Warum so viele junge Menschen die AfD wählen

Politikwissenschaftlerin Astrid Lorenz glaubt nicht, dass die etablierten Parteien die jungen Wähler ein für alle Mal verloren haben.
Interview von Berit Dießelkämper

Foto: Christian Hüller

Gestern wurde in Brandenburg und Sachsen ein neuer Landtag gewählt und ganz Deutschland hat etwas sorgenvoll auf die beiden Ost-Bundesländer geschaut – denn Umfragen hatten zeitweise der AfD große Chancen vorhergesagt, zumindest in Sachsen die stärkste Partei zu werden. Das ist sie nicht geworden, sondern mit 23,5 Prozent in Brandenburg und mit 27,5 Prozent in Sachsen jeweils nur zweitstärkste Partei. Ganz anders ist es aber, wenn man sich ansieht, wie junge Menschen unter 30 abgestimmt haben. Astrid Lorenz ist Politikwissenschaftlerin und geschäftsführende Direktorin des Instituts für Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Sie erklärt, warum so viele junge Menschen in Brandenburg und Sachsen die AfD gewählt haben.

jetzt: In Brandenburg ist die AfD zweitstärkste Partei bei jungen Wählerinnen und Wählern, in Sachsen sogar stärkste. Ist das neu und deswegen beunruhigend?

Lorenz: Nein. Für den Osten und auch für Osteuropa allgemein ist es sehr typisch, dass viele junge Menschen sich eher rechts verorten. Allerdings gab es bei dieser Wahl eine sehr starke Polarisierung zwischen Grünen-Wählern und AfD-Wählern. 

Woher kommt diese Spaltung unter den jungen Wählerinnen und Wählern in Sachsen und Brandenburg?

Das hängt relativ stark damit zusammen, ob die jungen Menschen in der Stadt oder auf dem Land leben: Auf dem Land gibt es eine größere Bereitschaft die AfD zu wählen, weil sich die anderen Parteien zu wenig um die Menschen dort gekümmert haben. Die Grünen, die SPD und auch die Linke haben sich in letzter Zeit auf die Städte konzentriert – dort haben sie auch neue Mitglieder gewinnen können. Aber in dieser Lücke auf dem Land ist es der AfD eben gelungen, Strukturen aufzubauen und sichtbar zu sein. 

Wieso ist die AfD gerade auf dem Land so erfolgreich?

Viele haben dort den Eindruck, dass sie von der Politik abgehängt wurden, weil beispielsweise Busse zu selten fahren oder es keine Jugendclubs gibt. Dafür werden dann alle etablierten Parteien verantwortlich gemacht – auch diejenigen, die gar nicht regiert haben, wie beispielsweise die Linken. Und so kann sich die AfD als eine neue und unbelastete politische Kraft positionieren, mit der man etwas gegen all diese Probleme tun kann.

Bedeuten die Ergebnisse auch, dass die Parteien der GroKo, die CDU und die SPD, bei jungen Menschen jetzt komplett out sind?

Man sollte vorsichtig sein, jetzt zu glauben, dass sich dieser Trend auch in Zukunft so fortsetzt. Das lässt sich aktuell überhaupt nicht prognostizieren. Manchmal sind das auch nur kurzfristige Mobilisierungseffekte. Junge Menschen sind selten an eine Partei gebunden, eher an einen bestimmten Teil des politischen Spektrums. Ich glaube: Die etablierten Parteien haben diese Wähler nicht ein für alle Mal verloren, wenn sie jetzt umsteuern. Außerdem liegt der Stimmenanteil der jungen AfD-Wähler immer noch unter dem durchschnittlichen Stimmenanteil der AfD – bei den „mittelalten“ Menschen punkten sie noch viel mehr.

Was können die anderen Parteien konkret tun, um junge Menschen wieder zu erreichen?

Sie müssen digital präsenter sein, denn das Internet und die sozialen Medien mobilisieren in dieser Zielgruppe sehr viel stärker als bei den älteren Menschen. Gleichzeitig müssen sie aber gerade im ländlichen Raum auch physisch präsent sein, zum Beispiel indem sie Ortsverbände gründen. Ich sehe da im Osten sehr großes Potenzial, da sind sehr viele junge Menschen, die sich engagieren wollen und jetzt nach Angeboten suchen. 

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