Hätten Said Nesar Hashemi und Hamza Kurtović den rassistischen Anschlag von Hanau überleben können?

Foto: Odd Andersen / AFP

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Am 19. Februar 2020 erschießt ein deutscher Rechtsextremist Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar, Kaloyan Velkov. Und Deutschland ist, wie so oft bei all den rechtsradikalen Anschlägen und Mordtaten zuvor auch, wieder überrascht und fassungslos. Seither hat sich zwar Einiges getan: Demonstrationen, Mahnwachen, Ermittlungsverfahren, ein Untersuchungsausschuss. Und trotzdem stehen hinter der Tat noch immer viele Fragezeichen: Woher hatte der Täter die Waffen? Welche Rolle spielte sein Vater? Und auch der möglicherweise verschlossene Notausgang an einem der Tatorte, der Arena Bar in Hanau-Kesselstadt, entwickelt sich in diesen Tagen weiter zum Politikum.

Im Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags streiten sich die Parteien, ob Expert:innen der Londoner Rechercheagentur Forensic Architecture als Sachverständige geladen werden sollten. Nach bisherigem Kenntnisstand nimmt man an, die beiden Opfer in der Arena Bar, Said Nesar Hashemi und Hamza Kurtović, hätten nicht genug Zeit gehabt, um sich vor den Schüssen durch den Notausgang zu retten. Selbst dann nicht, falls dieser offen gewesen wäre. Forensic Architecture kommt jedoch nun zu dem brisanten Ergebnis, dass eben doch mehr Zeit war, um sich vor dem Mörder zu retten. Das ist auch insofern interessant, als bislang alleine die Annahme, dass die Zeit nicht für eine Flucht gereicht hätte, eine Diskussion über den möglicherweise verschlossenen Notausgang abwürgte. 

Viele Angehörige der Opfer gehen jedenfalls davon aus, dass diese Tür versperrt war. Möglicherweise, um bei Razzien der Polizei niemandem die Flucht zu erleichtern. 

„Wir als SPD-Fraktion setzten uns mit der Linken ein, dass Forensic Architecture hier gehört werden“, sagt Heike Hofmann, die Obfrau der SPD im Untersuchungsausschuss. Aber leider habe es darüber Streit gegeben mit den anderen Parteien im Ausschuss. Die Landesregierung aus CDU und Grünen von Ministerpräsident Volker Bouffier, so Hofmann, zögere, Forensic Architecture zu laden. Auf Anfrage von jetzt sagen die Grünen zwar, an ihnen werde es nicht scheitern, das Gutachten von Forensic Architecture in die Beweisaufnahme des Untersuchungsausschusses aufzunehmen. Ihr Koalitionspartner, die hessische CDU, ließ Interview-Anfragen von jetzt jedoch unbeantwortet. Die FDP teilte  schriftlich mit, dass seine Fraktion die Ladung von Forensic Architecture unterstützen werde, um ein „umfassendes Bild“ zu gewinnen. 

Neun Sekunden, die möglichweise für eine Flucht gereicht hätten

So widerspricht das neue Gutachten der britischen Rechercheagentur an wichtigen Stellen der Version der hessischen Staatsanwaltschaft. Und könnte die Sichtweise auf die Tatnacht ändern. „Unsere Ergebnisse zeigen“, erklärt Robert Trafford, einer der privaten Ermittler von Forensic Architecture, „dass die zwei Opfer in der Arena Bar den Angriff hätten überleben können, wenn der Notausgang offen gewesen wäre und sie das gewusst hätten.“ Und die Rekonstruktion seines Teams scheint das zu belegen: Im Video „Hanau-Anschlag: der Notausgang“ tritt der Täter um 22:00:23 Uhr in den Kiosk mit Durchgang zur Bar. Einer der Überlebenden, Said Etris Hashemi, sieht ihn genau zu diesem Zeitpunkt mit der Waffe ins Gebäude kommen. Um 22:00:32 Uhr tritt der Täter dann in den Barraum und eröffnet das Feuer. „Die Zeitspanne zwischen dem Zeitpunkt, an dem der Täter gesehen wird, und dem Zeitpunkt, an dem er die Bar betritt, beträgt neun Sekunden“, erklärt Trafford. „Um dies festzustellen, haben wir die Videos der Überwachungskameras nach einer Methode synchronisiert, die in unseren Untersuchungen dutzende Male getestet und in Gerichtssälen und parlamentarischen Untersuchungen auf der ganzen Welt vorgestellt wurde. “ So untersuchte das Team zum Beispiel auch den Mord an Halit Yozgat durch den NSU oder illegale Pushbacks an der türkisch-griechischen Grenze. In der Animation von Forensic Architecture zum Anschlag von Hanau, die die Anwesenden in ihrem Echtzeit-Fluchttempo anstatt ins Lager zum Notausgang laufen lässt, gelingt es den Flüchtenden in diesen neun Sekunden, die Bar zu verlassen.

Das widerspricht der Chronologie der hessischen Staatsanwaltschaft für den Tathergang: Diese errechnet in ihrem Gutachten „etwa fünf bis sechs Sekunden für eine gefahrlose Flucht durch den Notausgang“ – also mindestens drei Sekunden weniger Zeit, um zu fliehen als in der Zeitmessung von Forensic Architecture. Das heißt: Während Forensic Architecture zum Ergebnis kommen, die Opfer in der Arena Bar hätten genug Zeit gehabt, um in der Nacht durch den Notausgang zu verschwinden und zu überleben, falls die Fluchttür offen gewesen wäre, sieht die hessische Staatsanwaltschaft das nicht als erwiesen an. Es könne nicht mit „erforderlicher Sicherheit“ davon ausgegangen werden, dass die Opfer hätten fliehen können, falls der Notausgang offen gewesen wäre. Von wann bis wann diese „etwa fünf bis sechs Sekunden“ während der Tat gestoppt werden, welche Phase des Anschlags die Messung abdecken soll, lässt sich dem schriftlichen Bericht der Staatsanwaltschaft Hessen aber nicht entnehmen. In ihrer Argumentation führen die Beamten den „natürlichen Fluchtinstinkt“ an, der die Opfer möglicherweise nicht in Richtung des Notausgangs flüchten ließe. Ihr Fazit: Es gibt keine ausreichende, logische Verbindung zwischen dem verschlossenen Notausgang und dem Tod der Opfer in der Bar. Und somit auch keinen Grund, weiter in diese Richtung zu ermitteln.

„Bei einem neunfachen Mord sollte man annehmen, dass der Tatort so untersucht wird, dass man nicht übersieht, ob eine Tür verschlossen ist oder klemmt“

Diese Einschätzung entstand in einem Ermittlungsverfahren, das die Überlebenden und Angehörigen der Opfer selbst in Gang gesetzt hatten. Diese stellten wegen des möglicherweise verschlossenen Notausgangs nach dem Anschlag Strafanzeige wegen fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt. Sie sind der Meinung, die Polizei wäre über diesen Zustand informiert gewesen, hätte im Vorfeld sogar selbst angeordnet, die Tür zu verschließen, damit im Falle einer Razzia so niemand flüchten könnte. Die Polizei dementierte diesen Vorwurf. Im Verfahren stellte die Staatsanwaltschaft Hessen dafür auch keinen „hinreichenden Tatverdacht“ fest, auch wenn „mehrere Zeugen“, so das Fazit der Beamten, die „Vermutung äußerten“, dass die Polizei die Schließung des Notausgangs angeordnet habe. Die Polizei hätte 2017 das Gewerbeamt ja selbst über das „Verschlossensein der Tür“ unterrichtet. Und überhaupt konnte man auf Grund „unterschiedlicher Zeugenaussagen“ des Besitzers und von Kriminalbeamten, die am Tatabend am Tatort waren, nicht mit „erforderlicher Sicherheit“ feststellen, ob die Tür zum Zeitpunkt des Anschlags verschlossen war oder nicht. Im August 2021 wurde das Verfahren eingestellt. Über eine Beschwerde dagegen entscheidet die Generalstaatsanwaltschaft noch. Das ist für die Familien der Opfer und der Hinterbliebenen sehr wichtig, weil so das Verfahren eventuell wieder eröffnet werden könnte und auch juristische Konsequenzen wieder im Raum stehen würden.

„Natürlich waren wir enttäuscht“, sagt Hagen Kopp von der „Initiative 19. Februar Hanau“ über die vorläufige Einstellung des Gerichtsverfahrens, „aber es war keine Überraschung.“ Aus seiner Sicht hätten die Familien der Überlebenden und Opfer seit dem Anschlag immer wieder erleben müssen, wie ihre Fragen von den Behörden abgeblockt wurden. Im ersten Tatort-Bericht der Beamten sei die Tür klar als verschlossen beschrieben worden, erst später hätte man festgestellt, dass sie vielleicht nur geklemmt hätte, so Kopp. „Bei einem neunfachen Mord“, sagt er, „sollte man doch annehmen, dass der Tatort so untersucht wird, dass man nicht übersieht, ob eine Tür verschlossen ist oder klemmt.“ Auch deshalb hätten sie sich an Forensic Architecture gewendet, „Es schreit zum Himmel, was mit diesem Notausgang passiert“, erklärt das Gründungsmitglied der Initiative. „Die tun so, als hätte es kein Problem gegeben.“ Der Vater von einem der Ermordeten, Armin Kurtovic, sagte als Zeuge in einer Sitzung des Untersuchungsausschusses: „Diese verschlossene Tür hat meinem Sohn das Leben gekostet.“

Da laut hessischer Verfassung die Stimmen von SPD und Linken reichen, um eine „Beweiserherbung“ im Untersuchungsausschuss zu erzwingen, können die anderen Parteien ihren Antrag nicht blockieren. Auf Drängen der hessischen SPD und der Linken werden Forensic Architecture in den kommenden Monaten also wohl als Sachverständige im Untersuchungsausschuss gehört werden. Die Frage, wie viel Zeit die Opfer wirklich hatten, um die Bar zu verlassen, soll dann neu aufgerollt werden. Wann das aber tatsächlich soweit sein könnte, hängt aber eben noch von der Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt am Main ab. Man habe sich geeinigt, die diese zuerst über die Beschwerde zur Einstellung des Ermittlungsverfahrens entscheiden zu lassen, bevor die nächsten Schritte eingeleitet werden können, so Heike Hofmann von der SPD. Man wolle die Forschenden aus London dann aber ganz offiziell vor dem Ausschuss hören und selbst befragen. Dann solle auch die Rolle der Polizei am Tatabend neu besprochen werden. „Es steht ja im Raum, dass der Notausgang bewusst versperrt war, damit bei Razzien der Polizei, keine Flucht ergriffen werden konnte“, so Hofmann. „Und um das zu klären, wollen wir auch neue Zeugen in den Ausschuss laden.“ 

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