„Als die Proteste losgingen, dachte ich nur: endlich!“

Drei junge Menschen erzählen, warum sie in Nigeria gegen die Polizei und die Regierung demonstrieren.
Protokolle von Kolja Haaf
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Ibrahim, Oluwalanu und Folu beteiligten sich an den Protesten in ihrem Heimatland Nigeria.

Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

Drei junge Männer sitzen in einem Auto und filmen vor sich einen Polizeiwagen sowie einen weißen Lexus, deren Fahrer offenbar hektisch versuchen, durch den Verkehr zu kommen. Einer der Männer ruft in anklagendem Tonfall etwas ins Handy. Unter dem Video, das diese Szene zeigt, steht: „SARS Polizisten haben gerade einen jungen Mann in Ughelli erschossen. [...] Sie ließen ihn tot am Straßenrand liegen und fuhren mit seinem Auto weg.“ „Sein Auto“ meint offenbar den weißen Wagen. Eine andere Aufnahme (Anm. d. Red.: Achtung, expliziter Inhalt) zeigt einen jungen Mann in einem leuchtend orangenen T-Shirt blutend und leblos auf der Straße. Andere versuchen, ihn aufzurichten, jemand ruft immer wieder: „Er ist tot!“ Das Video zeigt den Mann, der von den Polizisten getötet worden sein soll. Der Name des Opfers ist nicht bekannt, der Diebstahl des Wagens ist in den Videos nicht zu sehen.

Diese Videos waren der Auslöser für die Proteste gegen die „Special Anti-Robbery-Squad“, kurz SARS, in Nigeria, die jetzt schon seit zwei Wochen anhalten. Der Spezialeinheit der Polizei wird im Wesentlichen massives kriminelles Verhalten vorgeworfen, von willkürlichen Kontrollen, über Erpressung bis zu Vergewaltigung und Mord.

Im Zuge der Proteste blockierten Demonstrant*innen im ganzen Land Mautstellen, um den Verkehr lahmzulegen. An einer davon wurden laut Amnesty International mindestens zwölf Demonstrierende von der Armee getötet, manche Quellen sprechen von anderen tödlichen Zwischenfällen. 

Wir haben mit drei jungen Nigerianer*innen darüber gesprochen, wie sie die Proteste erleben und warum sie nicht nur die Abschaffung der Spezialeinheit fordern, sondern grundsätzliches Umdenken in Nigeria – das als bevölkerungsreichstes Land Afrikas eine entscheidende Rolle für den ganzen Kontinent spielt.

„Dein Leben ist ihnen rein gar nichts wert. Das hat man immer im Hinterkopf“

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Foto: privat

Folu, 27, ist Blogger und Unternehmer und lebt in Lagos.

„Es ist nicht so, dass die Proteste aus dem Nichts kamen. Bei mir persönlich hatte sich schon lange Wut aufgestaut wegen der Missstände in unserem Land. Diese Videos, die die Verbrechen der SARS zeigen, waren nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Es ist wichtig zu verstehen, dass dieses menschenverachtende Verhalten der Polizei letztlich nur ein Symptom viel grundlegenderer Probleme ist. Korrupte Beamte oder Politiker zweigen die Gelder ab, mit denen eigentlich die Polizeiarbeit in Nigeria finanziert werden soll. Und diese unterbezahlten, schlecht ausgebildeten Polizeibeamten holen sich ihr Geld dann durch Erpressung und alle möglichen Formen des Machtmissbrauchs.

Deshalb sind die Menschen wütend auf Präsident Muhammadu Buhari. Am vergangenen Donnerstag hat er in einer Rede an die Nation nicht einmal die zwölf Demonstranten erwähnt, die von der Armee zwei Tage zuvor erschossen wurden. Die Ereignisse von Lekki (Mautstelle nahe  Lagos, Anm. d. Red.) waren ein gezielter Akt staatlichen Terrors. Die Beleuchtung der Mautstelle wurde ausgeschaltet und die Demonstranten, die sie blockierten, wurden im Dunkeln regelrecht überfallen. Es war schlicht ein Massaker. 

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Folu dokumentiert die Proteste auf seinem Blog mit Fotos.

Foto: Folu Oyefeso

Ich habe Angst, keine Frage. Diese Leute haben keinerlei Hemmungen, egal wer du bist, wie wohlhabend oder bekannt du bist – dein Leben ist ihnen rein gar nichts wert. Das hat man immer im Hinterkopf. Andererseits denke ich mir: Die Staatsgewalt war so lange unfähig auf so vielen Ebenen – so allumfassend kann die Gefahr gar nicht sein. Die Regierung hat zum Beispiel verbreitet, dass sie alle Social-Media-Accounts überwachen. Wo sollen jetzt auf einmal die Ressourcen und die Fähigkeiten herkommen, das zu tun? Trotzdem sind wir vorsichtig und diskutieren zum Beispiel nur in anonymen Foren.

Wir wollen eine Umverteilung der Macht in der Nationalversammlung und in den Lokalregierungen. Und ich glaube, auf lange Sicht werden wir das auch erreichen. All diese Tausenden von Menschen, die friedlich zusammenarbeiten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen – wenn ich das sehe, kriege ich Gänsehaut. Es ist das erste Mal seit 60 Jahren, dass die Menschen in Nigeria vereint sagen: Genug ist genug!“

„Das Schlimmste, was den Protesten passieren kann, ist, dass wir Privilegierten uns zurückziehen“

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Foto: privat

Oluwalanu, 27, arbeitet im Marketing. Sie ist politisch interessiert und stellt den Protest auch über private Angelegenheiten.

„Am Tag, als die Proteste anfingen, starb meine Großmutter. Das hat mich sehr mitgenommen und ich hatte das Gefühl, ich müsse bei meiner Familie sein. Gleichzeitig wartete ich seit zehn Jahren darauf, dass die Menschen in Nigeria sich endlich wehren. Ich habe mit 17 angefangen, mich über die nigerianische Geschichte zu informieren, den Bürgerkrieg, die Stammeskonflikte, die Korruption. All das machte mich wütend, weil so vieles vermeidbar gewesen wäre, was unser Land in seinen jetzigen Zustand versetzt hat. Wenn ich auf die Straßen gehe und das Elend mancher Menschen sehe, muss ich manchmal einfach weinen. Deshalb war für mich klar: Ich kann diesen Augenblick nicht verpassen und muss meine privaten Sorgen zurückstellen. Ich trauerte kurze Zeit um meine Oma und ging dann protestieren.

Das erste Mal war es sehr beängstigend. Bewaffnete Polizei war da und irgendwann kam es zu einer Massenpanik unter den Demonstranten. Ich hatte Angst, zertrampelt zu werden. Trotzdem war es gut, zu sehen, wie alle gemeinsam auf die Straßen gingen, egal ob Christen oder Muslime, egal ob Yoruba, Igbo oder Hausa. Und egal, ob Mann oder Frau. 

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Oluwalanu geht so oft auf die Straße, wie es ihr Beruf erlaubt.

Foto: privat

Frauen spielen eine besondere Rolle bei den Protesten, weil sie einen großen Teil der Infrastruktur organisieren, die für die Proteste notwendig ist: ärztliche Versorgung und Verpflegung zum Beispiel. Ein großer Teil der Kosten wird von der ‚Feminist Coalition‘ getragen. Das sind zwölf Frauen aus der Medienbranche und der Industrie, die ihren Einfluss nutzen, um Spenden zu sammeln. Auch ich gehöre der relativ wohlhabenden, aber kleinen Schicht an. Das Schlimmste, was den Protesten passieren kann, ist, dass wir Privilegierten uns zurückziehen, aus Angst vor Plünderungen, aus Angst unseren Wohlstand zu verlieren oder weil wir uns vom Staat korrumpieren lassen. Denn ohne unsere finanzielle und mediale Unterstützung wird es sehr schwer, die Bewegung am Laufen zu halten.

Deshalb ist es wichtig, dass wir zusammenhalten, über soziale, Glaubens-, Stammes- und Geschlechtergrenzen hinweg.

„Wir Durchschnittsmenschen wollen einfach nicht erpresst oder getötet werden“

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Foto: privat

Ibrahim, 29, ist Crypto-Analyst und wohnt in Lagos.

„Ich war schon lange bereit. Als die Proteste losgingen, dachte ich: endlich! Ich selbst bin schon mehrmals von den SARS-Polizisten erpresst worden. Beim letzten Mal war ich im Auto auf dem Weg zur Uni, ich hatte einen wichtigen Test. Ich war relativ gepflegt angezogen und hatte eine Laptoptasche dabei. Die Polizisten sind vermutlich dadurch auf mich aufmerksam geworden und haben mich angehalten. Sie wollten in meine Tasche sehen, wollten, dass ich in mein Handy und meinen Laptop meine Passwörter eingebe, ohne einen Grund dafür zu nennen. Dann haben Sie einfach meinen Ausweis mitgenommen. Einfach so. Es blieb mir nichts anderes übrig, als hinter ihnen herzufahren zur Polizeistation. Wäre ich bei ihnen im Auto mitgefahren, hätten sie mich vielleicht einfach erschossen. Sowas kommt vor. In der Station sagten sie einfach: ‚Du kriegst den Ausweis, wenn du bereit bist, zu kooperieren.‘ Das hieß: Ich musste ihnen alles an Geld geben, was ich bei mir trug. 

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Ibrahim (rechts) bei der Blockade einer Mautstation.

Foto: privat

Ich bin ein durchschnittlicher Nigerianer. Privilegiertere gehen vielleicht zu den Protesten, weil sie politischen Wandel wollen. Das ist gut. Aber wir Durchschnittsmenschen wollen einfach nicht erpresst oder getötet werden, wenn wir das Haus verlassen. Wir fordern nicht einmal: repariert die Straßen, verbessert die Wasserversorgung, die Stromversorgung! Wir kümmern uns selbst darum, das haben wir immer getan. Wir kommen schon irgendwie zurecht, wir erwarten schon gar nichts mehr vom Staat. Wir wollen einfach nicht getötet werden.

Deshalb habe ich trotz der vielen Toten bei den Protesten auch keine Angst. Oder zumindest nicht mehr, als ich eh schon an einem normalen Tag habe. Wenn ich raus gehe, um einzukaufen, sterbe ich vielleicht. Wenn ich zu den Protesten gehe, sterbe ich vielleicht. Aber bei den Protesten kann ich wenigsten für meine Rechte kämpfen.“

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