„Wir müssen das weiße Schweigen beenden“

Im Kampf gegen Rassismus sind auch Weiße gefragt, doch wie engagiert man sich am besten? Ein Gespräch mit der Organisation „Showing up for racial justice“.
Interview von Lara Wiedeking
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Foto: Clay Banks / Unsplash

Hilary Moore engagiert sich bei „Showing Up For Racial Justice“  (SURJ) und schreibt seit zehn Jahren über Anti-Rassismus und soziale Bewegungen. Moore ist Co-Autorin des Buches „No Facist USA!“. Bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung veröffentlichte sie vor kurzem „Burning Earth, Changing Europe: How the Racist Right Exploits the Climate Crisis–And What We Can Do About It“.

interview surj hilary moore fliesstext

Foto: Privat

jetzt: Was genau ist das Ziel von „Showing up for racial justice“?

Hilary Moore: Wir sind Teil einer größeren Bewegung, die sich für eine antirassistische Gesellschaft einsetzt. Vor allem beim Kampf gegen Rassismus ist es unsere Aufgabe, „White Supremacy“, also die Vorherrschaft der Weißen, zu untergraben. Dabei geht es uns nicht nur darum, dass weiße Menschen Schwarze Menschen und People of Colour (PoC) in ihren Kämpfen unterstützen. Es ist auch im Interesse der weißen Bevölkerung, „White Supremacy“ zu beenden. Unsere Wirtschaft, unser Gesundheitssystem, oder auch das Bildungssystem, all diese Institutionen sind davon geprägt und sorgen für die Aufrechterhaltung der Ungerechtigkeit. Deshalb müssen sich so viele weiße Menschen wie möglich für Anti-Rassismus engagieren. Denn wenn wir diese Vorherrschaft beenden, werden wir eine gerechtere Gesellschaft für alle haben. 

Also sucht ihr euch andere Organisationen, zum Beispiel von Afro-Amerikaner*innen oder People of Colour, und unterstützt dann deren Arbeit?

Nicht ganz. Wir suchen Organisationen, die sich gegen ähnliche soziale und strukturelle Probleme wie wir einsetzen und dagegen vorgehen. Zum Beispiel dafür, dass die massenhafte Inhaftierung, die ja überproportional Schwarze und People of Colour betrifft, enden muss. Wir mobilisieren dann die weiße Bevölkerung, sich für diese Dinge stark zu machen und einzusetzen.

Hast du da konkrete Beispiele, was ihr jetzt in den letzten Wochen unternommen habt?

Besonders jetzt, während der Covid19-Pandemie, hat SURJ sich dafür eingesetzt, dass Menschen aus den Gefängnissen entlassen werden. Das ganze Rechtssystem nimmt überproportional Schwarze und PoC ins Visier. Viele der Insass*innen sitzen wegen kleiner Vergehen. Also haben wir uns mit anderen Organisationen zusammengetan und als Teil der landesweiten Kampagne #Freethemall gefordert, dass möglichst viele Personen aus den Gefängnissen rauskommen. Eine Erkrankung im Gefängnis wäre einem Todesurteil gleichgekommen. Unser Verband in Los Angeles hat somit vor allem Menschen aus dem Gefängnis geholt, die auf ihre Verhandlung gewartet haben. Insgesamt hat der Sheriff dort 5000 Gefangene entlassen. In New Mexico, wo unser Verband aus Albuquerque mitgewirkt hat, wurde gut ein Drittel der Insassen entlassen. Wir Weißen müssen bei diesen Diskussionen sichtbar sein, uns einsetzen – das weiße Schweigen muss aufhören. 

Was ratet ihr Weißen, die ihr Privileg erkannt haben und nun mehr tun wollen?

Wir sagen den Leuten in den USA, sie sollen rausgehen, protestieren, den eigenen Körper riskieren und als Barriere zwischen der Polizei und Schwarzen Demonstrierenden fungieren. Wir sagen: Geht zu eurer Polizeistation mit Protestschildern, auf denen zum Beispiel „Weißes Schweigen beenden“ steht und bringt so viele andere Weiße mit, wie ihr könnt. 

Also konkret gegen die Polizei protestieren?

Jetzt ist die Zeit, unsere Empörung gegenüber der Polizei hörbar zu machen: Die Polizei bringt Schwarze Menschen um und greift Protestierende an. Wir müssen die Aufmerksamkeit auf den Schmerz und die Wut der Demonstrierenden richten. Die Polizei eskaliert die Situation, es gibt viele Beispiele: Videos, auf denen man sieht, wie die Polizei bei den Demos Gewalt anwendet. Wenn die Polizei in voller Montur anrückt, dann werden die Proteste gefährlicher. Wenn die Polizei Tränengas einsetzt oder ihre Waffen benutzt, wird die Stimmung angespannter. Respektiert den Ärger der Schwarzen, die verschiedenen Strategien, die sie jetzt verfolgen und verurteilt das nicht. Allen, die jetzt die Proteste und das Verhalten der Menschen kritisieren, sagen wir: Atmet einmal tief durch, räumt euer Unbehagen beiseite und wendet eure Empörung gegen das rassistische System, in dem wir leben – und das wir ändern müssen. 

Wie steht ihr denn dazu, wenn am Rande der Proteste randaliert wird und es zu Ausschreitungen und Gewalt kommt?

Wir wertschätzen Schwarze Leben mehr als Eigentum. Es ist eine falsche Darstellung und auch eine politische Entscheidung zu sagen, die Proteste seien gewalttätig. Und eine gefährliche Entscheidung noch dazu, die leider immer mehr Anklang findet. Wir müssen erkennen, dass die echte Gewalt von den Kräften kommt, die von der Schwarzen Gemeinschaft, Indigenen  und People of Color bekämpft werden. Wenn Eigentum uns wichtiger ist als das menschliche Leben, entschuldigen wir damit, dass die Polizei immer mehr militarisiert wird. Dass das Budget von Polizeibehörden das von Schulen, Krankenhäusern oder Bibliotheken übersteigt. Die wahren Plünderer sind nicht diejenigen, die gegen die weiße Vorherrschaft protestieren, sondern zum Beispiel die Firmen, die trotz der Corona-Pandemie zusätzliche Gewinne in Milliardenhöhe eingestrichen haben, während sich gut 40 Millionen Menschen in den USA seit Beginn der Pandemie arbeitslos gemeldet haben. Wenn uns Eigentum wichtiger ist als Menschenleben, erlauben wir den Einrichtungen, weiter ihren Rassismus gegen Schwarze zu betreiben. Im Moment sind weiße Leben mehr wert als nicht-weiße Leben. Das ist die Gewalt. Darum unterstützen wir die Menschen, die ihre Freiheit riskieren und ihren eigenen Körper riskieren, um sich gegen die weiße Vorherrschaft zu wehren.

Aber während der Proteste kam es ja auch zur Plünderung von Geschäften, Eigentum wurde zerstört – auch davon gibt es ja Videos. Sollten solche Handlungen also auch nicht verurteilt werden?

Gebäude können wieder aufgebaut werden – aber Menschen können nicht von den Toten auferstehen. Darum appelliere ich an jeden weißen Menschen in den USA und in Deutschland: Lasst euch bewegen von den Forderungen der Schwarzen Menschen, die um ihr Leben kämpfen. Diskussionen um „Sachbeschädigung“ oder „Plünderungen“ werden genutzt, um uns zu spalten, anstatt eine kraftvolle, anti-rassistische Bewegung  aufzubauen. Weiße Menschen, die einen Beitrag leisten wollen, müssen jetzt die wahren Plünderer stellen – die Leben stehlen durch rassistische Übergriffe und polizeiliche Gewalt.

Und wenn ich nicht protestieren gehen kann – vielleicht, weil ich auf meine Kinder aufpassen muss oder weil es mir gesundheitlich nicht möglich ist?

Wir sind natürlich sehr dankbar für die Tausenden von Menschen, die derzeit auf die Straße gehen. Aber klar, das ist nur eine Art zu helfen. Wer nicht rausgehen kann, kann zum Beispiel an Organisationen spenden, die an vorderster Front aktiv sind und diese Ressourcen dahin verteilen können, wo sie dringend gebraucht werden. Aber auch im Alltag kann man was tun: Wenn du gerade Home Schooling machen musst, was lesen deine Kinder zur Zeit? Wie bringst du ihnen bei, Schwarze Menschen zu schätzen, oder die Dinge mal aus einer völlig anderen Perspektive zu betrachten?

Was sind denn typische Fehler, die Weiße machen, wenn sie eigentlich helfen wollen?

Wir müssen immer wieder drauf zurückkommen, dass wir ein gemeinsames Interesse daran haben, eine gerechtere, anti-rassistische Gesellschaft zu haben. Es geht also nicht nur unbedingt darum, wie ich helfen kann – sondern was ich tun kann, um gegen institutionellen Rassismus vorzugehen. Wir als Weiße nicken diesen Rassismus nämlich ab, entweder explizit oder implizit durch unsere Tatenlosigkeit. Das zeigt sich auch darin, dass wir Weißen es oft nicht schaffen, mit unseren weißen Forderungen einen Schritt zurückzugehen und die Forderungen und sozialen Kämpfe von Schwarzen und PoC in unserem Engagement in den Vordergrund zu stellen.

Tatsächlich scheint es bei den aktuellen Protesten ja auch immer mehr Stimmen von Weißen zu geben, die sich für Anti-Rassismus stark machen, oder Dinge auf Social Media posten. Der #blackouttuesday ist vielleicht ein gutes Beispiel. Einige fanden die Aktion gut, aber es gab auch viel Kritik. Was tue ich jetzt also, wenn ich mir als Weiße*r nicht sicher bin, was ich tun soll?

Derzeit passiert so viel, es ist total verständlich, dass manche Menschen überfordert oder ohnmächtig sind. Als weiße Person muss ich nach einer Schwarzen oder PoC-Organisation suchen, die klare Forderungen aufstellt. Sei es lokal oder landesweit, wie in den USA beispielsweise „The movement for Black lives“, also die Bewegung für Schwarze Leben. Dort gibt es Schwarze Aktivist*innen, die sich seit Jahren und oft schon Jahrzehnten engagieren. Anstatt also zu warten, dass Schwarze Personen mir Handlungsanweisungen geben, sollten wir selbst aktiv werden: uns  auf die Schwarzen Aktivist*innen konzentrieren, die an vorderster Front stehen. Diejenigen, die eine Vision haben. Dabei geht es nicht nur darum, deren Forderungen anzuerkennen, sondern auch darum, uns wirklich gemeinsam für die Forderungen aus der Schwarzen Community einzusetzen.

Was könnte eine solche Forderung sein?

Eine Forderung ist es, der Polizei die Finanzierung zu entziehen. Lasst uns ernsthaft diese Unterhaltung führen. Und diese Forderung gilt es dann möglichst weit zu verbreiten. Lasst uns sicherstellen, dass unsere Wut sich auf die Gewalttätigkeit der Polizei richtet. George Floyd ist nicht der erste Schwarze Mann, der von der Polizei umgebracht wurde. 2009 starb Oscar Grant, und es gibt so viele andere. Es passiert seit Jahrzehnten, eigentlich seit Jahrhunderten und wir machen immer wieder die Erfahrung, dass es nicht die Polizei ist, die uns schützt. 

Das klingt erstmal recht radikal – wie soll das denn funktionieren, der Polizei also einen großen Teil ihrer finanziellen Mittel zu nehmen?

Das, was wir grade erleben, wie die Polizei gegenüber Schwarzen handelt, ist ja genau das, wofür sie geschaffen wurde. Es sind nicht nur ein paar faule Äpfel, die es auszusortieren gilt. Überwachung, Bestrafung – eine Art Verwaltung von PoC. In Minneapolis hat die Polizei ja Deeskalations- und Achtsamkeits-Seminare abgehalten, sie haben versucht, ihre Kultur zu verändern. Aber es hat nicht funktioniert, nichts davon hat den Tod von George Floyd verhindert. Es ist nicht Polizei, die für Sicherheit sorgt.

Und was könnte eurer Meinung nach dann anstelle der Polizei rücken?

Da gibt es viele Möglichkeiten. Die Polizei wird häufig gerufen, um Situationen zu deeskalieren – solche Streitigkeiten deeskalieren können wir doch innerhalb unserer Gemeinschaft auch selber. Die Menschen sind dann sicher, wenn ihre Grundbedürfnisse erfüllt sind: ein Zuhause, gute Jobs, sauberes Wasser, gesundes Essen. Und innerhalb unserer Gemeinschaft können wir auf Krisen reagieren, unsere Gemeinschaft stärken und Werte definieren und Praktiken lernen, wie transformative Gerechtigkeit. Was viele auch nicht wissen: Die erste Form der Polizei in den USA waren Weiße, die von Plantagen-Besitzern bezahlt wurden, um entflohene Sklav*innen einzufangen und zurückzubringen. Das ist unser Erbe, damit haben wir es zu tun – diese Idee, dass manche Leben mehr wert sind als andere. Nicht nur in den USA, sondern auch weltweit.

Du lebst ja derzeit in Berlin – gibt es Ähnlichkeiten zwischen Deutschland und den USA? Natürlich gibt es jede Menge Unterschiede - aber eben auch herausstechende Gemeinsamkeiten: Aus meiner Sicht haben wir weder in den USA, noch Deutschland, unsere Geschichte der Kolonialisierung richtig aufgearbeitet und anerkannt. Wir verdrängen weiterhin, dass antischwarzer Rassismus die Währung ist, mit der unsere Länder seit Jahrhunderten handeln, die uns Wohlstand verschafft hat und unseren Glauben geprägt hat, wer wir sind. Eine weitere Gemeinsamkeit und Form des strukturellen Rassismus ist: Auch in Deutschland sterben Schwarze und PoC durch Polizeigewalt, wie Oury Jalloh. Zusätzlich ist es in beiden Ländern eine große Lernaufgabe, als weiße, anti-rassistische soziale Bewegung unsere Forderungen und Aktionsformen in den Hintergrund zu stellen, um tatsächlich die Forderungen Schwarzen Aktivist*innen in den Vordergrund zu stellen.  

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