Ein Juso im Parteivorstand ist überlebenswichtig für die SPD

Kevin Kühnert ist nun Vizevorsitzender – die einzige Hoffnung, um junge Wähler*innen zu halten.
Kommentar von Johanna Roth

Kevin Kühnert bei der Bekanntgabe der Wahlergebnisse beim SPD-Bundesparteitag.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Zeiten ändern sich, und manchmal ändern sie sogar die SPD. Mit Kevin Kühnert sitzt nun zum ersten Mal ein Juso im Parteivorstand. Zeit wird’s! Und das nicht nur, weil die 80.000 Jungsozialist*innen ungefähr ein Fünftel der gesamten Partei stellen, ihr Anspruch auf einen Vertreter im Parteivorstand also nur logisch ist. SPD-Wähler*innen waren bei der letzten Bundestagswahl im Durchschnitt 52,8 Jahre alt, Tendenz – wie bei allen Parteien – steigend. Studien zeigen, dass junge Menschen in Deutschland sich von Politiker*innen zunehmend schlecht vertreten fühlen. Dabei ist die Generation Y ja durchaus politisch interessiert, sonst trüge sie weder diesen Spitznamen noch hätte man je was von „Fridays for Future“ gehört.

Politische Ämter aber werden in Deutschland von Menschen dominiert, die von der Lebenswelt der Unter-30-Jährigen wenig Ahnung haben, sich aber leider auch nicht groß dafür interessieren. Der traurige Stand der Digitalpolitik ist da nur das offensichtlichste Beispiel, auch Beschlüsse wie die Grundrente lassen häufig die Jüngeren aus dem Blick. Vor allem aber sprechen sie nicht dieselbe Sprache wie wir. Da reicht ein Blick in ein x-beliebiges Wahlprogramm der vergangenen Jahre. „Es ist Zeit für mehr Gerechtigkeit” – das stimmt natürlich, aber mit solchen Phrasen holt man nun wirklich niemanden mehr ab. Wenn Menschen sich in Zukunft noch für Politik interessieren sollen, braucht sie jüngere Vertreter*innen. Und zwar da, wo entschieden und kommuniziert wird. 

Gerade für die SPD ist das überlebenswichtig. Bei der Europawahl holte sie nicht mal zehn Prozent bei den U30-Wähler*innen, die Grünen dagegen ein knappes Drittel. Das Thema Klimakrise – was für Jüngere aus eigentlich leicht nachvollziehbaren Gründen immer wichtiger wird – hat die SPD verschlafen. Und nicht nur dieses. In der Generation unserer Eltern galt sie als Arbeiter- und Aufsteigerpartei. Aber jetzt, wo die Aufsteiger*innen angekommen und längst erwachsen sind, ist die SPD zum Klischee der Beamtenpartei geworden, unattraktiv für alle, die noch am Anfang von Leben und Beruf stehen. Dabei werden sozialdemokratische Kernthemen – Arbeit, Bildung, gleiche Chancen – gerade für junge Menschen immer wichtiger.  

Kevin Kühnert war oft der einzige SPD-Politiker, der sowohl einen Plan als auch eine klare Meinung hatte

Kevin Kühnert weiß das. In seiner Bewerbungsrede auf dem SPD-Parteitag spricht er über junge Menschen auf dem Arbeitsmarkt. Und wird laut in Richtung CDU: „Vielleicht nicht über ‘ne Dienstpflicht, sondern mal über ‘ne Ausbildungsplatzgarantie reden, Frau Kramp-Karrenbauer!” Am Ende bekommt er zwar mit 70,4 Prozent das zweitschlechteste Ergebnis, aber den lautesten Applaus von allen. Nur in der ersten Reihe sitzen Kurt Beck, Martin Schulz und Wolfgang Thierse mit verschränkten Armen und mies gelaunten Gesichtern. Die Politiker also, die es zum Teil selbst gründlich versemmelt haben, tun lieber so, als ginge sie das alles gar nichts an, anstatt sich wenigstens ein paar mal Klatschen abzuringen für eine Position, die sozialdemokratischer nicht sein könnte. Auch das zeigt, wie dringend diese Partei was an ihrem Personal ändern muss – und an dessen Umgang miteinander.

Ohne Kevin Kühnert wären schließlich auch Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans jetzt nicht die neuen Parteivorsitzenden. In seinen zwei Jahren als Juso-Chef war er oft der einzige SPD-Politiker, der sowohl einen Plan als auch eine klare Meinung dazu hatte, wenn das Festklammern an der Vernunftbeziehung mit CDU/CSU zu peinlich wurde – und sie auch öffentlich äußerte. Sowas prägt sich ein. Dass jetzt zwei eher unbekannte GroKo-Skeptiker*innen die Wahl für die Parteispitze gewonnen haben, während die große Mehrheit der SPD-Fraktion im Bundestag lieber Olaf „Weiter so” Scholz und dessen Partnerin Klara Geywitz gehabt hätte, zeigt: Einem 30-jährigen Nachwuchsstrategen stimmen offenbar mehr Leute zu als denen, die ihre Politik eigentlich umsetzen sollen.

Das wird noch spannend. Ihr Parteitagsmotto hätte die SPD dieses Mal gar nicht besser aussuchen können. Es steht hinter Kevin Kühnert an der Wand, als er seine Rede unter Standing Ovations beendet: „In eine neue Zeit.”

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