Rufina verarbeitet Bilder der Proteste in Belarus in Stickerei-Motiven

Damit greift die Künstlerin eine belarussische Tradition auf – und hilft Geschädigten des Regimes.
Interview von Jasper Steinlein
rufina bazlova stickerin belarus cover

Fotos: Rufina Bazlova / Eva Stejskalova

Seit es Anfang August bei den Präsidentschaftswahlen in Belarus zu massiven Wahlfälschungen kam, gehen die Belaruss*innen zu Zehntausenden auf die Straße. Die Proteste gegen das Regime des Machthabers Alexander Lukaschenko inspirierten die 30-jährige Künstlerin Rufina Baslowa, diesen historischen Moment für ihr Heimatland auf traditionelle Weise zu verarbeiten. Aus den Bildern der Massendemonstrationen macht Baslowa Stickmuster im traditionellen Wyschywanka-Stil. Die roten Motive auf weißem Grund, die nicht zufällig an die Flagge der Oppositionellen in Belarus erinnern, erstellt sie digital und postet sie auf Instagram. Die Künstlerin, die seit Jahren in Tschechien lebt, hat so auch einen Weg gefunden, damit ganz konkret den Geschädigten des Regimes zu helfen.

jetzt: Rufina Baslowa, wie fühlst du dich angesichts der Proteste in deiner Heimat Belarus?

Rufina Baslowa: Das ändert sich ständig: Am Anfang waren es Angst, Zorn, Verständnislosigkeit – dann das Gegenteil, die Inspiration: „Leute, ihr seid super, richtig so, macht weiter!“ Dann ändert sich die Lage wieder, Lukaschenko fängt wieder mit seinem Blödsinn an und du denkst: „Leute, hört ihm bloß nicht zu!“ Ich merke, wie ein Teil der Leute schon müde ist vom Demonstrieren, wie sie wieder in ihr normales Leben zurückkehren wollen – und das darf auf keinen Fall geschehen!

Einige der ikonischsten Szenen während der Demonstrationen hast du zu Stickmustern gemacht. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Davor hatte ich schon Comic-Motive gestickt – ich mochte das, weil es originell ist und bei vielen Leuten, auch im Ausland, gut ankommt. Durch die aktuellen Ereignisse kam ich auf diese Technik zurück: Wyschywanka ist eine volkstümliche Kunst – und das, was jetzt passiert, ist ein Aufstand des Volks. Für mich war die Verbindung offensichtlich.

Welche Bedeutung hat die traditionelle Wyschywanka-Stickerei für die Belaruss*innen?

Wyschywanka ist das traditionelle belarussische Muster, das schon seit Jahrhunderten auf die Kleidung gestickt wird. Sie stellt ewige Themen wie die Liebe, die Sonne, oft auch heidnische Symbole dar und diente als besonderer Schutz gegen böse Geister. Das rote Garn, das verwendet wird, ist ein Symbol für das Blut und das Leben. Die Ornamente wurden rund um den Hals, den Saum und die Ärmel gestickt, damit durch diese Öffnungen kein böser Einfluss an den Körper gelangt. Traditionell stickten die Frauen – sie konnten oft nicht lesen und schreiben, sodass die Wyschywanka auch eine Möglichkeit für sie war, Informationen weiterzugeben. In diesen Text, diesen Code schrieben sie alles, was das Leben angeht, was sie sahen und fühlten.

„Sobald in Belarus etwas über den Rahmen, die Norm hinausgeht, wird es schwer“

Du erstellst die Stickmotive am Computer. Kannst du selbst auch händisch sticken?

Ich habe früher auch gestickt, aber ich habe vorerst meine Taktik geändert (lacht), weil die Ereignisse in Belarus sich überstürzten. Hätte ich mich hingesetzt und sie mit Nadel und Faden gestickt, hätte ich in der gleichen Zeit nur ein Bild statt fünf geschafft. Belarussinnen lernen das Sticken zum Beispiel durch ihre Mütter und Großmütter. Wir hatten an der Grundschule auch einen Kurs, in dem wir verschiedene Wyschywanka-Zierstiche gelernt haben. Das war vor 20 Jahren – ich weiß nicht, wie es jetzt ist.

Wie war und ist es, als Schülerin und Künstlerin unter Lukaschenko in Belarus zu leben? Immerhin ist er seit 26 Jahren im Amt ...

Solange du keine Berührungspunkte mit der Politik hast, ist alles in Ordnung. Niemand will dir was, du bewegst dich im Rahmen des Erlaubten und Möglichen. Aber sobald du ein Problem hast und es lösen willst, stößt du auf einen gigantischen Bürokratie-Apparat und verstehst irgendwann, dass es schwierig ist, irgendetwas in deinem eigenen Interesse zu machen. Solange wir das machen, was von uns erwartet wird, ist alles okay – sobald etwas über den Rahmen, die Norm hinausgeht, wird es schwer und man muss unglaubliche Kraft aufwenden, um etwas zu erreichen.

Warst du selbst schon in einer Situation, in der du als Künstlerin eingeschränkt warst?

(Zögert) Nein, ich denke nicht. Nichts, woran ich mich jetzt erinnern würde.

Welches ist bisher dein Lieblingsmotiv?

Das Bild, in dem die Polizisten der Spezialeinheit OMON ihre Schilde ablegen und auf die Seite des Volks übertreten.

Die Wyschywanka-Motive sind in erster Linie Ornamente, aber sie haben für die Belaruss*innen auch besondere, vitale Kraft. Was willst du mit dem Projekt bewirken?

Eine der ersten Reaktionen auf meinen Account war eine Nachricht vom Direktor eines Designstudios in Sankt Petersburg. Wie sich zeigte, ist er mein Landsmann und wir kommen aus der gleichen Stadt! Gemeinsam haben wir angefangen, für den guten Zweck T-Shirts mit einigen der Motive zu drucken und zu verkaufen. Den Erlös spenden wir dem Belarussischen Roten Kreuz.

„Meine Familie hatte kein Geld für die Ausbildung“

Du lebst seit mehr als zehn Jahren in Tschechien. Warum?

Ich bin 2008 zum Studium nach Tschechien gegangen und dort geblieben. Zuvor war ich in Belarus auf einer Grundschule mit Kunst-Schwerpunkt, dann auf einem Kunst-Gymnasium. In Belarus bekam ich nur einen kostenpflichtigen Studienplatz (Anmerkung: An Hochschulen in Belarus gibt es nur wenige kostenlose Ausbildungsplätze, die meist durch eine Aufnahmeprüfung oder hervorragende Noten errungen werden. Diese Student*innen heißen „Budgetniki“. Wer keinen Budgetplatz in der Hochschule seiner Wahl ergattert, muss hohe Studiengebühren bezahlen.). Meine Familie hatte aber kein Geld für die Ausbildung – daher habe ich mich entschieden, den Studienplatz nicht anzutreten und stattdessen in Tschechien zu studieren.

Fühlst du dich inzwischen mehr als Tschechin oder Belarussin?

Oh, ich weiß nicht ... das ist so eine Identitätskrise (lacht). Sowohl als auch, aber wohl mehr als Belarussin. Immer wenn ich nach Hause fahre und denke, ich bin so müde vom Arbeitsstress und muss mich ausruhen, versuche ich mich in Tschechien zu erholen – aber es klappt nicht. Jedenfalls nicht so intensiv. Aber wenn ich nach Belarus fahre, geht es ganz schnell: Ich verbringe dort zwei Wochen und bin bereit für den „Restart“. Vielleicht, weil dort die Uhren anders ticken, nicht ganz so schnell; weil dort meine Eltern sind, die heimische Erde und Gerüche ... Ich weiß nicht, wie das kommt, aber so geschieht es jedes Mal.

Anmerkung der Redaktion: 

Der Name der Künstlerin Руфина Базлова wird auf Deutsch mit Rufina Baslowa transkribiert, sie selbst verwendet in ihren Social-Media-Accounts die englische Transkription Rufina Bazlova.

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