„Ich kann kaum erwarten, dass diese Wahl endlich vorbei ist“

In den USA hoffen viele junge Menschen auf einen neuen Präsidenten. Vier von ihnen erzählen, mit welchen Gefühlen sie auf die Wahl blicken.
Protokolle von Marie Campisi
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Foto: Margot Sotomayor / Privat / Tom Wolf / Privat

An diesem Dienstag  finden in den USA die 59. Präsidentschaftswahlen statt. In aktuellen Umfragen liegt der Demokrat Joe Biden vor dem amtierenden Präsidenten Donald Trump. Das muss aber nichts heißen. Denn abgesehen davon, dass sich Meinungen ändern könnten und Umfragen nicht immer aussagekräftig sind, gewinnt in den USA nicht zwingend der Kandidat mit den meisten Wählerstimmen.

Besonders junge Menschen, die die Demokrat*innen unterstützen, sind daher vor der kommenden Wahl sehr angespannt. Schon mehrmals machte Trump Andeutungen, im Falle einer Niederlage das Weiße Haus nicht freiwillig zu verlassen. Auch Fake-Wahlurnen, die in verschiedenen Städten von Republikaner*innen aufgestellt wurden, machen vielen Wähler*innen Sorgen, dass ihre Stimme nicht dort ankommt, wo sie ankommen soll. Vier junge Menschen, die sich wünschen, dass Trump abgelöst wird,  berichten, wie sie sich in Hinblick auf die Wahl fühlen.

„Keiner der beiden ist ein idealer Kandidat“

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Foto: Privat

Sara Islam, 24, kommt aus Connecticut und studiert in New York Medizin.

„Es macht mich traurig, dass wir bei der Präsidentschaftswahl zwischen zwei weißen Männern in ihren Siebzigern wählen müssen. Keiner der beiden ist ein idealer Kandidat. Das Zwei-Parteien-System in den USA hat viele Fehler und keine der beiden Parteien repräsentiert wirklich die Interessen junger Amerikaner. Mir und meinen Freunden ist der Klimawandel sehr wichtig, aber trotzdem spricht das niemand wirklich an. Die Reichen werden immer reicher und große Unternehmen weichen allen Änderungen aus, die den Planeten retten könnten.

Ich hoffe, dass Joe Biden gewinnen wird, aber es ist sehr schwer einzuschätzen, wer das Rennen macht. 2016 dachten wir alle, dass Donald Trump ein Witz wäre und dass jemand, der Frauen und Benachteiligte nicht respektiert, niemals Präsident werden würde. Es war arrogant, das zu glauben und wir haben damals einfach ignoriert, dass Trumps Bewegung auch auf viel Unterstützung trifft. Und seine Befürworter vertrauen ihm blind. Es gibt nichts, das Trump tun könnte, was sie bei der Wahl umstimmen würde.

Das Land ist zur Zeit politisch sehr gespalten, die Anspannung ist enorm. Dieses Jahr ist viel passiert: Die Tode durch Polizeigewalt von Breonna Taylor und George Floyd, die Corona-Pandemie ist noch immer nicht unter Kontrolle, Richterin Ruth Bader Ginsburg ist verstorben und Millionen von Menschen sind immer noch arbeitslos. Diese Wahl ist die wichtigste in der heutigen Zeit. Es gab bereits Fälle der Wahlmanipulation. Beispielsweise haben Republikaner in Kalifornien falsche Wahlurnen aufgestellt. Ein anderes Mal wurde eine Wahlurne angezündet. Ich habe meinen Briefwahlzettel bereits auf meinem Schreibtisch liegen, aber ich denke die ganze Zeit darüber nach, ob ich nicht einfach die Zeit in Kauf nehme und persönlich zum Wählen gehe. Ich möchte meine Stimme nicht riskieren. Ich und viele andere Amerikaner fühlen sehr große Angst im Hinblick auf diese Wahl.“

„Als Afroamerikaner widert mich die Rhetorik von Donald Trump und seinen Anhängern besonders an“

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Foto: Tom Wolf

Jakai Harrison, 22, studiert Politik und lebt in New York.

„Ich kann es kaum erwarten, dass diese Wahl endlich vorbei ist. Die gesamte Wahl und der Wahlkampf machen mich sehr traurig und wütend, denn eigentlich sollte Amerika als Beispiel für Demokratie in der Welt vorangehen. Stattdessen macht unser amtierender Präsident immer wieder Andeutungen, dass er die Macht nicht friedlich abgeben würde, falls er verliert. Als Afroamerikaner widert mich die Rhetorik von Donald Trump und seinen Anhängern besonders an. Die Konsequenzen der Sklaverei, Amerikas Erbsünde, sind immer noch in jedem Aspekt des Lebens deutlich zu spüren. Wenn sich in der Hinsicht etwas ändern soll, muss diese Wahl anders als vor vier Jahren ausgehen.

Auch wegen der aktuellen Pandemie mache ich mir große Gedanken um die Wahl. Mittlerweile sind wegen des schlechten Managements der Regierung mehr als 215 000 Menschen verstorben. Trump hat die Schwere dieser Pandemie über Monate heruntergespielt, obwohl er wusste, dass Corona tödlich sein kann. Während andere Länder schon über den Berg sind, haben wir immer noch schwer mit der Pandemie zu kämpfen. Trotzdem hält Trump immer noch seine Rallys ab, obwohl das möglicherweise zu höheren Infektionszahlen führen könnte. Ich denke, das werden die Leute bei der Wahl nicht vergessen.

Ich bin optimistischer als beim letzten Mal, dass Trump verlieren wird. Natürlich weiß ich, dass Umfrageergebnisse nicht unbedingt die Wahrheit voraussagen, dennoch bin ich der Meinung, dass Joe Biden bessere Chancen gegen Trump hat als Hillary Clinton damals. Denn Biden ist ein durchschnittlicher Mann und das sagt den Leuten zu, die eigentlich Demokraten sind, aber 2016 zu Trump übergesprungen sind. Das erkennt man an einigen Swing States, wie Michigan, Wisconsin oder Pennsylvania. Bei der letzten Wahl gewann Trump in diesen Staaten knapp, aktuell liegt in den Umfragen Biden knapp vorne.“

„Ich denke, dass unsere Demokratie gerade auf dem Spiel steht“

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Foto: Privat

Erica Harms, 22, aus New York arbeitet als Freiwillige in einem National Service Program.

„Diese Wahl ist extrem wichtig, denn sie gibt Amerika die Chance zuzugeben, dass es falsch war, bei der letzten Wahl Donald Trump zu wählen. Ich denke, dass unsere Demokratie gerade auf dem Spiel steht. Während seiner Amtszeit hat er so ein Misstrauen in Mainstream-Medien geschaffen, dass seine Unterstützer nur noch glauben, was aus Trumps Mund kommt – und er lügt oft. Beispielsweise leugnet er alles, was Wissenschaftler zu Corona sagen. 

Was mir auch große Sorgen bereitet, ist, dass es zahlreiche Fälle gab, bei denen Wähler eingeschüchtert wurden. Das soll besonders People of Color vom Wählen abhalten, damit Joe Bidens Chancen auf einen Wahlsieg sinken. Ich mache mir ernsthafte Sorgen, was weitere vier Jahre unter Trumps Regierung für uns bedeuten könnten.

Ich hoffe, dass Amerikaner erkennen, wie sehr dieser Präsident die USA gespalten hat – besonders in Bezug auf Ethnien. Trump und seine Befürworter sehen nicht, dass die Wahrscheinlichkeit, von der Polizei getötet zu werden, für Schwarze Menschen höher ist als für eine weiße Person, die das Gleiche getan hat. Ich habe das Gefühl, dass sich unser Land durch ihn rückwärts bewegt. Ich kann absolut nicht einschätzen, wer gewinnen wird. Um ehrlich zu sein, denke ich, dass keiner der beiden Kandidaten wirklich das ist, was das Land jetzt braucht. Aber Joe Biden ist auf jeden Fall die bessere Option, unser Land wieder in die richtige Richtung zu lenken. Ich fand es gut, dass er Kamala Harris als Vize-Präsidenten ausgewählt hat. Ich denke diese Entscheidung hat bei vielen Amerikanern festgelegt, für wen sie stimmen wollen.“

„Trumps Rhetorik hat das ohnehin schlechte Ansehen der Latinos verstärkt“

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Foto: Margot Sotomayor

Victor Rodriguez, 28, kommt aus Texas und studiert Medizin.

„Wenn ich an die bevorstehende Wahl denke, dann werde ich nervös. Ich bin erschöpft von dieser Präsidentschaft. In den USA gehöre ich zur lateinamerikanischen Minderheit. Trumps Rhetorik hat das ohnehin schlechte Ansehen der Latinos verstärkt. Im Gegenzug hoffe ich, dass genau das mehr Leute zum Wählen bewegt und wir unsere aktuellen Repräsentanten ersetzen können. Denn viele von ihnen setzen Trumps Diskurs fort oder sind seiner hasserfüllten Rhetorik gegenüber ignorant.

Ich bin mir unsicher, wer die Wahl gewinnen wird. Der Ausgang der letzten Wahlen hat uns alle überrascht. Wenn das Wahlkollegium den tatsächlichen Stimmanteil in den Staaten nicht berücksichtigt, dann befürchte ich, dass dieses Mal dasselbe geschehen könnte. Außerdem kommen bei dieser Wahl zusätzliche Hürden hinzu, wie zum Beispiel die Unterfinanzierung der Post. Das führt dazu, dass die Wahlbriefe an weniger Stellen abgegeben werden können. Zudem entziehen die Behörden bestimmten Bürgern das Wahlrecht und erschweren Minderheiten den Zugang zu Wahllokalen. Dennoch habe ich Hoffnung, wenn ich sehe, dass zum Beispiel die Anzahl der Briefwähler steigt.

Ich denke, dass diese Wahl von besonderer Wichtigkeit ist. Die Covid-19-Krise hat uns gezeigt, dass wir einen Präsidenten brauchen, der in einer weltweiten Krise angemessen zu handeln weiß – und der kein offener Rassist ist. Der Präsident muss das Volk vertreten und nicht nur sich selbst und seine eigenen Interessen.

Ich hoffe, dass die Leute verstanden haben, dass der gegenwärtige Präsident nicht in der Lage ist, das Land gut zu regieren. Als angehender Arzt war ich enttäuscht, als der Präsident unsere führenden Gesundheitsexperten entließ. Er ignorierte alle Warnungen und tat nichts, um die Pandemie vorzubeugen. Viele andere Staatsoberhäupter, sowohl US-Gouverneure und Bürgermeister als auch andere Staatschefs, waren in der Lage, die Ausbreitung Pandemie zu kontrollieren.“

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