Schwule Männer, ist Analsex fester Bestandteil eures Sexlebens?

Und was, wenn ihr den eigentlich nicht mögt?
Aus der jetzt-Redaktion
querfrage analsex cover

Illustration: Daniela Rudol-Lübke

Liebe schwule Männer,

natürlich ist Sex mehr als nur „rein und raus“. Und doch ist es zumindest aus meiner heterosexuellen Perspektive eher so, dass Sex erst als „richtiger“ Sex zählt, wenn es zu einer Penetration kommt. Ich jedenfalls denke bei meinem ersten Mal nicht an den Tag, an dem ich das erste Mal innig eine Frau geküsst habe, sondern an den Tag, an dem ich das erste Mal mit einer Frau Vaginalverkehr hatte. 

Schon klar, dass Vaginalverkehr für schwule Männer keine Option ist. Möchte man aber in meiner Denkweise bleiben, dass Sex nur Sex ist, wenn es zu einer Penetration kommt – dann bleibt für euch nur Analsex als „richtiger“ Sex.  Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 sagte gerade mal einer von sechs befragten Schwulen, dass er im letzten Jahr keinen Analsex hatte. 13 Prozent sagten sogar, sie hätten täglich Analverkehr. Und ich frage mich: Wie problematisch ist es für euch, wenn ihr keinen Analsex mögt? Oder stellt sich die Frage nicht – denn ich kenne ehrlicherweise keinen heterosexuellen Mann, der von sich sagt, dass er keinen Vaginalsex möge.

Fühlt sich Sex als schwuler Mann ohne Analsex unvollkommen an?

Klar, auch unter uns heterosexuellen Männern und Frauen ist Analsex natürlich ein Thema. Viele Pornoseiten geben einem das Gefühl, dass jede heterosexuelle Frau und jeder heterosexuelle Mann ständig Analsex haben wollen – was natürlich nicht stimmt. Analsex ist für uns etwas eher Optionales, das schön sein kann und Vorbereitung benötigt, das aber auch schmerzhaft sein kann und auf das man nicht immer, oder vielleicht auch niemals Lust hat. Kann man eben machen. Muss man aber nicht. Und wenn man nicht möchte, ist es auch okay so. Denn: Immerhin gibt es ja eben immer noch Vaginalverkehr als Standard. Und sowieso alles, was man im Bett ganz ohne Penetration noch machen kann.

Bei euch hingegen scheint Analverkehr der Standard zu sein. Was aber ist, wenn ihr gar keine Lust auf Analsex habt? Fühlt sich Sex als schwuler Mann ohne Analsex unvollkommen an? Braucht ihr, wenn ihr keine Lust darauf habt, unangenehme Ausreden? Oder ist das nur der unwissende Blick von uns Heterosexuellen – und die Realität sieht ganz anders aus? 

Eure heterosexuellen Männer

Die Antwort:

Liebe Hetero-Männer,

wir haben da eine Sache gemeinsam: Ich denke bei meinem ersten Mal auch nicht an den Tag, als ich das erste Mal innig eine Frau geküsst habe. Tatsächlich denke ich an den Tag, als ich das erste Mal mit einem Mann geknutscht habe – denn circa eine Minute später hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben Oralverkehr. Und diese Geschichte erzähle ich, wenn ich nach meinem ersten Mal mit einem Mann gefragt werde.

Es stimmt schon, Analverkehr spielt bei Männern, die Sex mit Männern haben, eine große Rolle. Nicht umsonst können wir auf so ziemlich allen unseren Dating-Plattformen angeben, welchen Part wir beim Sex gerne einnehmen. Zur Erklärung: Es gibt Männer, die gerne rein aktiv, oder Englisch top, sind, und Männer, die gerne passiv, also bottom, sind. Oder man kann beides genießen und ist sowohl aktiv als auch passiv – oder versatile. Es gibt übrigens auch schwule Männer, die vaginalen Sex haben – wenn sie mit einem trans* Mann schlafen, der eine Vagina hat. 

Nach einem Arbeitstag habe ich oft schlicht keinen Bock, mich auf passiven Analsex vorzubereiten

Bleiben wir aber beim Analsex, um den es hier ja gehen soll: Manchmal fragt man sich auch als schwuler Mann, ob sich bei unserem Sex wirklich alles um Analverkehr dreht. Zum Beispiel, wenn sich Tinder-Nutzer über schwule Oberflächlichkeit beschweren und gleichzeitig mit Pfeil-Emojis angegeben, dass der „Grund, sich endlich abzumelden“ beim Analverkehr entweder aktiv oder passiv sein muss. Oder wenn man einen Porno ohne Analsex sieht und plötzlich checkt, wie selten die sind. Oder wenn man die Studie liest, von der ihr sprecht.

Mein eigenes Sexleben sieht aber anders aus. Ich finde Analverkehr zwar super, aber andere Praktiken können genauso schön sein. Nach einem Arbeitstag habe ich oft schlicht keinen Bock, mich auf passiven Analsex vorzubereiten. Manchmal ergibt es sich nicht. Manchmal will ich, aber mein Körper nicht. Manchmal will keiner passiv sein - manchmal keiner aktiv. Finde ich Sex ohne Analverkehr deswegen schlecht und unvollkommen? Nö! Und wenn mich meine Menschenkenntnis nicht völlig täuscht, empfanden die beteiligten Männer meistens ähnlich.

Tatsächlich wundere ich mich oft, wie präsent die Vorstellung „Sex ohne Penetration ist kein richtiger Sex“ ist. Ist lesbischer Sex dann etwa kein richtiger Sex? Ich glaube, wir sind uns einig, dass das Quatsch ist. Trotzdem bezeichnen wir im allgemeinen Sprachgebrauch alles außer klassischer Penetration als „Vorspiel” – als wäre das nur Geplänkel oder reine Aufwärmübungen. Das finde ich seltsam, schade und irgendwie ganz schön unkreativ. Unsere Körper und Psychen bieten genügend Punkte, die stimuliert werden können. Man muss nur offen dafür sein, die eigene Sexualität weiter zu ergründen.

Es gibt Männer, die weder das Gefühl von aktiver noch von passiver Analpenetration mögen – aber trotzdem gerne Sex mit Männern haben. Als Kommentar auf die binäre Oben-oder-Unten-Vorstellung von Top und Bottom nennt der Sexual- und Beziehungstherapeut Joe Kort ihre Rolle Side. Und ja, Sides haben es im schwulen Dating-Pool leider echt nicht einfach, weil sie als (Sexual-)Partner oft kategorisch ausgeschlossen werden.

Denn so, wie es Sides gibt, gibt es eben auch Männer, für die Sex mit Männern ohne Analverkehr undenkbar ist. Für viele von uns aber kann Sex ohne Analverkehr genauso intim, leidenschaftlich, geil, erregend und wunderschön sein. Ich als schwuler Mann habe keinen Sex, um mich fortzupflanzen. Deshalb hat Sex für mich, ganz abgesehen von Gefühlen, zwei Ebenen: Lust und Befriedigung. Beides kann ich mit Analverkehr erreichen. Oder eben ohne.

Klaps auf den Po,

Eure schwulen Männer

Unsere beiden Autoren möchten lieber nicht, dass manche Leser*innen möglicherweise nur noch an Analsex denken, wenn sie die Autoren das nächste Mal sehen – deswegen bleiben sie hier anonym. Sie sind der Redaktion aber bekannt.

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