Die CDU/CSU braucht junge Wähler*innen nicht zu fürchten

Peter Altmaier glaubt, das Wahlrecht ab 16 mache nur die Grünen stärker. Da könnte er sich irren. Die Jüngeren sind bürgerlicher, als er denkt.
Kommentar von Marcel Laskus
altmaier jugend union

Foto: Adam Berry / Getty Images, Adobe Stock; Bearbeitung: jetzt

Konservative fürchten nichts so sehr wie die Veränderung, heißt es oft. Die Legalisierung harter Drogen. Konsequenten Klimaschutz. Bayerische Supermärkte, in denen man auch nach 20 Uhr noch Spezi kaufen kann. Aber da ist noch etwas anderes, wovor es Politikerinnen und Politikern der CDU und CSU graut: die Vorstellung, dass Unter-18-Jährige einmal bei der Bundestagswahl mitbestimmen dürfen. Dabei ist ihre Furcht vor den Jungen unbegründet.

Nachdem die FDP auf ihrem Parteitag am Wochenende beschlossen hatte, dass sie das aktive Wahlrecht bei der Bundestagswahl ab 16 offiziell unterstützt, twitterte der CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier wenig später adressiert an die FDP: „Ihr seid einfach die besten Wahlhelfer für die Grünen, die man sich denken kann!!!“ Statt Argumente gegen die Senkung des Wahlalters vorzubringen, lehnt er sie offensichtlich schlicht ab, weil sie seine Partei Prozente kosten könnte. Damit offenbarte er seine irrationale Angst vor den Jungen – und bekam in den sozialen Medien viel Kritik dafür. Zu Recht.

Ein Blick auf die Werte, die junge Menschen vertreten, zeigt: die Union muss vor ihnen keine Angst haben

Zum einen basiert seine Reaktion auf einer irrigen Annahme. Die Altersgruppe der 16- und 17-Jährigen umfasst gerade einmal 1,5 Millionen Menschen, was nur etwas mehr als zwei Prozent der Wahlberechtigten entsprechen würde (dürften sie denn wählen). Altmaier macht die Altersgruppe also mächtiger, als sie ist. In der demografischen Realität würden sie – tragischerweise – kaum ins Gewicht fallen. Was zu seinem nächsten Fehler führt: seiner Angst vor ihrer Wahlentscheidung. Denn es ist nicht so, dass die 16- und 17-Jährigen allesamt die Grünen wählen würden: Bei der Kinderwahl stimmten 2017 immerhin knapp 30 Prozent für die Union. Und vielleicht ginge da noch mehr. Denn ein Blick auf die Werte, die junge Menschen vertreten, zeigt, dass die Union gar keine Angst vor ihnen haben muss. Sie stehen ihr viel näher, als man zunächst denken könnte.

Zwar rangieren bei diesen Werten, wie zu erwarten, die Themen Umwelt und Klimaschutz weit oben. Aber der Shell-Jugendstudie von 2019 zufolge gaben auch 87 Prozent der Zwölf- bis 25-Jährigen an, dass „Tugenden, wie etwa der Respekt von Gesetz und Ordnung“ für sie wichtig seien. Ebenfalls bedeutsam ist für die meisten, „fleißig und ehrgeizig zu sein“ (81 Prozent) und „nach Sicherheit zu streben“ (77 Prozent). Das klingt eher nicht nach den Charaktereigenschaften des nächsten Rio Reiser, sondern nach einer Konformität, die sogar manche Eltern mit Carport und Biotonne nicht aufbringen würden. Und: Der Wille zum Protest endet bei der Jugend offenbar spätestens am elterlichen Küchentisch. Seit 2002 verbessert sich das Verhältnis der Jugendlichen zu ihren Eltern kontinuierlich. 2019 gaben 92 Prozent von ihnen an, ein Verhältnis zu ihren Eltern zu haben, das „gut“ oder „bestens“ ist. Rund um das Jahr 1968 dürfte die (studentische) Jugend anders geantwortet haben.

Dieser Gruppe der latent Konservativen kann man sogar einen Namen geben. In der Sinus-Jugendstudie werden die Jüngeren in Milieus eingeteilt, je nach ihren Werten und politischen Einstellungen. Da gibt es die „Experimentalisten“, die ganz links stehen. Da gibt es die „Traditionell-Bürgerlichen“, die ganz rechts stehen. Die mit Abstand größte Gruppe aber ist die Gruppe der „Adaptiv-Pragmatischen“. Sie wird beschrieben als „leistungs- und familienorientiert mit hoher Anpassungsbereitschaft“. Würde man eine CDU-Politikerin fragen, ob sie sich so die ideale Wählerin vorstellt, würde sie wohl begeistert nicken. Die Jugend trägt zwar Doc Martens an den Füßen, im Herzen aber sehnt sie sich offenbar auch nach Beständigkeit. Und gerade durch die Coronakrise, in der für viele Jüngere das Barcelona-Berghain-Lebensmodell im Standby-Modus steckt, bleibt erst einmal nur noch das Klammern an Sicherheit.

All das sagt natürlich nicht zwangsläufig etwas darüber aus, ob jemand die CDU, die Grünen oder die AfD wählt. Aber es zeigt, dass die Jüngeren nun mal mehrheitlich Werte vertreten, die genau so auch in einem Wahlprogramm der Union auftauchen könnten. Das Konservative tragen sie nicht vor sich her. Aber es schlummert in ihnen wohl mehr als die Union denkt.

Dieser Großvater namens Union traut sich nicht mehr, seine Enkel zu fragen, ob er ihnen nicht ein wenig zu behäbig geworden ist

Vielleicht kommt die Ängstlichkeit vieler Konservativer vor der Jugend auch daher, dass die CDU und die CSU in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag gefeiert haben. Und wie ein 75-jähriger Großvater wirken sie dann auch, wenn es um die Jungen geht. Dieser Großvater namens Union traut sich einfach nicht mehr, seine Enkel zu fragen, ob er in ihren Augen nicht ein wenig behäbig und langsam geworden ist. Er hat Angst vor der Antwort. Dabei wäre die Chance recht hoch, dass mindestens einer von drei Enkeln antworten würde: „Opa, ich mag dich, wie du bist.“ 

Und wer weiß, vielleicht würden es sich auch die zweite Enkelin noch einmal überlegen. Wer heute 16 ist, der kam in dem Jahr auf die Welt, in dem Angela Merkel Kanzlerin geworden ist. Wer heute 16 ist, kennt keine andere Kanzlerin. Und die hat Spuren hinterlassen, die auch viele Jüngere schätzen: Da ist ihr „Wir schaffen das” aus dem Sommer 2015. Und da ist die wirtschaftliche Stabilität Deutschlands, die in den vergangenen Jahren zugenommen hat. „Junge Wähler haben den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands ganz klar mit Merkel verbunden und darum der CDU ihre Stimme gegeben“, sagte der Politikwissenschaftler Mathias Albert in einem Interview kurz vor der letzten Bundestagswahl.

Nun tritt Angela Merkel zwar im kommenden Jahr nicht mehr an als Kanzlerkandidatin. Ihre Partei aber will auch zukünftig die Kanzlerin oder den Kanzler stellen. Und so ist es irritierend, dass die Union ausgerechnet jetzt, wo die Jugend so politisiert ist wie lange nicht mehr, die Auseinandersetzung scheut. Vermutlich hätten einige dieser 16- und 17-Jährigen noch ein paar offene Wünsche, bevor sie der CDU oder CSU ihre Stimme geben würden (die Legalisierung harter Drogen, mehr Klimaschutz, bayerische Supermärkte, in denen man auch nach 20 Uhr noch eine Spezi kaufen darf). Mit Abwehrreflexen wie dem von Peter Altmaier dürfte die Union aber eher das Widerständige bei der Jugend wecken als ihren schlummernden Konservatismus.

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