„Ich wünsche mir, dass man Muslim*innen als vollwertige Deutsche annimmt“

Blogger Nasir Ahmad erzählt, was die rechtsextreme Terrorzelle „Gruppe S.“ für die muslimische Gemeinde bedeutet.
Interview von Sophie Aschenbrenner

Nasir Ahmad ist Aktivist und Blogger.

Foto: privat

Seit Freitag sitzen zwölf Männer in Untersuchungshaft, die in Deutschland in zehn Bundesländern Anschläge auf Moscheen geplant haben sollen. Den Männern zwischen 31 und 60 Jahren wird vorgeworfen, sich zu einer rechtsextremen Terrorzelle zusammengeschlossen zu haben und Anschläge auf Politiker*innen, Muslim*innen und Geflüchtete geplant zu haben. 

Nasir Ahmad, 35, ist Softwareentwickler, gläubiger Muslim, Blogger und Aktivist. Er setzt sich gegen Extremismus aller Art und für Demokratie ein. Im Interview spricht er darüber, was er sich jetzt von Medien und Politik wünscht. 

jetzt: Warst du überrascht, als du von der Terrorzelle erfahren hast? 

Nasir Ahmad: Nein, überhaupt nicht. Es wundert mich nicht, dass hier so etwas passiert. Als ich die erste Meldung gelesen habe, war ich vor allem schockiert davon, dass unter den Festgenommenen ein Verwaltungsmitarbeiter der Polizei ist. Und ich bin entsetzt darüber, wie wenige Menschen davon mitbekommen haben. Ich glaube, das Thema Rechtsextremismus interessiert die Menschen nicht mehr.

Du bist selbst praktizierender Muslim. Fühlst du dich jetzt unsicherer? 

Ja. Ich bin Mitglied der Ahmadiyya Muslim Gemeinde, es gab vor knapp zehn Jahren Attentate auf zwei unserer Moscheen durch die Taliban. Das war fürchterlich. Es lässt mich erschaudern und macht mir Angst, wenn ich weiß, dass so etwas auch von deutschen Rechtsextremisten geplant wurde. Beim Beten in der Moschee, wenn Stille herrscht, frage ich mich jetzt schon, wenn die Tür aufgeht: Ist das jemand, der das Gebet verpasst hat und zu spät kommt, oder ist das ein fremder Mensch, der eine Waffe in der Hand hält? Die Angst sitzt uns im Nacken. 

Auf Twitter kritisierst du, dass viele Medien das Thema verschlafen haben. Tatsächlich sind viele Medien erst spät in die Berichterstattung eingestiegen. Wenn man „Teutonico“ googelt, findet man kaum Artikel dazu. 

Wäre das eine islamistische Terrorzelle gewesen, hätte man sofort Eilmeldungen und Brennpunkte gebracht. Doch das ist nicht passiert. Aber wenn man sich durchliest, was diese Rechtsextremen geplant hatten, dann müssen doch alle Alarmglocken läuten. Diese terroristische Bedrohung ist in Deutschland gewachsen. Gerade da muss man hellhörig werden. 

Stattdessen trendete Montagmorgen auf Twitter Philipp Amthor mit seiner Forderung nach einer neuen deutschen Leitkultur.

Ja, das war wirklich eine Klatsche ins Gesicht. Das ist eine Frechheit und hat mich wirklich aufgeregt. 

„Ich wünsche mir, dass man Muslime und Musliminnen als vollwertige Deutsche annimmt“

Innenminister Horst Seehofer lobt, dass die Sicherheitsbehörden die Extremisten festnehmen konnten, bevor etwas passiert ist. Siehst du das auch als Erfolg? 

Natürlich muss man sagen, dass die Arbeit der Behörden gut war und dass ein Anschlag verhindert wurde. Aber auf diesen Lorbeeren kann man sich jetzt nicht ausruhen und sagen: Wir haben alles im Griff. Denn hier in Deutschland laufen weiter Rechtsextremisten herum, sie sind auf Demonstrationen, sie sind in Dresden mit dem Faschisten Björn Höcke. 

Es wird darüber diskutiert, ob Moscheen in Deutschland künftig sichtbar durch Polizei geschützt werden. Reicht das? 

Das ist auf jeden Fall gut, denn es gibt uns Sicherheit. Aber: Religionsfreiheit bedeutet auch Religionsschutz. Und da reicht es nicht, Moscheen mit ein paar Beamten zu schützen. Man muss das Problem bei der Wurzel packen. Wie auch bei Islamisten muss man analysieren: In welchen sozialen Strukturen leben Rechtsextremisten, woher kommt diese Gesinnung, wieso kommt es zu Übergriffen? 

Was wünschst du dir von der Politik? 

Dass sie sich positioniert. Nach einem islamistischen Anschlag wird immer von uns Muslimen gefordert, dass wir uns zum Grundgesetz bekennen und zeigen, dass wir Demokraten sind. Diese Erwartungshaltung gibt es andersherum gar nicht. Bei Weißen wird immer selbstverständlich angenommen, dass sie demokratisch sind und sich zum Grundgesetz bekennen. Das zeigt ganz klar, wer in unserer Gesellschaft privilegiert ist. Und das macht mich wütend. Ich verlange, dass die Politik mit allen Menschen gleich umgeht. Ich wünsche mir, dass man Muslime und Musliminnen als vollwertige Deutsche annimmt. Solange das nicht passiert, werden wir uns weiter oft unsicher fühlen. Dadurch kann eine Lücke entstehen, die muslimische Extremisten für sich nutzen können. Und das ist gefährlich.

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