Warum junge Menschen nach der Thüringen-Wahl protestieren

Auch in München gingen Hunderte auf die Straße.
Protokolle von Franziska Setare Koohestani
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Foto: Tizian Stromp

Hunderte nahmen gestern Abend an einer spontanen Demonstration vor der Parteizentrale der FDP in München teil – um gegen die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen zu demonstrieren. Denn nicht nur in Thüringen, sondern im Grunde in ganz Deutschland herrscht Chaos und Empörung. Beinahe stündlich meldet sich ein*e andere*r Politiker*in zu Wort, um sich für oder gegen Neuwahlen auszusprechen – wie zuletzt Annegret Kramp-Karrenbauer von der CDU.

Der ursprüngliche Grund: Thomas Kemmerich von der FDP wurde am Mittwoch zum Ministerpräsident in Thüringen gewählt – und zwar mit Stimmen der AfD. Kemmerich nahm das Amt zunächst an, kündigte dann aber nach nur einem Tag seinen Rücktritt an. Trotzdem sorgte der Vorfall nicht nur bei den Linken, Grünen und der SPD für Entsetzen, sondern auch bei der Bevölkerung. In mehreren Städten Deutschlands am Mittwoch- und Donnerstagabend spontane Demonstrationen als Reaktion auf die Ministerwahl in Thüringen stattgefunden. Auch nachdem Kemmerich selbst seinen Rücktritt angekündigt hat und Neuwahlen im Raum stehen, bleibt die Entrüstung über die Wahl-Ereignisse bestehen: Die Demonstrationen fanden trotzdem statt. Wir haben mit jungen Menschen in München gesprochen, die mit dabei waren. 

„Das entspricht nicht dem Wählerwillen“

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Foto: Tizian Stromp

Elias, 19, angehender Flugbegleiter

„Ich komme selbst aus Erfurt und finde es einfach unheimlich wichtig, dass man heute auf die Straße geht. Denn das, was gerade bei uns in Thüringen passiert, das geht überhaupt nicht. Ich habe am Mittwoch die Wahl zum Ministerpräsidenten live verfolgt. Daraufhin habe ich sofort meiner Familie geschrieben, weil ich gedacht habe: ‚Das kann doch nicht wahr sein!‘ Das war die erste richtige Wahl, an der ich noch teilgenommen habe, bevor ich nach München gekommen bin. Aber das, was gestern passiert ist, ist überhaupt nicht das, was ich mir erhofft habe. Dazu kommt: Das entspricht nicht dem Wählerwillen. Wenn die FDP behauptet, sie habe mit ihrem Ministerpräsidenten den Wählerwillen erfüllt, dann haben sie die Demokratie nicht verstanden. Sich mit den Stimmen der AfD wählen zu lassen, ist ein Tabubruch. Sigmar Gabriel hat Recht, wenn er sagt: ‚Wer glaubt, dass FDP und CDU nichts davon gewusst haben, dass die AfD ihren FDP-Kandidaten zum Ministerpräsidenten in Thüringen wählt, der glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten.‘ Das trifft es meiner Meinung nach ziemlich gut, weil es ihnen doch klar gewesen sein muss, worauf sie sich einlassen. Das ist etwas, das mich absolut aufregt. All das ist für mich ein abgekartetes Spiel, das Einfluss auf die ganze Politik in Deutschland hat. Allein, dass die AfD sich jetzt als bürgerliche Partei gibt und CDU und FDP meinen, dabei mitmachen zu müssen – das ist doch das Allerletzte. Jetzt wünsche ich mir am liebsten Neuwahlen, weil das so nicht weitergehen kann.“

„1930 ist jetzt wieder da!?“

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Foto: Tizian Stromp

Sofia, 24, arbeitet bei der Baumkontrolle

„Als ich auf meinem Handy von der Wahl Kemmerichs gelesen habe, dachte ich, ich bin im falschen Film: 1930 ist jetzt wieder da!? Ich war absolut hilflos und dachte mir: Was mache ich jetzt? Ich habe immer gewählt und versuche auch, meine Freunde dazu zu motivieren, dass sie auch wählen gehen. Und dann macht die Politik so etwas. Dann lässt sich eine Partei, die von sich behauptet, die Mitte der Gesellschaft zu sein, sich von einer definitiv rechten Partei – auch noch von Höcke – wählen. Als ich dann auch noch den Ausschnitt gesehen habe, in dem Kemmerich verkündete, dass er die Wahl annimmt, habe ich mir gesagt: Jetzt reicht’s! Ich muss etwas tun! Deshalb bin ich jetzt hier bei der Demo. Ich will nicht für die vermeintliche Mitte der Gesellschaft, nicht die FDP sondern für uns alle sein: Wir sind hier, wir sind laut und wir sind bunt! Mich macht das fertig, was da gerade abgeht. Schockiert wäre ich definitiv, wenn es nicht zu einer Neuwahl kommen würde. Ich habe Hoffnung, dass das ein Weckruf für uns alle ist – dass die AfD definitiv nicht mitbestimmen soll und dass wir die Mehrheit bleiben und es zu einer besseren Lösung kommt.“

„Die Vorstellung ist gruselig, dass so etwas noch öfter passieren und sich weiter etablieren könnte“

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Foto: Tizian Stromp

Lucie, 19, Abiturientin und Hannah, 20, Schülerin

„Die aktuelle Lage ist kritisch. Wir sind heute zu der Demonstration gekommen, weil es ist uns wichtig war, dass die Zahlen der Anwesenden so hoch wie möglich sind. Bei solchen Ereignissen muss man zu sich selbst sagen: ‚Ich bleib jetzt nicht an der Isar oder sonst woanders, sondern ich bewege mich hierhin und zeige Präsenz.‘ So richtig überrascht von dem Verlauf der Wahl waren wir aber ehrlich gesagt nicht. Das wären wir gewesen, wenn es hier in München passiert wäre, aber nicht in Thüringen. Schockiert waren wir natürlich trotzdem. Die Vorstellung ist gruselig, dass so etwas noch öfter passieren und sich weiter etablieren könnte. Es ist natürlich sehr gut, dass es immer noch viele Leute gibt, die dagegen sind. Die AfD ist schon so lange ein Thema, aber gefühlt bekommen sie trotzdem immer mehr Macht. Viele Parteien, wie auch FDP und CDU, behaupten ja schon lange, sie seien gegen die AfD – aber dann kommt es trotzdem zu so etwas wie in Thüringen. So kann das nicht weitergehen. Ich denke, dass es noch keinen richtig Plan gibt, damit umzugehen – außer eben zu demonstrieren.“

„Für so eine große Stadt wie München ist das eher ein trauriges Bild, muss ich sagen“

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Foto: Tizian Stromp

Rasmus, 23, Schauspiel-Student

„Am Mittwochabend habe ich gearbeitet und war danach bei einer Feier beim Theater. Erst am Tag danach bin ich richtig dazu gekommen, mich über die Wahl zu informieren. Da war ich einfach extrem perplex. Es ist einfach ein beklemmendes Gefühl zu merken, dass eine AfD, über die wir vor ein paar Jahren noch geschmunzelt, gelacht, gegen die wir dann auch demonstriert haben, mittlerweile schon so fest in den Institutionen sitzt, dass es möglich ist, so große politische Entscheidungen mit zu fällen. Das hat mir einfach Angst gemacht. Ich versuche, regelmäßig auf Demonstrationen in München zu gehen, aber ich bin ehrlich gesagt gerade auch etwas frustriert, dass hier nur so wenige sind – obwohl ja gerade permanent gesagt wird, dass es so viele seien. Für so eine große Stadt wie München ist das eher ein trauriges Bild, muss ich sagen. Und damit auch ein Hinweis an die junge Generation, die immer sagt, die älteren Generationen hätten etwas verschlafen: Hier sind die Unter-25-Jährigen leider schlecht vertreten. Das finde ich schade.“

„Es braucht eine klare Haltung und kein Shakehands“

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Foto: Tizian Stromp

Kevin, 28, Student

„Ich bin selbst bei den Münchner Grünen aktiv. Das, was gestern in Thüringen passiert ist, halte ich einfach für eine ganz, ganz große Scheiße. Ich habe das Bedürfnis, etwas zu tun. Es muss sich was ändern und zwar nicht erst morgen, sondern schon heute. Eigentlich hätte sich schon gestern etwas ändern müssen, aber jetzt ist die Sache nun mal so, wie sie ist. Gerade die Aktion der Vorsitzenden der Linken, die Kemmerich den Blumenstrauß vor die Füße geworfen hat, finde ich bemerkenswert. Genau solche Zeichen braucht es jetzt. Es braucht eine klare Haltung und kein Shakehands, keine gemeinsame Sache mit der AfD. Ich denke, wenn man achtsamer hingeschaut hätte, dann hätte man doch feststellen können – damit meine ich vor allem CDU und FDP – dass diese Situation beim dritten Wahlgang eintreten wird. Es tun jetzt alle so überrascht, aber mich überrascht die Abstimmung nicht.“

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