„Die Gefahr eines Krieges ist so nah wie nie“

Wir haben mit jungen Menschen, die Familie in Iran haben, über die Lage in der Region gesprochen.
Protokolle von Nora Pauelsen und Caroline Kunz

Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

Nach dem Tod des iranischen Generals Qassim Soleimani und dem nachfolgenden Vergeltungsschlag Irans befürchten viele, dass der Konflikt zwischen Iran und den USA weiter eskalieren wird. US-Präsident Donald Trump kündigte zwar keine militärische Reaktion an, aber härtere Sanktionen. Über diese Situation haben wir mit vier jungen Menschen gesprochen, die iranische Wurzeln haben. Sie selbst leben inzwischen alle in Europa. Sorgen machen sie sich vor allem um ihre Familien und Freund*innen, die noch immer in der Region Zuhause sind.

Iran spricht vor allem eine militärische Sprache

Foto: privat

Nico, 23, studiert Biomedizin in Maastricht und Amsterdam, sein Vater kommt aus Iran, seine Mutter ist Deutsche. Nico war schon öfter in Iran, er hat viele Verwandte dort.

„Ich habe Angst um meine iranische Familie. Mein Vater ist Iraner. Er besucht gerade Verwandte in Kerman, wo der Großteil meiner Familie herkommt. Das ist die Stadt, in der die Beisetzung des Offiziers Soleimani stattfand. Bei der Trauerfeier ist eine Massenpanik ausgebrochen. Ich habe mir große Sorgen gemacht, meine Verwandten konnten mich aber ein wenig beruhigen. Sie haben das Haus nicht verlassen und öffentliche Plätze gemieden. 

Der Angriff auf die US-Militärbasis war zu erwarten – Iran spricht vor allem eine militärische Sprache, beantwortet Gewalt mit Gewalt. Sie sollte aber nie eine Antwort sein. Ich hoffe, dass der Angriff der letzte war. Ich glaube aber, dass die USA mit noch härteren Sanktionen reagieren wird und fürchte, dass der Alltag für meine Verwandten so noch schwerer wird. Sie leiden jetzt schon sehr unter der wirtschaftlichen Situation – die Sanktionen haben dazu geführt, dass die Preise enorm gestiegen sind. Grundnahrungsmittel sind jetzt viel teurer als noch vor ein paar Jahren, viele junge Menschen sind arbeitslos. Meine Cousine findet trotz Universitätsabschluss keine Anstellung. Entweder findet man keinen Job oder hat Angst, seinen jetzigen zu verlieren. Durch die Probleme, die die Regierungen miteinander haben, leiden immer erst die einfachen Leute. 

Klar ist jetzt die Angst vor militärischen Auseinandersetzungen wieder groß, aber so war es auch im Sommer 2019, als der iranische Präsident Rohani den USA mit einer Blockade der Ölexport-Routen drohte und Trump twitterte, dass Konsequenzen folgen werden. Einen US-Militärschlag gegen iranische Ziele sagte er nur zehn Minuten vor der geplanten Aktion ab. Im Hintergrund schwingt die Angst vor einem Krieg immer mit. Im Vordergrund sind die Schwierigkeiten im Alltag relevanter.

Ich frage meine Verwandten nicht direkt nach ihrer politischen Meinung. Meine Angst ist zu groß, dass ich sie dadurch in Gefahr bringen könnte. Das Internet wird schließlich in Iran überwacht. Besuchen kann ich meine Familie dort auch nicht mehr. Da ich einen iranischen Pass habe, mache ich mir außerdem Sorgen, dass ich in der angespannten Situation zum Militärdienst eingezogen werden könnte.“

„Gedanklich bin ich die ganze Zeit in Iran

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Azadeh, 35, studiert an der Universität zu Köln Islamwissenschaft mit Schwerpunkt Iran. Sie ist in Iran geboren, in Deutschland aufgewachsen und versteht sich als Iranerin.

„Ich lebe in zwei Welten gleichzeitig. Physisch bin ich in Deutschland und habe meinen Alltag, gedanklich bin ich die ganze Zeit in Iran. In diesem Zustand versuche ich mein Leben zu meistern, aber das nimmt mich psychisch sehr mit. Ich kann nicht mehr unbeschwert Spaß haben, weil ich in meiner Freizeit nur noch die Nachrichten verfolge. Ich höre schon lange keine guten Neuigkeiten mehr von dort. Aber damit muss ich leben.

Ich habe eine große Familie in Iran. Seit die USA 2018 aus dem Atomabkommen ausgetreten ist, ist dieser Konflikt eine Sorge für uns. Wir haben gelernt, damit zu leben. Die Gefahr eines Krieges ist nun aber so nah wie nie, auch wenn sich die Lage ein bisschen beruhigt hat. Wenn ich in Iran bin, beobachte ich die Stimmung dort sehr genau. Man spürt die Angst der Leute im Alltag nicht direkt, sondern muss genau hinhören. Ich versuche herauszufinden, was die Menschen, die nicht wirklich frei sprechen können, über ihre Lage zu erzählen haben. Die wirtschaftliche Not ist offensichtlicher. Unsicherheit und Angst bestimmen das Alltagsleben, aber die Iraner*innen schaffen es trotzdem, ihren Alltag zu meistern, oft mit viel Humor. 

Mein Studium der Islamwissenschaft hilft mir dabei, mich nicht in Emotionen zu verlieren. Es hat mir den Ansporn gegeben, mich an Analysen und Berichten von Expert*innen festzuhalten. Dadurch kann ich die Sache analytisch betrachten und sehen, was Auswege sein könnten. Meine Hoffnung liegt spätestens seit den Protesten im vergangenen November bei allen gesellschaftlichen Gruppen, von Lehrer*innen über Künstler*innen bis hin zu Sportler*innen, die an die Machthabenden appellieren, an die Bevölkerung Irans zu denken anstatt an sich selbst. Außerdem glaube ich an die Jugend und jene, die trotz der Gefahr, verhaftet zu werden, für ihre Rechte einstehen.“

„Das Regime muss vom iranischen Volk gestürzt werden, das ist die einzige Lösung“

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Ali, 33, ist Iraner und studiert Iranistik im Master in Marburg.

„Schon mein ganzes Leben lang habe ich Angst, dass ein Krieg ausbricht. Das ist nichts Neues – seit 40 Jahren gibt es diese Gefahr. Meine iranischen Freunde fühlen das auch. Jeden Morgen, wenn sie aufstehen, hören sie von einem neuen Ereignis, das die Lage verschlimmert. Es wird immer wieder gegen das Regime demonstriert. Die Proteste werden brutal unterdrückt. Dann sind die jungen Leute enttäuscht. Nach zwei, drei Monaten gibt es wieder eine neue Welle von Demonstrationen, die dann auch wieder unterdrückt werden. Das ist ein Teufelskreis.

Ich habe auch demonstriert, trotz der Gefahr. Bei der jungen Generation herrscht Hoffnungslosigkeit. Die wirtschaftliche und sozialpolitische Lage wird von Tag zu Tag schlimmer, es gibt keine Aussicht auf Besserung. Das Regime muss vom iranischen Volk gestürzt werden, das ist die einzige Lösung. Denn wir brauchen eine nicht-religiöse, demokratische Regierung.  

Die Anhänger des iranischen Regimes in der Bevölkerung haben erwartet, dass nach dem Tod von Soleimani eine Rachezug kommt. Deswegen war mit dem Anschlag auf die Militärbasis im Irak zu rechnen. Ich glaube aber, es gibt keinen Grund für eine weitere Reaktion der USA, da es dabei keine Opfer gab.“

„Ich hoffe, dass sich die beiden Nationen in naher Zukunft noch mal an einen Tisch setzen“

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Roschan, 26, studiert VWL in Wien. Seine Eltern und sein Bruder sind 1990 von Iran nach Deutschland ausgewandert, er selbst ist in Deutschland geboren.

„Klar habe ich jetzt Angst vor einem Krieg. Vor einem Weltkrieg vielleicht noch nicht, aber vor einem Krieg zwischen Iran und den USA auf jeden Fall. Die Angst ist schon länger da. Seit die USA aus dem Atomabkommen ausgestiegen sind, hat sich das ohnehin schon vorbelastete Verhältnis noch weiter verschlechtert. Die Ermordung Soleimanis und der Angriff auf die US-Basen waren jetzt noch mal eine andere Stufe, aber die Situation ist schon länger sehr kritisch. Das Schlimmste, was jetzt passieren kann, ist, dass es sich mit jeder weiteren Aktion noch weiter hochschaukelt. Es hat mich nicht wirklich überrascht, dass die US-Stützpunkte angegriffen worden sind. Schließlich hat der Iran angekündigt, dass er sich rächen will. Die Situation für die Menschen vor Ort ist dadurch aber sicher nicht besser geworden.

Ein Teil meiner Verwandtschaft wohnt in Teheran. Daher weiß ich, dass es den Menschen in Iran schon länger schlecht geht – nicht erst seit den kürzlichen Ereignissen. Die Sanktionen gegen das Land belasten dort die allermeisten sehr und dadurch bekomme ich die Stimmung mit, obwohl ich hier lebe. Ich mache mir große Sorgen um meine Familie. In Anbetracht der politischen Lage hab ich aber kein gutes Gefühl dabei, dorthin zu reisen, weil ich nicht einschätzen kann, was als Nächstes passieren wird.

Es ist egal, ob der Konflikt in Iran oder im Irak ausgetragen wird – es ist überall gleich schlimm. Ich finde, dass Racheaktionen – egal von welcher Seite – niemanden weiterbringen und alles andere als Frieden herbeiführen. Im Moment sieht ja alles sehr perspektivlos aus, aber ich hoffe, dass sich die beiden Nationen in naher Zukunft noch mal an einen Tisch setzen. Es fällt mir aber gerade sehr schwer, Hoffnung zu haben.“

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