„Oft liegen verstorbene Tiere herum, die diese Bedingungen nicht ausgehalten haben“

Lena blockierte am Samstag acht Stunden lang mit einem Schloss um den Hals Deutschlands größten Schlachthof.
Tim Lüddemann
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Foto: privat

„Solange nicht alle Schlachthöfe geschlossen sind, werde ich weiter protestieren.“ Das sagt Lena, 29, während sie mit einem Fahrradschloss um den Hals auf der Zufahrtsstraße zu Deutschlands größter Schlachtfabrik in Rheda-Wiedenbrück sitzt. Sie muss immer wieder ihre langen blonden Dreads zur Seite werfen, die ihr oft im Gesicht hängen. An ihrem Rücken lehnt eine andere Aktivistin, ebenfalls mit einem Fahrradschloss um den Hals. Beide sind miteinander verkettet. Acht Stunden lang. Um sie herum stehen und sitzen etwa 20 andere Leute. Sie alle tragen Mundschutz und halten Transparente in den Händen, auf denen „Tierfabriken sind Brutstätten für Krankheitserreger“ oder „Tierindustrie stoppen“ zu lesen ist. Ein paar Polizist*innen stehen vor ihnen und begutachten die Szenerie, dazwischen laufen Journalist*innen hin und her, machen Bilder und Interviews.

„Für Tiere ist es die Hölle, weil auf ihre Bedürfnisse überhaupt keine Rücksicht genommen wird und sie massenhaft umgebracht werden“

Die Aktivist*innen kommen vom Protestbündnis „Gemeinsam gegen die Tierindustrie“ und blockieren die Hauptzentrale des Tönnies-Konzerns. Der Fleischfabrikant war in den vergangenen Wochen aufgrund der großen Anzahl an Covid-19 erkrankten Mitarbeiter*innen in die Kritik geraten. Dabei spielten auch die schlechten Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen eine Rolle. Journalist*innen, die bei der Blockade dabei sind, kritisieren, dass dieser Aspekt bei dem Protest des Bündnisses zu kurz kommt. Lena sitzt mit einer Maske, auf der „stop eating animals“ steht, auf der Straße und zieht sich ihre Kapuze auf, um sich gegen den Regen zu schützen. Dann beginnt sie aufzuzählen: „Für Tiere ist es die Hölle, weil auf ihre Bedürfnisse überhaupt keine Rücksicht genommen wird und sie massenhaft umgebracht werden. Die Arbeiter*innen werden ausgebeutet, weil sie enorm wenig Geld bekommen und die Unterkünfte katastrophal sind und die hygienischen Zustände in der Fleischindustrie fördern die Entstehung und Verbreitung von Krankheitserregern.“ 

So oder so ähnlich erzählt Lena es an diesem Tag mehrfach. Lena ist seit Jahren an Aktionen und Veranstaltungen in der Tierrechtsszene beteiligt: Von Infomaterialien verteilen, Diskussionsveranstaltungen durchführen, bei Blockaden, Besetzungen oder Abseilaktionen mitmachen bis hin zur Schufterei auf einem Lebenshof für befreite Tiere – und jetzt bei dem Bündnis „Gemeinsam gegen die Tierindustrie“.

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Foto: Tim Lüddemann

„Erst in den letzten Jahren gibt es einen zunehmenden Fokus auf die Fleischindustrie“

Das Bündnis ist etwas Neues in der Tierrechtsszene in Deutschland, meint Friederike Schmitz. Die 38-Jährige ist promovierte Tierethikerin und Mitglied im Presseteam des Bündnisses. „Bisher arbeiteten viele Gruppen zu sehr unterschiedlichen Themen, zum Beispiel Pelzindustrie, Zirkus oder Tierversuche“, sagt sie. „Erst in den letzten Jahren gibt es einen zunehmenden Fokus auf die Fleischindustrie“. Das Bündnis „Gemeinsam gegen die Tierindustrie“ sei der erste Versuch, dass Gruppen, die sich für Tierrechte einsetzten, gemeinsam mit Gruppen aus der Klimagerechtigkeitsbewegung, Bürgerinitiativen und Personen, die sich für Arbeitsrechte stark machen, zusammentäten. Aus 15 verschiedenen Orten aus ganz Deutschland würden diese Gruppen und Personen kommen und Diskussionsveranstaltungen oder Aktionen wie jetzt in Rheda-Wiedenbrück auf die Beine stellen.

Alles läuft geheim und verschlüsselt, damit die Polizei ihnen nicht zuvorkommen und die Aktion verhindern kann

Dabei erfordert eine Blockade einen großen Planungsaufwand. Eine Gruppe von wenigen Menschen recherchiert einen möglichen Ort und lädt Aktivist*innen aus dem ganzen Bundesgebiet ein. Alles läuft geheim und verschlüsselt, damit die Polizei ihnen nicht zuvorkommen und die Aktion verhindern kann. Mitten in der Nacht machen sich alle auf den Weg zur Anlage. Dreißig Leute auf der Straße davor, vier gelangen sogar auf das Dach, um ein Transparent herunterzuhängen. Medienvertreter*innen aus dem ganzen Bundesgebiet sind nach Rheda-Wiedenbrück gekommen, um die Aktion zu dokumentieren. Am Abend wird sogar die Tagesschau über die Blockade berichten. So schafft es das Bündnis auch außerhalb der Tierrechtsszene große Aufmerksamkeit zu erregen. Das ist nicht selbstverständlich für eine Bewegung, die im Vergleich zu vielen anderen, noch recht klein ist.

Dabei hat sich in den letzten Jahren einiges getan, meint Friederike. „Immer mehr Menschen finden es wichtig, anders mit Tieren umzugehen“, sagt sie. „Gerade in den letzten Wochen sind die schlechten Bedingungen für Arbeiter*innen in der Fleischindustrie vermehrt diskutiert worden. Leider kommen dann hauptsächlich die Positionen zu Wort, die nur kleine Reformen wollen.“ Friederike meint damit bessere Haltungsbedingungen oder bessere Stundenlöhne. Sie und das Bündnis setzen sich dagegen für einen Systemwechsel ein: Sie fordern die Abschaffung der industriellen Tierproduktion, die Enteignung der Fleischkonzerne und einen Übergang zu einer solidarischen und ökologischen Landwirtschaft, die vor allem auf die Erzeugung von pflanzlichen Nahrungsmitteln setzt. Friederike ist überzeugt, dass eine solche Entwicklung auch in Anbetracht des Klimawandels notwendig ist.

„Oft liegen verstorbene Tiere herum, die diese Bedingungen nicht ausgehalten haben“

Davon ist auch Lena überzeugt. Sie hat fast alles im Tierrechtskontext mitgemacht: Aufklärungskampagnen, Blockaden, Besetzungen, Abseilaktionen, Infoveranstaltungen mit Bürgerinitiativen auf dem Land bis hin zur harten Schufterei auf einem Lebenshof für befreite Tiere. Über ihr vielfältiges Engagement im Tierrechtsbereich ist sie auch zu der Blockadeaktion gekommen. Da Aktionen wie diese im Geheimen ablaufen müssen, bekommen nur langjährig aktive Personen davon mit. Eine andere Aktivität von Lena: Sie ist regelmäßig in Massentierhaltungsanlagen unterwegs und fertigt dort heimlich Aufnahmen an, um Gesetzesverstöße zu dokumentieren. Die Aufnahmen spielt sie Tierrechtsorganisationen zu, die sie dann an Journalist*innen weiterleiten. Beim ersten Mal in so einer Anlage sei sie von dem Eindruck erschlagen gewesen. „Es ist immer das selbe“, erzählt Lena. „Tausende Lebewesen auf einem viel zu kleinen Raum, es ist unheimlich laut und es stinkt. Oft liegen verstorbene Tiere herum, die diese Bedingungen nicht ausgehalten haben. Viele sind verletzt, krank und apathisch. Da siehst du die Hölle auf Erden“.

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Foto: Die Augen der Anderen

Obwohl diese Arbeit emotional sehr herausfordernd ist, habe es ihr geholfen. „Die Gewissheit, dass ich etwas effektiv gegen diese Ungerechtigkeit tue, lässt sie mich besser aushalten.“ Streng genommen handelt es sich dabei um Hausfriedensbruch, also eine Straftat. In der Vergangenheit hatte es aber bei Prozessen auch Freisprüche gegeben. Die Richter*innen hatten festgestellt, dass ein „rechtfertigender Notstand“ vorliegen würde. Die Tierrechtler*innen deckten mit ihrer Arbeit Missstände in der Tierindustrie auf, damit wäre der Hausfriedenbruch gerechtfertigt und straffrei

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Foto: Timo Stammberger

Die Ankettungsaktion von Lena geht an diesem Tag glimpflich aus. Die Polizei verzichtet auf eine Räumung, es muss also niemand mit schwerem Gerät anrücken, um sie von dem Schloss zu befreien. Nach insgesamt acht Stunden zusammengekettet an eine andere Person, steht sie wieder alleine da, streckt sich und stöhnt vor Entspannung auf. Dann nimmt sie die junge Frau, die mit ihr gemeinsam angekettet war, in den Arm. „Es ist schon eine Art Freundeskreis über die Jahre geworden“, erzählt Lena und meint damit die vielen Menschen, die sich gemeinsam mit ihr in solchen Aktionen einsetzen. „Du verabredest dich ja nicht mit Leuten, die du nicht leiden kannst, zu so etwas. Das sind alles Freund*innen und das motiviert auch noch einmal mehr, wenn du weißt, das sind tolle Menschen und du kannst mit denen zusammen Spaß haben.“ 

Für sie ist klar, das wird nicht die letzte Aktion gewesen sein. Lena meint, dass sie noch mindestens zehn Jahre dabei bleiben will. „Zehn Jahre, weil ich dann vierzig bin und…“, fängt sie an und korrigiert dann mit einem verschmitzten Lächeln: „Vielleicht mach ich es aber auch mein ganzes Leben lang weiter bis ich nicht mehr kann. Oder bis wirklich alle Schlachthöfe geschlossen sind.“

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