"Trump könnte auch bei uns passieren"

Ein Politikwissenschaftler erklärt, warum Trump uns leider interessieren sollte.
Ein Interview von Friedemann Karig
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Collage: Katharina Bitzl / Fotos: Reuters, AP

Herr Professor Gellner, nach seinem Sieg bei den Vorwahlen in New York reden wieder alle über Donald Trump. Muss ich – als Deutscher – mich wirklich mit dem beschäftigen?

Von hier aus würde ich das Ganze momentan eher amüsiert betrachten. Als ein Beispiel dafür, wie doll es eine Mediengesellschaft wie die amerikanische treiben kann. Gott sei Dank läuft es bei uns noch anders.  

Wie wichtig sind die USA – und wer sie regiert – überhaupt noch für uns?

Wir hatten eine Phase – Mitte der Nullerjahre bis zum Anfang von Obamas erster Amtszeit 2009 – da glaubte man, Europa würde ebenbürtig werden. Aber spätestens seit Putin uns in der Ukraine offensichtlich nicht ernst nimmt, indem er nicht auf Augenhöhe verhandelt, seit Obamas Diplomatin "Fuck the EU!" sagte, ist klar: Die EU hat sich nicht als globaler Spieler etablieren können. Im Gegenteil. Sie implodiert momentan in einem atemberaubenden Tempo. Also sind die USA immer noch sehr wichtig für uns.

Und deswegen interessiert uns der amerikanische Wahlkampf schon, bevor er richtig losgeht? 

Mit Trump ist Quote zu machen, auch von den Medien hierzulande. Und eine gewisse Schadenfreude spielt auch eine Rolle: Schaut doch mal, die Amis sind endgültig verrückt geworden! Unter Obama, nach dem Frust mit George W. Bush, schwappte anfangs eine große Sympathiewelle auf. Jetzt wird alles gut, dachte man auch hier. Heute fördert Trump unseren latenten Antiamerikanismus wieder zutage. Wirklich politisch ernst nimmt ihn hier aber noch niemand.

Ist Trump denn ein reines Medien-Phänomen? Weil er das Vielfache an Aufmerksamkeit bekommt als andere Kandidaten? 

Das Interessante daran ist: In den USA pushen ihn nicht unbedingt die konservativen, verdächtigen Medien, wie FOX News und so weiter. Sondern die Liberalen, die Comedy-Shows. Trump war bei Saturday Night Live, bei Fallon, Kimmel und Colbert. Das hat er alles mit viel Selbstironie gemacht. Und diese Resistenz gegen jede Scham, die er als dickköpfiger Fünfjähriger verkörpert, dieses Clowneske, das wertet ihn medial auf. Vor allem gegen abwägende, langweilige Politiker. Trump ist – mit all seinen Peinlichkeiten, vom Haar bis zu den Sprüchen – viel unterhaltsamer. 

Wann wird es denn ernst mit ihm? 

Seine Nominierung würde das politische Gefüge der USA nachhaltig verändern. Die Republikaner könnten sich spalten. Das wäre das Ende eines Zweiparteiensystems, das seit dem Bürgerkrieg stabil ist. 

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Trump tatsächlich Präsident wird? 

Ich glaube erst einmal nicht, dass er als republikanischer Kandidat nominiert wird. Deren Establishment wird alles versuchen, ihn zu verhindern. Tritt er dann als Unabhängiger an, werden die Republikaner keine Chance haben, und der demokratische Kandidat wird gewinnen. Dass Trump von der breiten Bevölkerung zum Präsidenten gewählt wird, kann ich mir nach wie vor nicht vorstellen. 

Wie gefährlich ist Trump inhaltlich? 

Das muss man alles realistisch sehen. Das amerikanische System hat eine starke Gewaltenteilung. Selbst wenn er Präsident werden würde, hätte er es mit einem Kongress zu tun, den er erst einmal für Gesetzgebungen gewinnen müsste. Seinen radikalen Vorstößen würden da die wenigsten zustimmen. Die entspringen auch eher Umfragen. Er fordert, was ankommt, nicht, was er umsetzen würde. Nur die Mauer zu Mexiko, das wäre eine extreme, aber durchsetzbare Position. Ein Zaun steht ja schon. 

Der Boston Globe malte neulich ein düsteres Zukunftszenario mit Deportationen von Muslimen und einem teuren Handelskrieg gegen China, wenn Trump Präsident würde.

Besonders in der Außenpolitik ist es unmöglich, einfach alles auf den Kopf zu stellen. Da gibt es einen Außenminister, internationale Verträge, einen trägen diplomatischen Apparat. Dazu die großen Konzerne, die ihre Geschäfte schützen wollen. Von alldem wäre auch Trump abhängig. Und er bräuchte die Zustimmung des Senats, um Abkommen wirklich zu ändern. Mit einem Putin käme er womöglich aber prima klar.

Warum spielt er überhaupt so eine große Rolle, wenn er doch wenig Chancen hat, wirklich zu regieren?

Trump ist ein Maniac mit einem Riesen-Ego. Ich will jetzt nicht die Parallele zu Dieter Bohlen ziehen. Aber es gibt schon eine spezifische Fernseh-Persönlichkeit, die mit einer gewissen Schnoddrigkeit ankommt. Dabei ist wichtig: Er hat eigentlich alles erreicht, trotz aller Pleiten. Für ihn ist das ein riesiges Spiel. Er genießt das alles regelrecht, so wie es alte Männer gerne tun, wenn sie noch einmal auf den Putz hauen können. Das beeindruckt das Publikum. 

 

Wäre die AfD, die seinen Slogan umdichtete auf "Make Germany great again", mit einem Trump – einem halb irren, halb witzigen Freidreher – noch gefährlicher oder sogar kanzlerfähig?

Eine populistische Partei braucht natürlich immer jemanden mit einem wie auch immer geartetem Charisma. Sogar negatives Charisma ginge. Hauptsache jemand, der die Leute bewegt. Die aktuellen AfD-Führungsfiguren wie Petry oder Gauland haben dieses Appeal nicht. Wenn da ein "Heldentypus" à la Trump auftreten würde, würde das durchaus Popularität schaffen. Ich glaube nicht, dass unsere Demokratie so gefestigt ist, dass ein Trump nicht auch bei uns passieren könnte. 

Wer könnte denn bei uns so eine politische Zweit-Karriere machen?

Wir haben das Personal zum Glück nicht. Es müsste jemand aus dem seichten Kommerz-Fernsehen sein. Nach dem Muster "Bohlen", sage ich mal. So ein blonder blauäugiger "Titan", der sich ausdrücken kann, der rhetorisch geschickt ist. Der hätte sicher eine Chance. 

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