Was ist Antiziganismus?

Wie Sinti*zze und Rom*nja bis heute diskriminiert werden und was man darüber wissen sollte.
Von Caroline Kunz
antiziganismus cover

Foto: imago stock&people

Triggerwarnung: Um die Funktionsweise des Rassismus gegenüber Sinti*zze und Rom*nja zu erklären, werden in diesem Text rassistische Fremdbezeichnungen thematisiert, die retraumatisierend und verletzend sein können.

Sinti*zze und Rom*nja* sind in Deutschland weiterhin „extrem benachteiligt“, das hat eine noch unveröffentlichte Studie von RomnoKher ergeben, einer Organisation, die unter anderem Antiziganismusforschung betreibt. Zwei Drittel der Befragten haben wegen ihrer Zugehörigkeit Diskriminierung erfahren. Davon 80 Prozent auch in der Schule, der Ausbildung oder im Studium. „In der Zivilgesellschaft bekommt das Thema Antiziganismus nicht die Aufmerksamkeit, die es verdient“, sagt Elmedin Sopa im Gespräch mit jetzt. Er ist juristischer Mitarbeiter bei AmaroForo e.V., einer Jugendorganisation von Rom*nja und Nicht-Rom*nja in Berlin.

Dass viele Menschen nicht über Antiziganismus Bescheid wissen, zeigt sich für Elmedin, der selbst kein Rom ist, auch an der WDR-Sendung „Die letzte Instanz“. Dort diskutierten vier weiße Personen über Rassismus und erlaubten sich ein Urteil über richtig und falsch. Bei der Frage, ob die Bezeichnung für eine rassistisch benannte Paprikasauce abgeschafft werden solle, stimmten alle mit Nein ab.

Zum ersten Mal wurde die Sendung im November 2020 ausgestrahlt, erst die Wiederholung Ende Januar erntete massive Kritik. „Dass seit der ersten Ausstrahlung niemandem beim WDR aufgefallen ist, dass es nicht okay ist, über statt mit Menschen zu sprechen, kann ich nicht verstehen. Wie oft müssen sich Redaktionen entschuldigen, bis sie anerkennen, dass es in ihren eigenen Reihen Handlungsbedarf gibt?“, so Elmedin.

Auf die Frage, ob Menschen zu schlecht über Antiziganismus informiert sind, antwortet er: „Ich würde sogar einen Schritt zurück gehen und behaupten, dass viele nicht wissen, was Antiziganismus ist.“

Was ist Antiziganismus?

„Antiziganismus“ beschreibt den Rassismus gegenüber jenen, denen die rassistische Kategorisierung „Z*******“ zugeschrieben wird. Das mag paradox scheinen, weil der Begriff das kritisierte Wort im Namen trägt und diese rassistische Bezeichnung dadurch fortschreibt. Alternativen zu „Antiziganismus“ wären „Antiromaismus“ oder „Gadjé-Rassismus“. Antiromaismus lehnen viele ab, weil es die, die fälschlich den Rom*nja zugeordnet werden, von der Gruppe der Betroffenen ausschließt. Das Wort „Gadjé“ kommt aus dem Romanes – der Sprache der Rom*nja und Sinti*zze – und bezeichnet Nicht-Rom*nja. „Gadjé-Rassismus“ steht also für einen Rassismus, der von Nicht-Rom*nja ausgeht. „Gadjé-Rassismus halten wir für pauschalisierend und daher völlig verfehlt“, sagt Herbert Heuß, wissenschaftlicher Leiter des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma im Gespräch mit jetzt. Schließlich habe nicht jede*r Nicht-Rom*nja rassistische Vorurteile gegenüber Sinti*zze und Rom*nja. Der Zentralrat spricht sich daher für den Begriff „Antiziganismus“ aus. Unter den Betroffenen gibt es aber verschiedene Meinungen.

Das Z-Wort

Die rassistische Fremdbezeichnung für Sinti*zze und Rom*nja* geht zurück auf das altgriechische Wort „Athinganoi“. Das bedeutet „die Unberührbaren“. Wie genau sich diese Bezeichnung ergeben hat, ist unklar. Ab dem 16. Jahrhundert setzte sich die Auffassung durch, sie stamme vom Wort „Ziehgauner“ ab. Bis heute wird sie zur Degradierung und Unterdrückung von Sinti*zze, Rom*nja und anderen Gruppen wie den Irish Travellers, den niederländischen woonwagenbewoners oder den Jenischen, die überwiegend in Süddeutschland leben, genutzt. Sie alle werden unter diesem Begriff zu einer scheinbar einheitlichen Masse gemacht. Ähnlich wie beim N-Wort, das zur Unterdrückung und Diskriminierung von Schwarzen Menschen genutzt wurde, sollte Konsens sein, den Begriff wenn nur noch in seinem historischen Kontext zu benutzen.

Viele versuchen, die rassistische Bezeichnung zu vermeiden, indem sie sie als „Z-Wort“ abkürzen. Das ist laut Herbert Heuß nicht die Lösung. „Das ‚Z-Wort‘ finde ich äußerst schwierig, weil das auch der Buchstabe war, der den KZ-Häftlingen tätowiert wurde“, sagt Herbert Heuß. Er findet, die negativen Zuschreibungen seien nicht an die Bezeichnung gebunden, sondern würden einfach auf neue Begriffe übertragen.

Zur Namensdebatte über Soße und Schnitzel sagt Herbert Heuß: „Wir als Zentralrat halten diese Diskussion für verfehlt, weil sie von den wichtigen Dingen ablenkt. Bald ist der Jahrestag des Anschlags in Hanau. Dazu steht doch eine Soße in keinem Verhältnis. Schlimmer noch, dadurch wird der spezifische Rassismus gegen Sinti und Roma ins Lächerliche gezogen.“ Sprachpolitik allein sei nicht das Heilmittel gegen Rassismus.

Von der Einwanderung zum Genozid

Die ersten Sinti*zze und Rom*nja wanderten zwischen dem 7. und dem 13. Jahrhundert aus dem heutigen Indien nach Europa ein. 1498 wurden sie vom Freiburger Reichstag aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation verbannt. Sie galten durch das Gesetz als vogelfrei und staatenlos – dadurch konnten sie ohne Konsequenzen ermordet werden und hatten keine Rechte. Die Diskriminierung von Sinti*zze und Rom*nja begann also nicht mit Hitlers Machtübernahme, sondern viel früher. 

Während der NS-Herrschaft wurden Sinti*zze und Rom*nja systematisch und grausam unterdrückt, ausgegrenzt, verfolgt und ermordet. Das rechtfertigten die Nationalsozialisten mit ihrer pseudowissenschaftlichen „Rassenforschung“. Sie ermordeten insgesamt 220 000 bis 500 000 Sinti*zze und Rom*nja.

Und heute?

„Bei der Erinnerungskultur an die Ermordung von Sinti und Roma während der NS-Zeit fehlt mir, dass es um einen Genozid geht“, sagt Elmedin von AmaroForo. Die Verbrechen an Sinti*zze und Rom*nja hat die Bundesregierung erst 1982 als Völkermord anerkannt. 2012 – ganze 30 Jahre später – weihte Angela Merkel das Denkmal für die während des Nationalsozialismus ermordeten Sinti*zze und Rom*nja in Berlin ein.

In Deutschland leben ungefähr 80 000 bis 140 000 Sinti*zze und Rom*nja. In der EU sind es schätzungsweise 10 bis 12 Millionen. Damit sind sie die größte ethnische Minderheit in Europa. Besonders in Südosteuropa leben sie von der Gesellschaft ausgegrenzt in Armut. Im März 2020 wurden Rom*nja in Bulgarien dafür verantwortlich gemacht, das Corona-Virus eingeschleppt zu haben. Laut Berichten des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma wurden daraufhin mehrere Rom*nja-Stadtviertel abgeriegelt. 

Die antiziganistischen Fälle, die Elmedin bei AmaroForo sammelt, fallen unter anderem in die Kategorie Bildung. Wie auch die Studie von RomnoKher zeigt, werden viele Sinti*zze und Rom*nja in der Schule gemobbt und von Lehrer*innen sowie Institutionen diskriminiert. „Eine Familie wollte ihre Kinder einschulen. Dann wurden sie einer Schule zugeteilt, die eineinhalb Stunden entfernt war. Auf die Nachfrage, wie das sein kann, kam: ‚Ihr arbeitet eh nicht, dann könnt ihr die Kinder da auch hinfahren‘“, erzählt er. 

Elmedin spricht aber auch von Erfolgen: Der Verein sei in gutem Kontakt mit den Berliner Bezirken, um die Situation von Sinti*zze und Rom*nja dort kontinuierlich zu verbessern. „Genau um diesen Austausch mit der Politik geht es mir: Zusammen an Verbesserungen arbeiten.“ Außerdem brauche es explizit auch die Solidarität und Unterstützung derer, die nicht selbst betroffen sind oder sein müssen. „Es ist gut, Verbündete zu haben, Menschen zu empowern und ihnen unterstützend zur Seite zu stehen.“

*Die Wörter „Roma“ und „Sinti“ stehen beide in der männlichen Form im Plural. Die weiblichen Formen im Plural lauten „Romnja“ und „Sintizze“. Daraus ergibt sich die Schreibweise Rom*nja und Sinti*zze.

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