„Schwangerschaftsabbrüche retten Leben“

Nach einer Vergewaltigung brach Samantha ihre Schwangerschaft ab. Bald soll das in ihrem Heimatstaat Alabama verboten werden. Sie kämpft dagegen.
Protokoll von Nadja Schlüter

Samanta Blakely kämpft mit der Organisation „Planned Parenthood“ für das Recht auf Schwangerschaftabbrüche.

Foto: Audra Melton

Samantha Blakely, 25, aus Alabama, hatte vor zwei Jahren einen Schwangerschaftsabbruch nach einer Vergewaltigung. Am 8. Mai 2019 hat sie vor dem Justizausschuss des Senats von Alabama ihre Geschichte erzählt, um zu verhindern, dass dort ein neues, restriktives Gesetz zu Schwangerschaftsabbrüchen beschlossen wird. Trotzdem wurde das Gesetz Mitte Mai verabschiedet.

Ein Abbruch soll künftig nur noch bis zur sechsten Schwangerschaftswoche möglich sein. Eine Ausnahme ist vorgesehen, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist, aber nicht, wenn sie durch eine Vergewaltigung oder Inzest schwanger geworden ist. Weitere US-Staaten, vor allem im Süden und Mittleren Westen, haben ähnliche sogenannte „Heartbeat Bills“ verabschiedet. Noch sind sie in keinem Staat in Kraft, der Supreme Court könnte sie noch stoppen. Über Facetime hat Samantha uns erzählt, was sie erlebt hat und wie sie die aktuelle Lage in der USA bewertet.

Aufwachsen in Alabama:

„Es wurde Abstinenz bis zur Ehe propagiert“

„Ich komme aus Eclectic, einer kleinen Stadt, sehr konservativ, religiös und überwiegend weiß. An meiner Schule war ich die einzige Schwarze. Wir hatten keine umfassende Sexualaufklärung, es wurde vor allem Abstinenz bis zur Ehe propagiert. Ich war Mitglied der ,Church of Christ‘, die eine sehr strikte Form des Christentums lehrt. Meine Hauptaufgabe war es, ein braves Mädchen zu sein, um später eine gute Ehefrau und Mutter zu werden, und anderen Menschen vom Christentum zu erzählen – so sah Ehrgeiz in meinem Heimatort aus. Als ich mit 18 auf das College in Montgomery ging, hat sich mein Leben komplett verändert. Ich traf dort weltoffene, progressive Menschen. Ich bin sehr dankbar dafür, sie kennengelernt zu haben. Ich weiß nicht, wo ich ohne sie heute wäre.“ 

Die Vergewaltigung:

„Als ich aufwachte, blutete ich“

„Vor zwei Jahren, nach meinem College-Abschluss, habe ich eine Zeit lang in einem Casino in Montgomery gearbeitet und viel mit meinen Kolleg*innen unternommen. An einem Abend saßen wir in meiner Wohnung zusammen. Nach und nach sind alle nach Hause gegangen, bis ich irgendwann mit einem der Kollegen alleine war. In dieser Nacht hat er mich vergewaltigt.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, blutete ich und war verwirrt. Ich wusste nicht, was passiert war, oder eher: Mein Körper wusste es, aber gedanklich habe ich es einfach nicht zusammengekriegt, dass jemand Sex mit mir gehabt hatte, obwohl ich das nicht wollte. Ich wusste nur: Irgendwas ist hier falsch gelaufen. 

Ich mied meinen Kollegen auf der Arbeit. Ich wurde depressiv. Ich habe versucht, alles zu verdrängen. Dann war mir auf einmal ständig übel und schwindelig. Und meine Periode blieb aus – seit ich sie mit zwölf Jahren zum ersten Mal bekommen habe, ist das kein einziges Mal passiert. Als der Schwangerschaftstest positiv ausfiel, war ich am Boden zerstört. Ich hatte ganz viele negative Emotionen auf einmal, aber eins wusste ich sofort: Ich würde diese Schwangerschaft beenden.“ 

Der Abbruch:

„Sie müssen heute keine Mörderin sein“

„Ich habe erstmal gegoogelt. Wie gesagt, ich wurde nicht richtig aufgeklärt und über Schwangerschaftsabbrüche haben wir nie gesprochen. Online habe ich verschiedene Tabletten gefunden, die man bestellen konnte, und irgendeine schwarze Frucht aus Asien, aus der man einen Tee kochen sollte. Ich habe immer weiter und weiter gescrollt und gelesen, auch über Abbrüche beim Arzt, es klang schrecklich und barbarisch. Dabei ist es in Wirklichkeit ein normaler medizinischer Eingriff. 

Über meine beste Freundin und Planned Parenthood bin ich schließlich zu der Klinik in Montgomery gekommen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführt. Als ich das erste Mal hingegangen bin, standen draußen Anti-Choice-Demonstrant*innen. Ein Mann rief Bibelverse, ein anderer sagte zu mir: ,Junge Frau, kommen Sie her, ich kann Ihnen helfen. Sie müssen Ihr Baby nicht umbringen, Sie müssen heute keine Mörderin sein.‘ Das war schlimm, ich war darauf überhaupt nicht vorbereitet und bin schnell vorbeigehastet.

Die Mitarbeiter*innen der Klinik waren dafür sehr nett und warmherzig. Zunächst musste ich noch einen Schwangerschaftstest machen, dann hat eine Ärztin mit mir gesprochen und einen Ultraschall gemacht. Ich wollte nicht auf den Bildschirm schauen, aber die Ärztin hat mich gebeten, es zu tun. Das war … emotional sehr viel für mich.“

„Mein Vergewaltiger fuhr mit mir zur Klinik und bezahlte den Eingriff“

„Anschließend musste ich 48 Stunden warten. Zum Eingriff sollte ich jemanden mitbringen. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt niemandem von der Schwangerschaft erzählt – außer meinem Vergewaltiger. Nachdem ich ihn auf der Arbeit gemieden hatte, fragte er irgendwann, was los sei. Er hat alles abgestritten. Nach dem Schwangerschaftstest habe ich ihn noch mal konfrontiert: ,Ich bin nicht von alleine schwanger geworden! Du hast mich in dieser Nacht vergewaltigt und jetzt musst du die Verantwortung dafür übernehmen!‘

Er fuhr mit mir zur Klinik und bezahlte den Eingriff. Ich weiß nicht, warum – ob er Angst hatte, dass ich zur Polizei gehe, oder ob er sich schlecht gefühlt hat. Ich hatte vorher keine Ahnung, wie viel es kosten würde, ob 50 oder 5000 Dollar. Der erste Termin hat etwa 100 Dollar gekostet, der eigentliche Eingriff 500 oder 600 Dollar. Bei der Beratung wurde ich auch darauf hingewiesen, dass es den Yellowhammer Fund gibt, eine Organisation, die aushilft, wenn Frauen sich einen Abbruch nicht leisten können. 

Als ich nach 48 Stunden wieder in die Klinik kam, hieß es auf einmal, dass ich noch bis zur fünften Schwangerschaftswoche warten müsste. Ich war in der vierten. Das muss man sich mal überlegen: In der vierten Woche bis du noch nicht weit genug für ein Abbruch, mit den neuen Gesetzen ab der sechsten Woche schon zu weit. Es ist fast unmöglich, das zu schaffen. Viele Frauen bekommen ihre Periode nicht so regelmäßig wie ich, und merken darum nicht so früh, dass sie schwanger sind.

Mein Termin war am 31. März 2017. Als ich ankam, waren die Demonstrant*innen natürlich schon da. Sie wollten, dass ich mit in ihren Van komme – einer von diesen ,Krisen-Vans‘, in denen sie dich ,beraten‘, aber dir sagen, dass deine einzige Option ist, das Kind zu bekommen, und dir kostenlose Windeln anbieten.“

„Als ich dann die OP-Geräte spürte, rastete ich auf einmal aus“

„In der Klinik habe ich mit etwa 15 anderen Frauen in einem Raum gewartet. Wir mussten Operationskittel anziehen. Mir war eiskalt, noch nie in meinem Leben habe ich so sehr gefroren. Eine Krankenschwester hat mir ein leichtes Beruhigungsmittel gegeben, davon wurde ich sehr müde. Im Fernsehen lief das Morgenmagazin ,The Today Show‘, das weiß ich noch, aber niemand sah hin. Als ich dran kam, hat die Ärztin mir erklärt, wie sie vorgehen würde und mir ein Mittel gegeben, das meinen Gebärmutterhals weich machen sollte. Davon bekam ich Schmerzen. Als ich dann die OP-Geräte spürte, rastete ich auf einmal aus. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben eine Panikattacke. Die Ärztin sagte: ,Du musst ruhig bleiben. Samantha, bleib bei mir. Halt durch.‘ Und das habe ich gemacht. Bis es endlich vorbei war. 

Anschließend habe ich wegen der Blutungen eine Binde bekommen, und musste eine Stunde in einem Liegestuhl liegen, mit einem Heizkissen gegen die Krämpfe auf dem Bauch. Mein Vergewaltiger hat mich nach Hause gefahren. Als ich aus dem Auto stiegt, sagte ich zu ihm: ,Das war der schlimmste Tag meines Lebens und ich will dich nie wieder sehen!‘

Ich wollte das alles einfach nur vergessen. Aber mein Vergewaltiger hat mich nach dem Eingriff monatelang gestalkt, tauchte überall auf, wo ich war, schrieb mir dauernd Nachrichten. Ich habe eine posttraumatische Belastungsstörung und Depressionen entwickelt, hatte psychotische Episoden und Albträume. Ich war eine Zeit lang in einer Klinik und habe meinen Job gekündigt, um gesund zu werden. Danach bin ich nach Birmingham, Alabama gezogen. Dort gibt es bessere Jobs und die Familie meines damaligen Freundes lebt dort. Ich wollte meinen Erinnerungen entkommen, einen Neuanfang wagen.“

Das Abtreibungsverbot:  „Ein paar Ausschuss-Mitglieder konnte ich mit meiner Aussage erreichen“

„Als ich das erste Mal von dem geplanten Abtreibungsverbot hörte, konnte ich nicht glauben, dass das wirklich in Betracht gezogen wird, geschweige denn, dass man dafür ein Gesetz entwirft! Ich dachte mir: Manchen Politikern ist es vielleicht wirklich egal, die wollen nur ein Statement setzen – aber einige würden doch sicher verstehen, dass ein solches Gesetz jemandem schaden könnte, den sie lieben. Oder sogar ihnen selbst. Dass es für viele Menschen sehr gefährlich werden könnte. Denn Schwangerschaftsabbrüche retten Leben, zumindest der Zugang zu legalen und sicheren Abbrüchen. Ich  wusste damals, dass ich dieses Kind nicht zur Welt bringen konnte, und was immer ich dafür hätte tun müssen … ich hätte es getan. Auch wenn es bedeutet hätte, mein Leben zu beenden. 

Als ich nach Birmingham zog, meldete sich eine Mitarbeiterin von Planned Parenthood bei mir und fragte, ob ich ihnen von meinen Erfahrungen erzählen möchte. Sie sagte: ,Wenn es für dich okay wäre, deine Geschichte öffentlich zu machen, dann könntest du damit sicher vielen Menschen helfen.‘ 

Ich habe in einem Film für Planned Parenthood mitgewirkt, der dafür geworben hat, gegen ,Amendment 2‘ zu stimmen (Anm. der Red.: Ein Zusatz zur Verfassung des Bundesstaats Alabama, der die „Unantastbarkeit ungeborenen Lebens“ anerkennt und besagt, dass die Verfassung kein Recht auf Schwangerschaftsabbrüche vorsieht; Amendment 2 wurde im November 2018 mit 59 Prozent der Wählerstimmen angenommen.). Und ich bin Teil der ,National Storytellers‘ von Planned Parenthood, die ihre Geschichten in den Medien erzählen oder wann immer es einem guten Zweck dient. 

Als ich gefragt wurde, ob ich als Gegnerin des neuen Gesetzes gegen Schwangerschaftsabbrüche vor dem Justizausschuss aussagen würde, habe ich natürlich zugesagt. Ich dachte: Wenn irgendein*e Senator*in sich noch nicht sicher ist, wie er*sie abstimmen will, dann muss ich diese Person wissen lassen, dass ich ohne den Abbruch nicht mehr am Leben wäre. Ich glaube, ein paar Ausschuss-Mitglieder konnte ich mit meiner Aussage erreichen: Anschließend wollten einige, die das Verbot zwar befürworten, immerhin Ausnahmen für Opfer von Vergewaltigung und Inzest ergänzen. Leider ist das nicht passiert.“

Die Zukunft: „Viele Ärzt*innen werden Alabama verlassen“

„Das Gesetz soll im November rechtskräftig werden. Dann können Ärzt*innen, die Abbrüche vornehmen, zu bis zu 99 Jahren Gefängnis verurteilt werden. Viele von ihnen werden Alabama sicher verlassen, dabei brauchen wir sie hier so dringend. Aber ich kann es ihnen nicht verdenken, wenn sie nicht dafür kriminalisiert werden wollen, dass sie Menschen helfen und einfach nur ihren Job machen. In Alabama gibt es nur noch drei oder vier Kliniken, die Abbrüche durchführen, aber viele Politiker*innen wollen, dass auch sie geschlossen werden oder der Zugang zu ihnen schwieriger wird.

Das Gute ist, dass wir gerade aus dem ganzen Land, sogar aus der ganzen Welt Unterstützung und Zuspruch bekommen. In den USA gibt es eine Art ,Underground Railroad‘ für Schwangerschaftsabbrüche: In progressiveren Staaten wie New York oder Vermont gibt es nach wie vor die Möglichkeit, legal und sicher einen Abbruch vornehmen zu lassen, und viele Menschen helfen finanziell und logistisch dabei, dass Frauen in Not dorthin reisen können. Organisationen wie die ACLU, Planned Parenthood, der Yellowhammer Fund oder A Sister’s Song arbeiten dafür zusammen. Das ist sehr beruhigend.

Wir leben in beängstigenden Zeiten, unsere Rechte sind unter Beschuss – aber da draußen sind so viele Kämpfer*innen, die es mit den Riesen aufnehmen, die uns glauben lassen wollen, dass es keine Hoffnung gibt. Sie wollen, dass wir uns hilflos fühlen, uns verunsichern lassen, und ich bin sehr dankbar, dass ich Menschen kenne, die genau das Gegenteil sagen: Wir kämpfen weiter für unser Recht auf Reproduktionsmedizin, auf Schwangerschaftsabbrüche, auf eine freien Entscheidung.“

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