe ich dann ziemlich schnell gelernt und schon gut gesprochen, als ich in die Schule kam. Bei meiner Schwester war es anders: Sie ist dreieinhalb Jahre älter als ich und wurde in Deutschland in die dritte Klasse eingeschult. Für sie war es schwierig, mit der Sprache zurechtzukommen, doch sie hat in dem Jahr so gut aufgeholt, dass sie nicht sitzengeblieben ist.

Als ich noch im Kindergarten war, war meine Familie in einem Heim für Russlanddeutsche untergebracht. Da haben wir auch viel mit Kindern aus anderen Ländern gespielt. Zu Hause haben wir viel Russisch gesprochen. Meiner Meinung nach sind die Voraussetzungen für Kinder die besten, wenn sie zusammen mit deutschen Kindern in einer Klasse sind und sich mit ihnen anfreunden. Ich war oft bei deutschen Freunden eingeladen, konnte da zwar nicht richtig kommunizieren, aber irgendwie hat es funktioniert und ich denke, der Kontakt zur deutschen Kultur und der Sprache war wichtig für mich. Deutsch haben meine Schwester und ich auch übers Fernsehen gelernt, auch wenn wir die Zusammenhänge in den Filmen und Serien natürlich nicht so richtig verstanden haben. Von der Sprache blieb dennoch viel hängen.“

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