„Trump interessiert sich nicht für schwarze Menschen“

D. Watkins über die wahren Probleme seiner Heimatstadt Baltimore, die Donald Trump als „ekelhaft“ beschimpft hat.
Interview von Nadja Schlüter

D. Watkins hat schon viel über seine Heimatstadt Baltimore geschrieben – zum Beispiel für Salon.com, in seinem Essayband „The Beastside“ und in seiner Autobiografie „The Cook Up“.

Foto: Devin Allen

Am vergangenen Wochenende hat Donald Trump mit einer Reihe von Tweets den Kongress-Abgeordneten Elijah Cummings angegriffen: Dessen Wahlbezirk sei der „am schlechtesten geführte und gefährlichste“ in ganz Amerika, „ekelhaft“ und „mit Ratten verseucht“, „kein menschliches Wesen” wolle dort leben:

Trump meinte damit nicht Cummings’ kompletten Wahlbezirk, sondern bezog sich vor allem auf den Osten von Baltimore. Dort leben mehrheitlich schwarze und arme Menschen, die Kriminalitäts- und Mordrate ist hoch. Darum und weil Elijah Cummings selbst Afroamerikaner ist, wurde Trump unter anderem von Nancy Pelosi, der Sprecherin des Repräsentantenhauses, Rassismus vorgeworfen. Unter dem Hashtag #WeAreBaltimore verteidigten Twitter-Nutzer die Stadt und dem CNN-Sprecher Victor Blackwell, der selbst in Baltimore aufgewachsen ist, kamen bei einem Kommentar zum Thema die Tränen.

Auch D. Watkins hat die Diskussion verfolgt – und sich dazu geäußert: „Niemanden interessiert der Präsident oder was er über Baltimore sagt. Er lügt und beweist seinen Hass gegenüber nicht-weißen Menschen jeden Tag.“

Der 38-Jährige ist in East Baltimore aufgewachsen und hat in seiner Jugend als Drogen-Dealer viel Geld verdient. Später hat er Literatur studiert und gibt heute Schreibkurse für Jugendliche. In seinen Artikeln und Büchern klärt Watkins über das Leben als Schwarzer in den USA auf und spricht offen über strukturellen Rassismus, Armut und Polizeigewalt. Auch seine Heimatstadt ist immer wieder Thema.

jetzt: Wie viele Ratten hast du heute schon gesehen?

D. Watkins: Keine. Das fand ich übrigens sehr lustig am Kommentar des Präsidenten: Er kommt aus New York und lebt in Washington – in beiden Städten gibt es mehr Ratten als in Baltimore.

Dein erster Tweet zu Trumps Attacke war sehr lakonisch, er fing an mit „lol, der Präsident und was er über Baltimore sagt, interessiert niemanden“. Hat dich das tatsächlich so kalt gelassen?

Das war wirklich meine erste Reaktion, weil Donald Trump doch jede Woche irgendwas Rassistisches macht, um Aufmerksamkeit zu bekommen und die Nachrichten zu kontrollieren. Er will nicht, dass die Korruption im Weißen Haus zum Thema wird. Elijah Cummings und das House Oversight Committee (der einflussreiche Kontroll-Ausschuss, dem Cummings vorsitzt, Anm. d. Red.) haben gerade die Chance bekommen, Ivanka Trumps und Jared Kushners persönliche E-Mail-Accounts einzusehen, die sie für geschäftliche Mitteilungen genutzt haben sollen. Das würde das Weiße Haus schlecht dastehen lassen und davon will Trump natürlich ablenken.

„Niemals im Leben hätten wir gedacht, dass wir irgendwann mal morgens aufwachen und der Präsident der USA unsere Nachbarschaft beleidigt“

Trotzdem: Du bist selbst Autor und lehrst Literatur. Worte sind dein Weg, um etwas zu bewirken. Die Rhetorik des Präsidenten kann dir da doch nicht egal sein?

Ich bin nützlicher, wenn ich meine Zeit und meine Energie nicht darauf verschwende, mich mit jeder noch so kleinen negativen Sache zu beschäftigen, die er macht. Das lenkt doch nur von den wirklich wichtigen Dingen ab. Trump interessiert sich nicht für schwarze Menschen, er interessiert sich nicht für Amerika oder dafür, es zu einem guten Ort für jede*n von uns zu machen. Er interessiert sich nur für sich und sein Ego.

Wie hat deine Community in Baltimore auf Trumps Tweets reagiert?

Wir fanden das witzig. Niemals im Leben hätten wir gedacht, dass wir irgendwann mal morgens aufwachen und der Präsident der USA unsere Nachbarschaft beleidigt. Das ist doch ein Witz. Er ist ein Witz. Weißt du, Trump hat die Wahl eigentlich nicht gewonnen, er hatte drei Millionen Stimmen weniger als Clinton (Trump hat den „popular vote“, die Gesamtheit aller Stimmen, nicht gewonnen, sondern das „electoral college“, die Mehrheit der Wahlmänner und -Frauen der Bundesstaaten, die im amerikanischen Wahlsystem über die Präsidentschaft entscheidet; Anm. d. Red.). Das bedeutet, dass die meisten Amerikaner ihn nicht auf diesem Posten wollen. Wir finden nicht, dass er seinen Job gut macht oder Talent hat, wir finden ihn dumm und respektlos. Wir respektieren ihn nicht. 

Wie würdest du deine Heimatstadt am ehesten gegen seine Angriffe verteidigen?

Alle Probleme, die wir haben, sind eine Kombination aus gescheiterter staatlicher und lokaler Politik. Ich will meinen Bezirk da gar nicht aus der Verantwortung nehmen: Die Stadt ist nicht voller Ratten und Ungeziefer, nicht alles hier ist bedauerlich und kaputt – aber an manchen Stellen gibt es eben wirklich viele Ratten und Ungeziefer, es sieht dort nicht gut aus und es ist sehr, sehr gefährlich. Diese Orte brauchen eine Menge Fürsorge und Hilfe und haben bisher nicht die nötige Aufmerksamkeit bekommen. Aber eigentlich ist das doch wie im ganzen Land: Überall gibt es einerseits Regionen mit Wohlstand und andererseits die, denen es nicht gut geht und die Unterstützung brauchen. 

„Cummings ist nur eine Person in einer ganzen Gruppe von Menschen, deren Aufgabe es wäre, unsere Stadt besser zu machen“

Also sind die schlechten Lebensumstände in Teilen von Baltimore schon auch Elijah Cummings’ Schuld, wie Trump behauptet?

Ob ich glaube, dass Elijah Cummings einen besseren Job machen könnte? Absolut! Er ist schon seit mehr als 20 Jahren Abgeordneter im Repräsentantenhaus und die Stadt sieht trotzdem schon seit Ewigkeiten so aus wie heute. Aber Cummings ist eben auch nur eine Person in einer ganzen Gruppe von Menschen, deren Aufgabe es wäre, unsere Stadt besser zu machen. Viel von dem, worüber Trump sich beschwert, liegt ja gar nicht in Cummings’ Verantwortung. Zum Beispiel der Müll auf der Straße – das ist eine lokale Angelegenheit. 

Unter dem Hashtag #WeAreBaltimore haben Twitter-Nutzer die Stadt verteidigt. Du siehst das kritisch. Warum?

Weil die Foto alle touristisch aussahen. Viele Orte, die man darauf gesehen hat, sind nicht mal in dem Bezirk, um den es geht. Die Segregation zwischen Schwarzen Weißen und Armen und Reichen Baltimore ist extrem und es ist ein billiger Trick, wenn jemand so tut, als hätte er einen Bezug zu dem Teil der Stadt, aus dem ich komme, ohne ihn wirklich zu haben. Ich mag keinen Fake-Aktivismus und keine Fake-Bündnisse. Wenn jemand es ernst meint und wirklich etwas verändern will, dann freue ich mich, aber nicht, wenn jemand nur bei irgendeinem Kitsch mitmachen will, der keine Konsequenzen hat.

Hat das Ganze eigentlich auch Vorteile? Immerhin schaut das ganze Land gerade nach Baltimore.

Ja, dass Trump so schlecht über uns spricht, gibt der Stadt und ihren Menschen die Möglichkeit, mehr Geschichten zu erzählen als seine. Geschichten über ihre Probleme, aber auch über all die Menschen, die versuchen, hier Gutes zu bewirken. Das ist ein Anfang. 

„Die meisten von uns haben keine Beziehung zur Politik oder zu Politiker*innen“

Du lebst seit deiner Kindheit in Baltimore. Was hat sich seitdem verändert?

Nicht viel, vor allem nicht zum Guten. Viele Menschen hier sind noch immer unterdrückt und haben kein Einkommen, das ihr Überleben sichert. Und unter Trumps Regierung hat sich schon gar nichts geändert. Viele von uns arbeiten hart, um Baltimore besser zu machen: Wir haben Alphabetisierungs-, Literatur- und Mentor-Programme gestartet und binden die jungen Menschen hier ein. Aber das hat nichts mit der Politik zu tun. Die meisten von uns haben keine Beziehung zur Politik oder zu Politiker*innen. Denn die sind Teil einer Maschine, die ihnen dabei hilft, gewählt zu werden. Es geht ihnen ums Geld und um das Amt, nicht darum, dass es den Menschen hier gut geht. Also müssen wir das selbst in die Hand nehmen. 

Neben der Armut hat die Stadt aber auch das gegenteilige Problem: die Gentrifizierung.

Ja, es wird teurer und für viele Menschen wird es immer schwieriger zu überleben. Ganze Stadtviertel werden abgerissen oder verschluckt. Das ist ein täglicher Kampf. Wir versuchen, in der Stadt verschiedene Wohnbauprogramme umzusetzen, damit sich die Menschen hier auch in Zukunft noch ein Zuhause leisten können.

Vor Kurzem hat der Präsidentschaftswahlkampf begonnen. Überzeugt dich irgendeine*r der Kandidat*innen, die für die Demokraten antreten wollen?

Bisher nicht und ich habe auch in meiner Community niemanden sagen hören, das sie diese oder jenen gut finden. Dafür ist es noch zu früh. Vielleicht kann Bernie Sanders was reißen. Letztes Mal wäre er die beste Wahl gewesen. Aber ich bin nicht sicher, ob er es diesmal auch ist.

Hast du jemals darüber nachgedacht, Baltimore zu verlassen?

Manchmal denke ich darüber nach, ja. Aber ich werde es wahrscheinlich nicht machen. Ich liebe es hier. Das hier ist meine Heimat.

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