Wenn Religion jungen Frauen die Sexualität raubt

Clara hat einen christlichen Hintergrund, Belda einen muslimischen. Für beide war der Jungfräulichkeitskult schädlich.
Von Ronja Ebeling
jungfraeulichkeit schloss cover

Illustration: FDE / jetzt

Als Belda* im Alter von elf Jahren mit zittrigen Knien auf dem Fünfmetersprungbrett stand und in die Tiefe schaute, raste ihr Herz aus zwei Gründen: Höhenangst und die Vorstellung, dass sie auf der harten Wasseroberfläche falsch landen und dadurch ihre Jungfräulichkeit verlieren könnte. Davor hatte ihre Mutter sie noch gewarnt. Ihre Schwestern hatten ihr sogar gesagt, sie könne sterben, wenn sie in der Hochzeitsnacht nicht blute. Das Kind sprang trotzdem. Als Belda aus dem Becken kletterte, kontrollierte sie, ob sie Blut in der Badehose hatte. Erleichterung: Sie war wohl noch Jungfrau. Heute ist sie Anfang 20, sie hat keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie und die Erinnerung an ihre damaligen Ängste machen sie wütend. Es seien keine Ängste, die ein Kind haben sollte.

„Der Jungfräulichkeitskult ist eine soziale, kulturelle und traditionelle, schädliche Praktik. Religionen sind meist tradierte Überlieferungen der Vergangenheit, in denen die Frau als Untergeordnete wahrgenommen wird“, erklärt Anu Sivaganesan, Präsidentin und Juristin der Schweizer „Fachstelle für Zwangsheirat – Kompetenzzentrum des Bundes“. Dass fast ausschließlich die Jungfräulichkeit der Frau thematisiert werde, begründe sich mit der traditionellen Vormachtstellung des Mannes in vielen Religionen, ganz gleich, ob sie monotheistisch oder polytheistische sind.

Belda ist Kurdin und in ihrem neunten Lebensjahr mit ihrer Familie aus der Türkei in die Schweiz geflohen. Sie wusste damals längst, dass Jungs ein Tabu für sie waren. Aber als sie beobachtete, wie der Leiter des Asylheimes einen Abschiedskuss von seiner Frau bekam, hatte sie sich gefragt, wie sich das wohl anfühle. Wenig später tanzte Belda bei einem Fest im Heim mit einem Jungen. Ihre Mutter beschimpfte die Neunjährige als Hure. Sie sollte doch aufpassen, was sie zwischen ihre Beine lässt. „Begriffe wie Scham, Schuld, Sünde und Schande werden im sexuellen Kontext genutzt, um Frauen zu sekundären Gesellschaftswesen zu degradieren“, erklärt Anu Sivaganesan. Beldas Mutter sah zum Glück nicht, wie sie dem Jungen zum Abschied einen Kuss gab. „Schläge und Beschimpfungen haben mich eingeschüchtert, aber sie haben mich nie abgehalten“, sagt Belda heute.

„Weil du eine Frau bist!“

Im Teenageralter besuchte sie mit der Schulklasse eine Frauenärztin. Diese erklärte, dass nur eine Minderheit der Frauen beim ersten Geschlechtsverkehr blute. Belda lernte, dass Tampons bedenkenlos benutzt werden dürfen und dass das Jungfernhäutchen ein Mythos sei. Es existiere faktisch nicht. Vielmehr sei es ein dehnbarer Schleimhautkranz, der von Person zu Person sehr unterschiedlich sei. „Westlicher Schwachsinn“, entgegnete eine ihrer Schwestern später. Belda wurde kritisch. „Wir sind fünf Schwestern, die geschlagen werden, wenn ein Mann uns nur anguckt und begrüßt. Uns wird die Schuld gegeben, als hätten wir es provoziert. Unser Bruder darf aber alles tun, was er will. Warum?“, fragte sie mutig. „Weil du eine Frau bist“, hieß es. Wenn sich zwei Menschen im Fernsehen küssten, wurde der Sender gewechselt. Die Mädchen sollten es nicht sehen. „Warum?“, fragte Belda wieder. „Weil du eine Frau bist“, hieß es.

Sie wollte es aber sehen. Belda schaute heimlich Pornos und lernte ihren eigenen Körper kennen. „Tabuisierung führt auch immer zu Tabubrüchen“, sagt die Expertin. Wenn die sexuelle Aufklärung ausschließlich auf Pornos basiere, fehle die Sozialisation. Das könne zu einer Unter- oder Übersexualisierung führen. „Von meinen Freundinnen wusste ich, dass Sex etwas Schönes ist“, erinnert sich Belda heute. Mittlerweile wisse sie das auch aus eigener Erfahrung, aber die Tabuisierung habe sie nachhaltig geprägt: „Wie soll ich ein gutes Verhältnis zu meinem Körper haben, wenn er jahrelang anderen gehörte?“

Mit Hilfe der „Fachstelle Zwangsheirat“ konnte Belda kurz nach ihrem 18. Geburtstag fliehen

Damals war ihre Jungfräulichkeit ihr kostbarstes Gut. Deshalb war es auch ein Geschäft, als sie ihrem Cousin in der Türkei versprochen wurde, damit auch er eines Tages in die Schweiz ziehen konnte. Die Expertin beschreibt es als „Win-Win-Situation“ für die Eltern, denn die frühe Verheiratung kaschiere den „Gesichtsverlust“ durch ihre subversive Tochter: „Speziell die Heirat unter Verwandten dient der Aufrechterhaltung traditioneller Praktiken.“ Beldas Mutter hatte klare Vorstellungen: Die Männer ihrer Töchter sollten gebildet sein. Für die drei Ältesten wählte sie Lehrer und einen Architekten. Für die zwei Jüngeren hatte sie Mediziner im Kopf. „Spinnt ihr?“, entgegnete Belda, als sie von den Plänen erfuhr.

„Wir mussten kein Kopftuch tragen, nicht fasten oder fünfmal am Tag beten. Meine Familie war in religiöser Hinsicht sehr offen, aber sie war eben traditionell“, erklärt Belda rückblickend. Druck und Verzweiflung ließen sie depressiv werden. Sie durfte das Haus nicht mehr verlassen, während die Heiratsvorbereitungen vorangetrieben wurden. Als man sie in ihrem Bett schlafend wähnte, begutachtete die zukünftige Schwiegermutter sie. „Das werde ich nie vergessen“, sagt Belda. Mit Hilfe der „Fachstelle Zwangsheirat“  konnte Belda kurz nach ihrem 18. Geburtstag fliehen. Mittlerweile lebt sie unter einer anderen Identität in Deutschland. Sie fühle sich wohl, allerdings mache ihr der rechtsextreme Hass Angst. Aus der Arbeit türkischstämmiger Aktivistinnen wie Serap Çileli, Seyran Ates und Necla Kelek schöpfe sie heute Mut. Sie setzen sich gegen Menschenrechtsverletzungen und Unterdrückung von Frauen ein.

Im Sommerlager wurde dann erklärt, dass sie bloß keinen Sex vor der Ehe haben sollten

Diese Unterdrückung ist kein rein religiöses Problem. Sie ist nicht davon abhängig, wie oft in einer Familie oder Gemeinde gebetet wird, aber davon, wie sehr Religion und patriarchalische Traditionen ineinandergreifen. Die Strukturen sind weniger offensichtlich als ein Kopftuch und lassen sich auch in christlichen oder jüdischen Gemeinden wiederfinden. Sie bleiben für Außenstehende oft unsichtbar. So erkannten auch Claras Eltern nicht, was es für ihre Tochter bedeutete, als sie einer evangelischen Freikirche in NRW beitraten. Clara und ihr älterer Bruder wuchsen in der Gemeinde auf. Während er im Teenageralter aber Freunde außerhalb der Freikirche fand und sich von der Institution distanzierte, wurden die Gottesdienste zu Claras Lebensmittelpunkt. Sie schloss dort enge Freundschaften mit Jungen und Mädchen. Als sie mit 13 Jahren in ein Sommerlager der Gemeinde fuhr, war das plötzlich falsch. „Mein Kumpel und ich haben aus einem Becher getrunken. Uns wurde deshalb vorgeworfen, dass wir uns für eine platonische Beziehung zu nah stünden“, sagt die heute 23-jährige Clara. Im Sommerlager wurde dann erklärt, dass sie bloß keinen Sex vor der Ehe haben sollten. „Wir durften uns zum Beispiel zur Begrüßung berühren, aber sollten uns nicht absichtlich erregen“, sagt Clara. Sie begann, den eigenen Körper als Hindernis zu sehen, das mit Angst und Sorge verbunden war.

„Ich war strikt gegen Homosexualität“

Die Einstellung der Gemeinde prallte mit den Geschehnissen, die Clara in der Schule beobachtete, aufeinander. Die Expertin spricht von einem bipolaren Druck: „Betroffene müssen zwischen den eigenen Wünschen und den Erwartungen des Umfelds einen Spagat machen. Das führt oft zu einer seelischen Zerrissenheit.“ Auf dem Gymnasium fanden sich die ersten Pärchen, es wurden Küsse ausgetauscht, aber Clara wollte sich nicht verlieben: „Ich habe mich förmlich geweigert. Wenn ich verknallt war, habe ich darauf geachtet, dass ich den Jungen nur im Beisein anderer treffe.“ Ihr wurde beigebracht, dass Hormone ihr nur einen Streich spielen und diese Art der Gefühle irrelevant sei.

Sie sei damals überzeugt gewesen, dass diese Einstellung richtig war. „Das war sehr egoistisch. Ich war strikt gegen Homosexualität, Sex vor der Ehe oder Selbstbefriedigung. Im Nachhinein tut mir das leid, weil ich Menschen damit verletzt haben könnte“, sagt sie. Seit ihrem Austritt bezeichnet sie es als eine Form von Freiheitsberaubung, wenn jemandem gesagt wird, dass seine Art von Liebe falsch sei. Sie weiß aus eigener Erfahrung, was es langfristig mit einem Menschen anstellt: „Ich wurde manipuliert und um die Freiheit in meiner Sexualität beraubt!“

„Es war schwierig für mich zu akzeptieren, dass er vorher Sex hatte“

Nach dem Abitur zog sie in eine andere Stadt, wo sie wieder einer Gemeinde der evangelischen Freikirche beitrat. Dort lernte sie einen Mann kennen und lieben, den sie im Alter von 20 Jahren heiratete. Das Problem: Er war keine Jungfrau mehr. „Es war schwierig für mich zu akzeptieren, dass er vorher Sex hatte. Er hat seinem Trieb nachgegeben und ist schwach geworden, also wird er es wieder tun. Kann er dann überhaupt treu sein?“, fragt sie. Er habe im Endeffekt auch ein gestörtes Verhältnis zu Sexualität, nur eben andersrum: „In der Bibel begehrt nur der Mann, die Frau begehrt nicht“, erklärt Clara und meint damit, dass der Frau die Lust abgesprochen werde. Ihr Ehemann ist mit der Einstellung aufgewachsen, dass die Bedürfnisse des Mannes im Vordergrund stehen. Das Umdenken braucht Zeit: Clara lernt ihre Bedürfnisse zu akzeptieren und zu formulieren, während er lernt, ihre Bedürfnisse zu erfüllen. 

„Das Christentum wird häufig romantisiert“, sagt Clara und auch Anu Sivaganesan kritisiert, dass europäische Staaten unfähig seien, das Christentum, inklusive dem Vatikan in Gleichstellungsfragen zu reformieren: „Wir haben einen Papst, der Argentiniens Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe als Teufels-Manöver beschrieben hat.“ Eine Reformierung aller Religionen und Gesellschaften sei aber notwendig, um ein modernes Miteinander, anstatt ein bequemes Nebeneinander zu leben.

Clara und ihr Mann sind mittlerweile aus der Gemeinde ausgetreten. Sie reden viel, üben sich in Geduld füreinander und versuchen, Verdrängtes aufzuarbeiten. „Früher war allein die Vorstellung von Selbstbefriedigung ein Problem für mich. Objektiv gesehen empfinde ich es heute nicht mehr als schlecht. Mich subjektiv damit auseinanderzusetzen, ist schwierig“, formuliert Clara noch immer distanziert. „In unserer Beziehung gibt es nur sehr wenig Sexualität“, und das läge nicht daran, dass sie nicht will, sondern weil sie in dem Moment nicht kann. „Es ist wie eine Blockade“, schildert sie, denn wie soll sie Sex, der in ihrer Jugend immer als etwas Negatives abgetan wurde, in der Ehe plötzlich als etwas Positives wahrnehmen?

*Namen geändert

  • teilen
  • schließen