Diese Bilder zeigen den Alltag auf der „Sea Watch 3“

Der Fotograf Christian Gohdes will deutlich machen, wie wichtig zivile Seenotrettung ist – vor allem während der Corona-Krise.
Von Sophie Aschenbrenner
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Möglichst nah ran an die Menschen – das ist Christian Gohdes mit seinen Bildern gelungen.

Foto: Christian Gohdes

Sie greifen gierig nach Wasserflaschen, drängen sich auf viel zu kleinen Rettungsbooten, starren ausdruckslos aufs Meer – mehr als 460 Menschen hat die „Sea Watch 3“ im Mai 2018 vor dem Ertrinken im Mittelmeer gerettet. Für drei Wochen war der Berliner Fotograf Christian Gohdes mit an Bord. Er hielt fest, wie die Geflüchteten an Bord kletterten, wie sie in Tränen ausbrachen, wie sie ausharrten und warteten. Er fotografierte die Helfer*innen im Einsatz und begleitete den Alltag auf dem Schiff. Jetzt erscheint die Fotoreportage des 27-Jährigen auch als Buch

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Innerhalb von zwei Tagen nahm die „Sea Watch 3“ 450 Geflüchtete auf.

Foto: Christian Gohdes
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Für viele der Geflüchteten war es nicht der erste Fluchtversuch.

Foto: Christian Gohdes
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Ein Geretteter brach direkt beim Betreten des Boots in Tränen aus.

Foto: Christian Gohdes
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Christian lernte in den drei Wochen auf See auch die Arbeit der Aktivist*innen intensiv kennen.

Foto: Christian Gohdes
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Nah an die Menschen herankommen – das wollte Christian durch seine Bilder.

Foto: Christian Gohdes

Er zeigt darin exemplarisch ein Stück zivile Seenotrettung, die sich sehr verändert hat seit dem Mai 2018. Damals kooperierten die italienischen Behörden noch mit den Aktivist*innen, damals waren die italienischen Häfen noch nicht dicht. Carola Rackete war noch kein Name, den in Europa so gut wie jede*r kannte. Und damals war die Welt nicht bestimmt von der Corona-Pandemie, die die Situation von Seenotretter*innen und Geflüchteten heute noch viel schwerer macht, als sie ohnehin schon ist. 

Christian wurde in Hannover zum Fotografen ausgebildet, heute arbeitet er in Berlin. Er musste hartnäckig sein, um auf der „Sea Watch 3“ mitfahren zu können, denn Presseplätze sind begehrt. „Irgendwann haben sie angerufen und gesagt: In zwei Wochen ist ein Platz frei“, erzählt Christian am Telefon gegenüber jetzt. Er sagte zu, bereitete sich so gut wie möglich vor, ging dann an Bord. Eigentlich wollte er nur zum Fotografieren mitfahren, er hatte nicht geplant, auch zu helfen. Doch das änderte sich. „Offiziell hatte ich als Fotograf keine Verpflichtung, an Bord mitzuarbeiten. Aber das hat sich schnell ergeben. Ich bin einfach Teil der Crew geworden, war bei den Einsätzen dabei und habe da nicht nur fotografiert“, erzählt er.

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Christian Gohdes ist 27, er lebt als Fotograf in Berlin.

Foto: Christian Gohdes

Am zweiten Tag auf See erlebte er den ersten Einsatz, einen, den Christian als „Bilderbuchrettung“ bezeichnet: Ein kleines Boot mit sieben Menschen aus Libyen kam in ihr Sichtfeld, die See war ruhig, alle konnten problemlos aufgenommen und der italienischen Küstenwache übergeben werden. Die nächsten zwei Wochen passierte: nichts. Das Wetter war schlecht, keine Boote wurden gesichtet. Das änderte sich schlagartig: „Innerhalb von zwei Tagen hatten wir 450 Menschen an Bord“, erinnert sich Christian. In diesem Zeitraum entstanden die meisten seiner Bilder. Gern hätte er noch mehr fotografiert, aber manchmal ging es nicht. „Einmal trieben im Wasser um die 50 Menschen ohne Schutzwesten. Da habe ich ein paar Mal draufgedrückt. Dann hab ich die Kamera weggepackt und geholfen“, sagt er. 

Sein Ziel war es, möglichst nah an die Menschen heranzukommen: „Ich bin hingefahren, weil ich so eine große Ungerechtigkeit gespürt habe, als ich die Situation auf dem Mittelmeer von außen betrachtet habe. Ich wollte mich selber engagieren und ich wollte eine nahe Perspektive zeigen. Diese Energie, mit der manche Menschen konkret gegen die zivile Seenotrettung arbeiten, macht mich so wütend.“ An manche der Menschen an Bord erinnert er sich noch besonders gut: An Ali, der direkt in Tränen ausbrach, als er an Bord der „Sea Watch 3“ kam. Es war sein sechster Fluchtversuch. Oder an einen 20-Jährigen aus Nigeria, der zusehen musste, wie sein Bruder in einem Gefängnis erschossen wurde. 

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Die Geretteten werden von den Aktivist*innen mit Wasser versorgt.

Foto: Christian Gohdes
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Nach der Rettung müssen die Gummiboote nach Vorschrift zerstört werden.

Foto: Christian Gohdes
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Die Boote sind völlig überfüllt.

Foto: Christian Gohdes
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Drei Tage dauerte die Rückreise, um die Geretteten an Land zu bringen.

Foto: Christian Gohdes
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Rettungswesten sind lebensnotwendig, denn die wenigsten Geflüchteten können schwimmen.

Foto: Christian Gohdes
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Viele an Bord sind einfach nur erschöpft.

Foto: Christian Gohdes

Die Zeit auf dem Boot bezeichnet Christian als „intensiv und aufregend“. Als er nach den drei Wochen im Einsatz das erste Mal wieder in seiner Wohnung in Berlin saß, kamen ihm dann erst einmal die Tränen. Das jetzt publizierte Buch ist ihm ein Herzensprojekt. Was er damit verdient, geht an Sea Watch, selbst will er nichts einnehmen. Gern aber würde er mehr Aufmerksamkeit auf das lenken, was sich gerade vor den Grenzen der Europäischen Union abspielt. Auf die Geflüchteten, die von der Türkei an die griechisch-türkische Grenze geschickt werden, auf die mehr als 20 000 Menschen, die auf engstem Raum im griechischen Flüchtlingscamp Moria ausharren. Mehrere NGOs fordern eine Räumung des Lagers, um einen tödlichen Ausbruch des Coronavirus zu verhindern. Bislang hat Luxemburg zwölf unbegleitete Minderjährige aufgenommen, Deutschland 47. Das reiche nicht, kritisieren Aktivist*innen.

Mehrere Tage lang trieb Anfang April das Seenotrettungsschiff Alan Kurdi auf dem offenen Meer, weil kein Land die etwa 150 geretteten Geflüchteten an Bord aufnehmen wollte. Sowohl Malta als auch Italien führten als Gründe die Corona-Krise und die gesundheitlichen Risiken an. Mittlerweile gibt es Hoffnung für die Menschen an Bord – sie dürfen auf ein Schiff der italienischen Küstenwache umsteigen und müssen dort zwei Wochen in Quarantäne verbringen.

„Wir könnten etwas tun, aber die Politiker handeln bewusst dagegen“, sagt Christian dazu. Die Entscheidungen, die getroffen werden, bezeichnet er als „rassistisch“: „Es geht um die Rettung von Menschenleben, und die darf nicht vom Pass abhängig sein.“

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