„Niemand wird gezwungen, seine Organe zu spenden“

Straßenumfrage: Bist du für die Widerspruchslösung bei der Organspende?
Protokolle von Nora Pauelsen und Anna Caterina Helm

Foto: ACH; Bearbeitung: jetzt

Update:

Der Gesetzentwurf zu Widerspruchslösung fand keine Mehrheit. In namentlicher Abstimmung votierten 379 Abgeordnete dagegen, 292 Parlamentarier unterstützten ihn, 3 enthielten sich.

In Deutschland warteten vergangenes Jahr etwa 9400 Menschen auf eine lebenswichtige Organtransplantation –  bei nur etwas mehr als 900 Spender*innen. Um dieses Missverhältnis zu beenden, wird heute im Bundestag darüber abgestimmt, ob der Entwurf der Grünen-Chefin Annalena Baerbock und der Linken-Vorsitzenden Katja Kipping Gesetz wird – sie schlagen die „Entscheidungslösung" vor, die im Grunde auf mehr Information duch Ärzte und Freiwilligkeit setzt. Es könnte aber  auch die „doppelte Widerspruchslösung“ zum Gesetz werden, die unter anderem vom Bundesgesundheitsministerium gefordert wird.  Jede*r volljährige Deutsche wäre so automatisch Organspender*in, wenn er oder sie sich nicht ausdrücklich dagegen entscheidet. Wurde nicht widersprochen, werden die Angehörigen befragt. Die Entscheidung soll jederzeit revidierbar sein. Befürworter*innen erhoffen sich bessere Überlebenschancen für Menschen, die bisher vergeblich auf eine Organspende warten. Gegner*innen stellen diese Widerspruchslösung als Eingriff in die Würde des Menschen dar. Fakt ist: 20 von 28 EU-Länder handhaben die Organspende bereits mit einer Widerspruchsregelung – und das wirkt sich positiv auf die Spenderzahl aus. Was aber halten junge Menschen von dem umstrittenen Gesetz? Wir haben in München nachgefragt.

„Ein Zwang ist es erst, wenn der Widerspruch bestraft werden würde“

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Lucia, 23, studiert VWL, Philosophie und Politik

„Ich finde die Widerspruchslösung gut, wenn wir genügend darüber informiert sind. Vielleicht kann man in einer Kampagne erklären: „Ihr seid erst einmal alle Organspender. Hier findet ihr Informationen dazu. Wollt Ihr euch dagegen entscheiden?“ Jedem muss klar sein, wie der Status Quo ist. Momentan werben ja viele dafür, freiwillig Organspender zu werden. Wenn das Gesetz eintritt, müsste man anders herum zeigen, wie man sich gegen das Spenden entscheiden kann. Niemand wird gezwungen, seine Organe zu spenden. Ein Zwang ist es erst, wenn der Widerspruch bestraft werden würde.“

„Dadurch wird die Freiheit des Menschen eingegrenzt“ 

Christoph, 27, studiert Mathematik und Statistik 

„Ich habe zwar einen Organspendeausweis, aber ich sehe die Widerspruchslösung kritisch. Dadurch wird die Freiheit des Menschen eingegrenzt. Wenn erst einmal jeder Organspender ist und ein aktiver Schritt verlangt wird, um zu widersprechen, muss sich jeder Mensch ja mit der Entscheidung auseinandersetzen. Ich finde nicht, dass jeder moralisch dazu verpflichtet werden kann, über eine Organspende nachzudenken. Das Organ kann ja an jemand Fremden gehen, der vielleicht hunderte Kilometer von mir entfernt wohnt. Manche Leute haben auch Angst vor starken Schmerzen bei der Organentnahme, auch wenn ich diese Angst für unbegründet halte. Was wir brauchen, ist mehr Aufklärung zum Thema Organspende, um freiwillige Spender zu finden, aber kein Widerspruchsrecht.“

„Ich würde auch alles spenden nach dem Tod“

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Hava, 18, macht ein freiwilliges soziales Jahr 

„Wenn ich durch meine Organspende jemanden vor dem Tod retten kann, helfe ich gerne. Die Widerspruchslösung führt hoffentlich zu mehr Spendern. Selbst wenn jemand nichts von dem Gesetz mitbekommt und zum Organspender wird, weil er nicht aktiv widersprochen hat, ist das vertretbar. Ich denke da eher an die Leute, die wirklich krank sind und darunter leiden, dass ein Organ nicht funktioniert. Ich würde alles spenden nach dem Tod. Da brauche ich meine Organe doch nicht mehr. Was sollte ich dagegen haben? “

„Einem wird der Weg, sich aktiv damit auseinandersetzen, einen Ausweis auszufüllen und bei sich zu tragen, erspart“

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Timo, 25, Koch

„Ich wäre bereit, meine Organe nach dem Tod zu spenden. Ich habe aber keinen Ausweis. Die Widerspruchslösung würde also genau mich und sicher viele andere Leute dazu bringen, Spender zu werden. Dadurch wird einem der Weg, sich aktiv damit auseinandersetzen, einen Ausweis auszufüllen und bei sich zu tragen, erspart. Wenn sich jetzt Leute darüber aufregen, dass sie extra aktiv werden müssen, wenn sie nicht spenden wollen, finde ich das nicht gerechtfertigt. Es muss ein einfaches System geben, um zu widersprechen. Vielleicht mit einer kurzen Mail. Mittlerweile ist eh alles so bequem. Das kriegen dann auch die hin, denen Organspende nicht passt. Die Angst, dass mir Ärzte nach einem schweren Unfall nicht alle medizinische Hilfe geben würden, damit sie meine Organe entnehmen können, habe ich auch nicht. Das wird ja kontrolliert und überwacht.“

Der Staat zwingt einen in so vielen Dingen, aktiv Entscheidungen zu treffen“ 

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Lino, 19, macht ein FSJ beim Rettungsdienst 

„Wenn jemand vielleicht seine Augen nicht spenden möchte oder religiöse Gründe gegen das Organspenden hat, kann ich das verstehen. Aber bei einer Widerspruchslösung kann man sich ja dagegen entscheiden. Dass der Widerspruch dann bewusst erfolgen muss, ist okay. Der Staat zwingt einen in so vielen Dingen, aktiv Entscheidungen zu treffen. Man sollte jedem Menschen das Recht auf Leben zuteilen und wenn wir das durch mehr Organspende erreichen, finde ich das gut.“

„Es gibt so viele Leute, die jahrelang auf Organspende-Wartelisten stehen“

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Jonathan, 26, studiert Theaterwissenschaft

„Mit der Widerspruchslösung hätten mehr Leute die Chance, endlich eine notwendige Operation zu haben, um normal weiterleben zu können. Es gibt so viele Leute, die jahrelang auf Organspende-Wartelisten stehen. Die brauchen ein lebenswichtiges Organ. Wenn die neue Regelung dazu führt, mehr Menschen zu helfen, finde ich das Ergebnis wichtiger als den „staatlichen Zwang“. 

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