„Die Leute wollen, dass Tönnies für die aktuelle Situation haftet“

Fridays for Future Gütersloh hat zusammen mit anderen Aktivist*innen eine Petition gestartet, die Clemens Tönnies zum Rücktritt auffordert.
Interview von Thilo Manemann

Fridays for Future-Aktivist Stefan Schneidt

Foto: Sebastian Wolf / sebastianwolf.photo / stefanschneidt / instagram

Der Schock für die Menschen im Kreis Gütersloh und Warendorf sitzt tief. Sie sind wieder mit großen Einschränkungen in ihren Leben konfrontiert. Anlass dafür ist die Erkrankung von mindestens 1500 Mitarbeiter*innen des Fleischgiganten Tönnies. Dass sich gerade die Fleischindustrie zum Epizentrum entwickelt hat, macht viele Menschen der Region wütend. Einer, der dazugehört, ist der 20-jährige Stefan Schneidt, Tierrechtsaktivist und Fridays for Future-Mitglied in Gütersloh. Zusammen mit Aktivist*innen von Parents for Future und Einzelpersonen hat er eine Petition gestartet, die den Rücktritt von Clemens Tönnies fordert sowie generell verbesserte Umwelt-, Arbeits- und Tierrechte. Mittlerweile haben fast 35 000 Menschen die Petition unterschrieben. Stefan hat mit uns über das „System-Tönnies“ und dessen Folgen für die Region gesprochen. 

jetzt: Stefan, wie ist die Stimmung bei euch in Gütersloh gerade?

Stefan Schneidt: Die Leute sind extrem sauer und wollen, dass Tönnies für die aktuelle Situation haftet. Ich bin selbst Handballtrainer und habe mich auf das Training gefreut, aber das ist jetzt wieder verboten. Die Kinder, die ich trainiere, erzählen, dass sie nicht mehr können. Sie sind psychisch komplett am Ende. Wie sich die Situation auch auf unseren Alltag auswirkt – das kommt mir oft zu kurz. Ich habe gestern noch mit einer Mutter gesprochen, die mir sagte, dass sie mit dem Kind gar nichts mehr anfangen könne und nicht mehr weiterwisse.

Jetzt fordert ihr den Rücktritt von Tönnies. Was erhofft ihr euch von der Petition? 

Wir erhoffen uns, dass der Druck erhöht wird und selbstverständlich ist die Petition nicht abschließend, sondern wird weitere Forderungen nach sich ziehen. Vor allem soll sie aber faktisch aufzeigen, dass sich Tausende Menschen verbesserte Tier-, Arbeits- und Umweltrechte wünschen.

Wie schätzt ihr die Erfolgswahrscheinlichkeit ein?

Es gibt uns Hoffnung, dass wir nicht alleine dastehen mit unseren Forderungen. Wir haben viele Unterstützer*innen hinter uns – auch viele Schalke-Fans, die seit Jahren Druck machen. Das ist eine sehr gute Ausgangslage und daher gibt es Hoffnung auf einen Erfolg. Seit Jahren kritisieren wir die Folgen der Fleischindustrie. Dazu gehört die Ressourcenverschwendung, die diese Tierhaltung mit sich bringt, die Abholzung des Regenwaldes oder multiresistente Keime, die auch hier in der Ems nachgewiesen wurden und die wir ebenfalls der Fleischindustrie von Tönnies zurechnen.

„Die Massentierhaltung und Schlachtung von Tieren hier in Rheda-Wiedenbrück verbraucht mehr Wasser als die gesamte Stadt"

Ihr sprecht vom „System Tönnies“. Was genau meint ihr damit?

Das System Tönnies beruht auf Ausbeutung. Wir sprechen hier von Arbeitsverhältnissen, die menschenunwürdig sind und Tierhaltung, die mit Tierrechten nichts zu tun hat. Die Arbeiter*innen werden in dubiose Verträge verwickelt, die sie ausbeuten. Betten werden doppelt belegt und Acht-Stunden-Tage sind oft 14-Stunden-Schichten. Es geht um maximale Rendite und Profite auf Kosten von Menschen, Natur und Tieren. Die Massentierhaltung und Schlachtung von Tieren hier in Rheda-Wiedenbrück verbraucht mehr Wasser als die gesamte Stadt. Das System von Tönnies ist rücksichtslos.

Hubertus Heil hat ja bereits angekündigt, Werkverträge verbieten zu wollen – was für konkrete Schritte wünscht ihr euch noch von der Politik? 

Wir fordern, dass das Tierwohl verbessert wird, also beispielsweise keine Küken mehr geschreddert werden oder Schweine in Boxen eingepfercht werden. Aber auch für die Menschen muss es vernünftige Arbeits- und Wohnverhältnisse sowie eine adäquate Integration geben. Es kann nicht sein, dass hier 5 000 Menschen über Jahre leben, bei Tönnies arbeiten, aber keine Möglichkeit haben, am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können.

Was würdet ihr euch von einem Rücktritt von Tönnies erhoffen – er ist ja Teil eines Systems, ein Rücktritt allein würde das System nicht ändern, oder? 

Clemens Tönnies hat sich einfach zu viel geleistet. All seine Punkte kaufen wir ihm nicht mehr ab. Er sagt zwar immer, dass ihm das Wohl der Menschen wichtig wäre, aber das ist in Anbetracht der Verhältnisse frech und skurril. Selbst sein Neffe Robert Tönnies kritisiert Clemens Tönnies seit Jahren. Seine Person muss weichen, damit menschenwürdige Verhältnisse möglich gemacht werden können.

Hat Tönnies sich zur Petition geäußert?

Wir haben bislang keine Rückmeldung erhalten. Aber die Politik reagiert: Mir war es möglich, am Sonntag kurz mit Armin Laschet, dem Ministerpräsidenten von NRW, zu reden. Er versprach Veränderung. So richtig glauben kann ich ihm das allerdings nicht, denn das wird ja bereits seit Jahrzehnten gefordert. 

Inwieweit sind junge Menschen wie Schüler*innen besonders von der Lockdown-Situation betroffen?

Ich studiere mittlerweile, aber ich bekomme durch Freund*innen von Fridays for Future und meine Handballtätigkeiten schon mit, dass alle psychisch am Ende sind. Insbesondere diejenigen, die kein stabiles Familienumfeld haben, keine geeignete Infrastruktur, um zuhause zu bleiben. Gerade bei dem warmen Wetter ist das natürlich besonders hart. Ich würde jetzt auch lieber am See mit Freund*innen sitzen – aber das geht alles nicht.

In der Petition heißt es, euch würde durch die aktuelle Situation auch das Recht auf Bildung verwehrt. Was meint ihr damit konkret? Über Home-Schooling wird ja auch Bildung vermittelt? 

Es ist etwas überspitzt formuliert und die Forderung stammt auch von Viron, der Schulsprecher und selber Schüler ist. Gemeint ist damit, dass Tönnies um die Konsequenzen wusste, die ein fehlender Infektionsschutz mit sich bringt. Wir haben bereits im Mai darauf hingewiesen, dass die Fleischindustrie der perfekte Ort für die Verbreitung von Covid19 ist – und auch Tönnies wusste das. Durch seine Profitgier ist Covid19 allerdings wieder ausgebrochen und es zeigt, dass er seine Interessen bewusst über die Konsequenzen gestellt hat. Das meint eben auch unser Recht auf Bildung und den Willen, in der Schule wieder was lernen zu wollen. Und Home-Schooling gibt es meines Wissens nach gar nicht aktuell – vor allem nicht so kurz vor den Ferien. Außerdem gibt es nicht für jede*n Schüler*in die Möglichkeit, sich im Home-Schooling einzubringen, so dass man davon ausgehen msus, dass nicht jede*r Zugang zum Internet und einen Laptop hat. Insbesondere in einem Haushalt, in dem mehrere Kinder betroffen sind.

  • teilen
  • schließen