Das Netz bringt Nathalies Wahlbrief von Beirut nach Baden-Württemberg

Mit der Post hätte es vielleicht nicht mehr geklappt.
Von Christian Helten
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Mehr als 3500 Kilometer sind es von Beirut nach Efringen-Kirchen.

Screenshot

3765 Kilometer sind es laut Google-Maps von Beirut im Libanon bis Efringen-Kirchen in Baden-Württemberg. 3765 Kilometer musste also der Wahlbrief von Nathalie zurücklegen. Sie arbeitet dort momentan in einem Kulturprojekt. 

Eigentlich kein Problem, wären ihre Wahlunterlagen nicht so spät bei ihr im Libanon angekommen, dass keine Chance mehr bestand, sie per Post noch rechtzeitig nach Deutschland zurückzuschicken. Nathalies Stimme schien verloren.

Doch dann, am Freitagabend, 48 Stunden vor dem Schließen der Wahllokale, gab es noch mal Hoffnung. Und es begann eine der spannendsten und schönsten Geschichten des Wahlsonntags 2017. Hunderte Leute beteiligten sich und halfen mit. Noch viele mehr verfolgten den Weg des Briefs live im Netz unter dem Hashtag #Wahlchallenge

Die Hoffnung kam in Gestalt von Mohamed Amjahid. Der Reporter des Zeit Magazins war beruflich in Beirut. Nathalie ist die Bekannte einer Freundin. Sie gab Mohamed den roten Umschlag mit, als er am Freitagabend ins Flugzeug nach Berlin stieg. Er sollte ihn am nächsten Morgen dort zur Post bringen.

„Um Punkt 10 Uhr stand ich in der Postfiliale am Hermannplatz in Berlin- Neukölln“, erzählt Mohamed am Telefon am Sonntagmittag. Doch er erlebte eine Enttäuschung. Die “sehr nette und kompetente“ Dame am Postschalter sagte ihm, das Porto betrage 70,80 Euro. Und eine Garantie, dass der Brief rechtzeitig zugestellt wird, könne sie nicht geben.

„Das muss auch anders gehen“, dachte Mohamed. Er zückte sein Smartphone, wandte sich an seine Twitter-Follower und bat sie um Hilfe für den Plan, den Brief einmal durch die ganze Republik zu transportieren

Hunderte Menschen retweeteten, schrieben Mohamed direkt an, gründeten Facebook-Gruppen, um den Transport zu organisieren. Offenbar berührte diese Geschichte viele Menschen. „Gerade posten ja sehr viele Leute 'Geht wählen'-Botschaften, weil sie verhindern wollen, dass Rechte bald in großer Zahl im Bundestag sitzen“, sagt Mohamed. „Alle reden davon, dass jede Stimme zählt. Und diese Message ist hier eben in einer echten Geschichte verpackt. Dieser Spirit ist motivierend.“

Trotz des vielen guten Willens schien die Reise des Briefs zu scheitern, bevor sie wirklich begonnen hatte. Mohamed stand am Bahnhof, um wie verabredet den Boten der ersten Etappe zu treffen. Doch der war nicht da, meldete sich nicht mehr, ging nicht ans Telefon. Akku leer, wie sich später herausstellte.

Also lief Mohamed los und sprach vor Fernzügen Richtung Süddeutschland wildfremde Leute an. 40 oder 50 waren es wohl, schätzt er. Manche wollten gar nicht mit ihm reden, eine Frau hielt ihn für einen Schnorrer und sagte, bevor er ihr überhaupt erklären konnte, was er wollte: „Ich habe kein Wechselgeld.“ Ein Paar mit Bild-Zeitung unter dem Arm signalisierte erst Bereitschaft, machte aber einen Rückzieher, als es erfuhr, dass die Wahlberechtigte derzeit im Nahen Osten lebt.

Dann, endlich, fand Mohamed eine Frau auf dem Weg nach Ulm, die helfen wollte. Der Brief machte sich auf den Weg. Von Berlin per Zug nach Ulm, über Stuttgart und eine Kleinstadt in Baden-Württemberg nach Friedrichshafen am Bodensee, wo er übernachten musste, weil von dort so spät kein Zug mehr weiter fuhr. Dann nach Meersburg am Bodensee, mit der Fähre über den See nach Konstanz – was ein besonders schönes Foto gab. Von dort reiste er nach Weil am Rhein, wo ihn Nathalies Bruder entgegennahm und mit dem Auto an den Zielort bringen wird.

Die Geschichte, die er da ausgelöst hatte, überraschte Mohamed selbst ein bisschen. „Ich finde es unglaublich toll, dass das geklappt hat. Dass Leute wirklich mitten in der Nacht zum Bahnhof gefahren sind, um einen wildfremden Menschen zur Übergabe zu treffen.“

 

Die Crowd schaffte und schafft also, wozu die Post vielleicht nicht in der Lage gewesen wäre. Sie setzt damit ein Zeichen für Demokratie, erinnert uns alle daran, dass jede Stimme zählt. Und das nicht aus Kalkül, oder um die eigene Partei nach vorne zu bringen. Kein einziger, so erzählt Mohamed, habe gefragt, was Nathalie denn wohl gewählt hat.

 

Und die Inhaberin der Stimme? „Die pflückt dieses Wochenende Oliven in den libanesischen Bergen“, sagt Mohamed. „Und schickt mir, immer wenn sie mal kurz Netz hat, begeisterte Sprachnachrichten über Whatsapp.“

 

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