„Ich will nicht mehr sehen, wie meine Landsleute auf der Straße geschlagen oder getötet werden“

Zwei junge Frauen erzählen, warum sie in Belarus gegen die Regierung demonstrieren.
Protokolle von Niko Kappel
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Foto: Paval Hadzinski, privat; Bearbeitung: jetzt

Am vergangenen Wochenende sind in Belarus wieder zehntausende Menschen gegen die Regierung von Alexander Lukaschenko auf die Straße gegangen. Die Lage im Land spitzt sich nach dem Vorwurf der Wahlfälschung durch das autoritäre Regime immer weiter zu. Auf Fotos und Videos, die im Internet kursieren, ist zu sehen, wie die Polizei gegen friedliche Demonstrant*innen vorging. Die Oppositionelle Maria Kolesnikowa, eine der führenden Kritikerinnen der Regierung, wird vermisst, angeblich wurde sie vom Grenzschutz verhaftet. Unter den Menschen, die auf die Straße gehen, sind viele junge Frauen. Wir haben mit zwei von ihnen über Telegram Kontakt aufgenommen. Sie haben uns erzählt, wie sie die Proteste erleben und warum sie weiterhin auf die Straße gehen.

„Die Belarussen sind stolz auf Maria“

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Anna bei Protesten in Minsk am 24. August.

Foto: Paval Hadzinski

Anna, 20, studiert Journalismus in Minsk und arbeitet als Sängerin

„Zuerst habe ich wegen der Methoden der Regierung bei der Wahl demonstriert. Mittlerweile geht es mir aber gar nicht mehr um politische Einzelheiten, ich will einfach nicht mehr sehen, wie meine Landsleute auf der Straße geschlagen oder getötet werden. Ich sehe die Regierung als Terrororganisation an. Sie erlässt strafrechtliche Anordnungen, die es der Polizei ermöglichen, Menschen auf der Straße ohne Grund zu entführen und ungerechtfertigte Gewalt gegen Bürger anzuwenden. Die Belarussen verdienen eine solche Haltung nicht. Wir sind friedliebende, ehrliche und freundliche Menschen. Und wir verdienen eine Regierung, die auf unserer Seite ist.

Die erste Protestaktion, an der ich teilnahm, war am 19. Juni. An diesem Tag wurde einer der Hauptgegner von Lukaschenko, Viktar Babaryka, festgenommen, deshalb gingen wir auf die Straße Tausende Menschen im ganzen Land nahmen an der friedlichen Protestaktion teil. Die Regierung hatte von den Bürgern keine solche Reaktion erwartet. Aber am nächsten Protesttag war die Polizei bereits vorbereitet. Dann fanden die ersten brutalen Inhaftierungen von Bürgern statt. Die Protestaktionen in Belarus haben keine Führer und Organisatoren. Informationen über den genauen Zeitpunkt des Protestes erhalten wir von den beliebten Telegram-Kanälen. Es wäre jedoch falsch, die Administratoren der Telegram-Kanäle als Organisatoren der Proteste zu bezeichnen.Die Leute versammeln sich einfach in kleinen Gruppen mit ihren Freunden, nehmen eine weiß-rot-weiße Flagge mit und gehen auf die zentralen Straßen. Derzeit werden unabhängige Internetressourcen vom Informationsministerium blockiert. Zeitungen und Zeitschriften, die wahrheitsgemäße Informationen über friedliche Proteste verbreiten, werden nicht veröffentlicht. Unabhängige Medien, denen wir Belarussen vertrauen, senden Informationen über Telegram-Kanäle. Wenn die Regierung Telegram blockiert, werden wir einen anderen Weg finden. 

Maria Kolesnikowa ist eine unglaublich mutige Frau. Als sie versuchten, sie mit Gewalt außer Landes zu bringen, hat sie ihren Pass zerrissen. Die Belarussen sind stolz auf Maria. Ich hoffe wirklich, dass sie jetzt in Sicherheit ist und bald nach Belarus zurückkehren kann.

Während der Protestaktionen fühle ich mich nicht eingeschüchtert, weil Tausende von wunderbaren und friedlichen Menschen um mich herum sind. Sie glauben an die glänzende Zukunft von Belarus und kämpfen dafür. Während der Proteste verhalten sich die Menschen wie Mitglieder einer Familie und sind bereit, sich sofort gegenseitig zu helfen. Natürlich ist das Risiko, während der Proteste von der Polizei geschlagen oder inhaftiert zu werden, sehr hoch. Aber wir sind die Mehrheit und wir werden gewinnen. Gleich nach unserem Sieg werden wir einen neuen Präsidenten wählen. Er oder sie wird eine gebildete, intelligente, ehrliche und freundliche Person sein.“

Ich habe immer noch Angst, wenn ich protestieren gehe

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Yekaterina wohnt nahe der polnischen Grenze in Belarus.

Foto: privat

Yekaterina, 19, studiert Linguistik und chinesische Sprache in Grodno, einer Stadt nahe der polnischen Grenze

„Ich gehe auf die Straße, um zu zeigen, dass ich faire Wahlen haben möchte. Als ich am 11. August ein Video sah, indem Leute von Polizisten geschlagen und über den Boden gezogen wurden, habe ich endgültig realisiert, dass unser Staat kaputt ist. Anstatt nach den Wahlen auf das Volk zuhören, gingen diese schweren Verletzung der Menschenrechte weiter. Ich hätte niemals gedacht, dass unser einfacher Wunsch nach Freiheit so stark werden würde, dass jetzt die ganze Welt nach Belarus schaut.

Ehrlich gesagt hatte ich in den ersten Tagen, als Gewalt angewendet wurde, noch zu große Angst. Ich habe mich davon einschüchtern lassen. Ich wollte zwar demonstrieren, aber meine Angst war größer. Am 12. August, als die Frauen mit Blumen auf die Straße gingen, um friedlich gegen Gewalt und Grausamkeit zu protestieren, ging ich zum ersten Mal auf die Straße. Vom 9. bis 11. August war ich nicht in der Stadt. Ich rief meine Freunde an, die an diesen Kundgebungen teilnahmen. In all diesen Tagen konnte ich nur online gehen, wenn ich ein VPN-Programm auf meinem Telefon installiert hatte.

Ich habe immer noch Angst, wenn ich protestieren gehe. Trotz der Tatsache, dass wir in der Mehrheit sind und Tausende von Menschen auf die Straße gehen, weiß man nie, wie der Tag endet. Selbst wenn jemand nicht selbst protestiert, sondern einfach nur spät in der Nacht nach Hause kommt, hat man Angst, dass die Person inhaftiert wurde. Ich habe Angst um meine Gesundheit und um die Gesundheit meiner Liebsten. Ich hoffe, dass es keine Opfer mehr geben wird. Dass die Treffen friedlich verlaufen. Ich hoffe, dass sich die Regierung ändert.“

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