Das Gute am Brexit?

Auf einmal ist für viele die EU nicht mehr selbstverständlich.
Kommentar von Charlotte Haunhorst
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Illustration: Jessy Asmus

Man liest diese Zahlen ja fast mit Sektlaune: Dem vergangenen Donnerstag veröffentlichten ARD-Deutschlandtrend zufolge sehen 52 Prozent der Deutschen in der EU mehr Vor- als Nachteile! Jippieh, wer holt den Champagner?  

Wer sich jetzt wundert, warum so eine popelige Mehrheit (36 Prozent sind der Meinung, Vor- und Nachteile halten sich die Waage, 11 Prozent finden die EU doof) Anlass zum Feiern ist, der muss diese Werte nur einmal mit den Zahlen von vor zwei Wochen vergleichen. Da fanden nämlich noch 13 Prozent weniger, dass die EU gut sei. Was ist dazwischen passiert? Hat die EU vielleicht ihren Output verdreiundzwanzigfacht? Oder hat Parlamentspräsident Schulz wieder einen viralen Hit wie diesen hier geschafft?

Natürlich nicht. Tatsächlich ist der Brexit passiert (oder zumindest angekündigt worden). Und nach dem Schock scheinen viele Menschen auf einmal wieder hinterfragt zu haben, was die EU eigentlich ist. Und dass sie vielleicht nicht selbstverständlich ist. Und das ist gut.

Immerhin war es ja jene Selbstverständlichkeit, insbesondere unter jungen Leuten, die die Brexit-Katastrophe erst ermöglichte. Einer Yougov-Umfrage zufolge hielten vor der Abstimmung 48% der Befragten zwischen 18 und 29 einen Brexit für unwahrscheinlich, nur 38% sahen das Ergebnis als reale Chance. Dieser Optimismus ging wohl leider auch mit einer gewissen Wurschtigkeit einher, nur 36 Prozent der Wähler unter 24 gingen am Ende überhaupt zur Abstimmung. Als sie sich danach beschwerten, dass die nostalgischen Alten ihnen die Zukunft geraubt hätten, war das Mitleid somit begrenzt. Währenddessen wuchs im EU-Ausland natürlich die Sorge: Was, wenn uns das auch passiert? Europakriotische Parteien wie der Front National oder die AfD bekommen ja nicht ohne Grund immer mehr Zuspruch.

Der aktuelle Deutschlandtrend ist zumindest ein Zeichen, dass noch nicht alles verloren ist. Und das nicht nur in Deutschland. Auch in anderen EU-Ländern zeigen erste Umfragen, dass der Brexit die Leute eher aufrüttelt als weiter von der EU wegtreiben lässt. So forderten beispielsweise in Dänemark vor dem Brexit-Votum noch 40 Prozent eine Abstimmung über den weiteren EU-Verbleib. Jetzt sind es nur noch 32. In Schweden nahm die Zustimmung zur EU seitdem um drei Prozent zu, in Finnland sogar um 12 Prozent. Eine Professorin der Universität Kopenhagen sprach in diesem Zusammenhang vom Brexit als "Weckruf, den man dringend gebraucht habe." Man kann nur hoffen, dass die Menschen nicht wieder einschlafen.

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