Junge Polinnen haben linke Wertvorstellungen – im Gegensatz zu jungen Polen

Aber werden sie bei der Parlamentswahl etwas ausrichten können?
Von Olivia Kortas

Foto: Tomasz Gzell / dpa; Bearbeitung: jetzt

Erst während ihres Austauschjahrs in Trumps USA fing Julia Szpineta an, sich für Politik zu interessieren. „Meine Mitschüler diskutierten häufig über Diskriminierung“, sagt die 18-jährige Polin, „Da habe ich verstanden, dass das in Polen auch ein Problem ist und ich nicht zusehen will, wie die konservative Regierung meine Heimat verändert.“ Im Sommer kam sie schließlich zurück nach Warschau – und stieß über Facebook auf eine neue Partei: die linke Wiosna des offen schwulen Politikers Robert Biedroń. „Endlich jemand, der meine Sicht auf die Welt vertritt: Er setzt sich für mehr Toleranz ein, zum Beispiel für die Rechte von LGBT+“, sagt sie.

Julias erste Wahl wird die Parlamentswahl am Sonntag sein. Sie gilt als Polens wichtigste seit 30 Jahren und entscheidet, ob die nationalkonservative PiS das Land alleine regieren und ihren nationalistischen Kurs fortsetzen kann. Jungen Frauen dürfte es eigentlich stören, wenn PiS gut abschneidet: Umfragen an Schulen zeigen, dass sie politisch linke Wertvorstellungen haben – anders als ihre männlichen Klassenkameraden.

Trotzdem ist Julia in der Minderheit, wenn sie am Sonntag wählen geht: Keine Partei hat es geschafft, junge Frauen zu mobilisieren. Der Wahlkampf wurde lautstark geführt, allerdings hauptsächlich von den beiden größten Parteien. Ihre Botschaften drangen daher auch zu den Wählerinnen und Wählern durch, andere Parteien waren nicht so erfolgreich. Themen, die für junge Frauen wichtig sind, etwa das Klima und Frauenrechte, spielten kaum keine Rolle.

„Die Parteien schaffen es nicht, junge Leute zu halten“

„Als im Februar Wiosna auftauchte, zog sie junge Frauen an“, sagt Beata Roguska, die das politische Team des Umfrageinstituts CBOS leitet. Während die Regierungspartei in ihrer Kampagne gegen LGBT+ hetzte, stellte sich Wiosna entschieden dagegen. Sie gilt als wertliberale, pro-europäische Partei. „Doch nach wenigen Monaten sank die Unterstützung wieder. Die Parteien schaffen es nicht, junge Leute zu halten.“ Bei der Parlamentswahl 2015 ging nur jeder dritte Wahlberechtigte zwischen 18 und 30 wählen. Roguska erwartet am Sonntag eine ähnlich niedrige Wahlbeteiligung.

Junge Polinnen politisieren sich eher durch gesellschaftliche Bewegungen als durch politische Parteien. So war das bei den Schwarzen Protesten: Polinnen gingen 2016 gegen die Verschärfung des Abtreibungsgesetzes auf die Straßen, viele zum ersten Mal. Nicht so die Schülerin Martyna Grygierek: „Ich muss gestehen, damals warf ich meiner Freundin an den Kopf, sie sei gegen Leben.“ Die 18-Jährige ist katholisch aufgewachsen, ihre Eltern wählen PiS. Martyna fing erst zwei Jahre nach den Protesten an, sich mit Politik zu beschäftigen: bei den Klimaprotesten. Sie diskutierte mit anderen Demonstrantinnen und merkte, dass sie linksliberaler denkt als ihre konservativen Eltern: „Ich habe mittlerweile Probleme, mich mit der Kirche zu identifizieren, weil sie Hass gegen sexuelle Minderheiten schürt.“

Ist das Hauptproblem die übertriebene Dramatisierung der Politik?

„Ich werde am Sonntag für die Linke stimmen“, sagt sie, ohne zu zögern, „Momentan gibt es für mich keine andere Option.“ Bei der Wahl am Sonntag treten die Sozialdemokraten, Wiosna und die linke Partei Razem gemeinsam als Koalition an. Dieses Bündnis wird laut Umfragen zwölf Prozent der Stimmen erhalten. Unter den Wählerinnen und Wählern zwischen 18 und 29 werden 20 Prozent für die linke Koalition stimmen. Links der Mitte tritt noch die Bürgerkoalition an, in der die größte Oppositionspartei PO dominiert. „Die PO hat unsere Klimaproteste erst unterstützt, als sie gesehen hat, dass sie wachsen und weitergehen“, ärgert sich Martyna, „Ich habe das Gefühl, sie steht zwischen links und rechts und versteht gar nicht, was gerade passiert.“

Junge Polinnen und Polen wenden sich von den größten Parteien ab. Ewa Marciniak ist Expertin für politische Psychologie an der Universität Warschau. Ihr Team fragte Schülerinnen und Schüler zwischen 14 und 18 Jahren in Polen, der Ukraine und den Niederlanden nach den größten Problemen ihrer Länder. „In der Ukraine beschäftigte die Schüler die Emigration, in den Niederlanden die Ökologie“, sagt Marciniak, „Die polnischen Jugendlichen fanden, das Hauptproblem sei die übertriebene Dramatisierung der Politik.“ Statt in das Lager PiS und Anti-PiS teilen sich junge Polinnen und Polen also auf in links und rechts, je nach Geschlecht.

Den Parteien rechts der PiS, Konfederacja und Kukiz’15, gelingt es, junge Männer zu mobilisieren. „Ich will nicht sagen, dass nur Jungs Konfederacja wählen, aber ich kenne kein einziges Mädchen, das die Rechten unterstützt“, sagt Julia, „Wie auch, wenn sich rechte Politiker frauenfeindlich äußern?“ Sie hofft, dass ihre Freundinnen auch wählen gehen: „Ich glaube, meine Freundinnen sind alle politischer geworden“, sagt sie, „In meinem Freundeskreis gucken wir die Mädels schief an, wenn sie sagen, sie interessieren sich nicht für Politik.“

Junge Polinnen und Polen seien laut Beata Roguska von CBOS nicht rechter als der Durchschnitt der Gesellschaft. In den Wahlergebnissen sah es aber bisher so aus, weil die Rechte sie besser mobilisieren konnte. Und weil linke Parteien es verpasst haben, junge Polinnen anzusprechen, wird sich das bei dieser Wahl wohl nicht ändern.

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