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Land in Sicht, aber immer noch kein Hafen: Am 22. Dezember hat die „Seawatch3“ auf dem Mittelmeer 32 Geflüchtete aus Seenot gerettet. Seitdem musste das Schiff in internationalen Gewässern bleiben, weil Spanien, Italien und Malta den Seenotrettern und Geretteten keine Einfahrt in einen ihrer Häfen gewährten. Wegen stürmischen Wetters wurden die Bedingungen auf dem Schiff immer schlechter, viele der Passagiere leiden an Seekrankheit. Gestern erlaubte Malta dem Schiff, in seine Gewässer, also näher an die Küste zu fahren, bis der Sturm vorbei ist. Am vergangenen Samstag hatte auch die private Rettungsorganisation „Sea-Eye“ 17 Menschen gerettet und aufgenommen, das Schiff durfte nun ebenfalls in maltesische Gewässer einfahren. Anlegen dürfen beide aber noch immer nicht – die „Seawatch3“ wartet schon seit 13 Tagen auf einen sicheren Hafen.

Chris Grodotzki, 29, ist seit Anfang Dezember als Helfer auf der Seawatch3 und telefonisch erreichbar. „In der Crew geht es uns durchwachsen. Wir sind alle gut müde und ausgelaugt. In dem heftigen Sturm, der gestern Nacht seinen Höhepunkt erreicht hat, sind viele seekrank geworden“, sagt er. „Und unsere Gäste sind am Rande ihrer Kräfte.“ Die Menschen an Bord kommen unter anderem aus Libyen, Nigeria, Kongo und Südsudan, insgesamt aus zehn verschiedenen Nationen.

An Silvester hatte sich abgezeichnet, dass ein Sturm das Schiff treffen würde, am 1. Januar twitterte die Crew, dass das Jahr 2019 an Bord der Seawatch3 mit „Seekrankheit und Verzweiflung“ begonnen habe. Das medizinische Team gab im Video und in einem Statement ein Update der Situation: Das Schiff sei dafür gedacht, Erste Hilfe zu leisten, nicht dafür, Menschen über einen längeren Zeitraum zu versorgen. Zum Beispiel sei die Nahrung, die sie an Bord hätten, dafür nicht reichhaltig genug, und auch die hygienischen Vorrichtungen reichten nicht aus. Zudem gehe langsam das Frischwasser aus – was im Zusammenhang mit Seekrankheit besonders gefährlich sei, weil die Menschen dadurch dehydrieren könnten. Besonders kritisch sei die Situation für die drei geretteten Kinder. Zudem seien viele Passagiere schwer traumatisiert, die Enge und der Stress an Bord belasteten sie zusätzlich und der kleinste Zwischenfall könne das sensible soziale Gleichgewicht stören.

Die Stimmung an Bord sei derzeit trotzdem noch gut, sagt Chris, weil Crew und Gerettete ein gutes Verhältnis hätten. „Unsere Gäste sind sehr zugewandt und geduldig und wir stützen uns gegenseitig moralisch.“ Das werde aber immer schwieriger. 

Seawatch informiert per Social Media laufend über die aktuellen Entwicklungen. Seit dem 22. Dezember richtete die Organisation wiederholt Appelle an Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und erinnerten an die christlichen Werte seiner Partei, unter anderem mit dem Hashtag #MachtHochDieTür. 

Sea-Eye veröffentlichte an Neujahr einen offenen Brief an die Abgeordneten des Bundestages (mit Ausnahme der AfD) mit der Bitte, den 49 Geretteten auf der Sea-Eye und der Seawatch 3 zu einem sicheren  Hafen zu verhelfen. Laut Seawatch haben sich mehr als 30 Städte und Bundesländer bereit erklärt, Geflüchtete aufzunehmen, so etwa Berlin, wie aus einem Tweet des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller hervorgeht. Auch die italienische Stadt Neapel hat sich solidarisch gezeigt. Am Donnerstagnachmittag wird vor dem Bundestag eine von Seebrücke organisierte „Kundgebung für einen sicheren Hafen“ stattfinden.

Das Bundesinnenministerium gab an, Voraussetzung für eine Aufnahme von Geflüchteten sei „eine ausgewogene Verteilung der geretteten Personen auf verschiedene EU-Mitgliedsstaaten im Sinne einer gemeinsamen europäischen Verantwortung und Solidarität“. Die Niederlande äußerten sich ähnlich: Man sei zur Aufnahme bereit, wenn andere europäische Länder ebenfalls mitzögen. Die EU-Kommission hat begonnen, die Verhandlungen zu koordinieren. 

„An ihrer Stelle würde ich mir vorkommen wie Müll, den niemand haben will“

Alina Krobok, 22, Pressesprecherin von Seawatch, sagt, es sei erfreulich, dass die EU-Kommission nun daran arbeite, und auch, dass es in der Bundespressekonferenz gestern hieß, die Bundesregierung sei  „an einer raschen Lösung“ interessiert. „Aber wir finden: 13 Tage auf See sind nicht ‚rasch‘. Die Bedingungen dort sind nicht human und Seekrankheit ist kein Scherz, vor allem nicht für die traumatisierten Menschen, die bei uns an Bord sind.“ Ihr Team wolle, dass jetzt eine schnelle Lösung gefunden werde – aber dann vor allem auch eine grundsätzliche. „Es kann nicht sein, dass es jedes Mal drei Wochen dauert, bis Menschen an Land gehen können. Und es kann auch nicht sein, dass am Ende immer Malta einspringt, nur, weil es zufällig im Mittelmeer liegt. Das ist eine europäische Außengrenze und damit eine europäische Verantwortung.“

Chris sieht das ähnlich: „Die Menschen so lange auf See zu lassen, hat nichts mit der viel beschworenen ‚europäischen Solidarität‘ zu tun. Unsere Hoffnung ruht jetzt auf den solidarischen Städten und der Seebrücke-Bewegung: dass durch sie der Druck irgendwann so hoch wird, dass die Innenministerien einknicken müssen.“ Er sei froh, dass die Menschen bei ihnen an Bord die Debatte, in sozialen Medien wie in der Politik, nicht mitbekämen. „An ihrer Stelle würde ich mir sonst vorkommen wie Müll, den niemand haben will. Die ganze Verteilungsdiskussion ist an sich schon problematisch, weil immer davon ausgegangen wird, dass diese Menschen eine Bürde sind. Was aber auch damit zusammenhängt, wie in den Ankunftsländern mit ihnen umgegangen wird – mal ganz abgesehen von dem, was man sie zuvor in der Sahara oder in einem Horror-Land wie Libyen durchmachen lässt.“ Oder eben auf einem Schiff, auf dem sie seit 13 Tagen ohne sicheren Hafen ausharren.

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