Die Analdusche ist die Lösung, über die kaum jemand spricht

Analsex benötigt Vorbereitung und dabei kann so einiges schieflaufen. Muss es aber nicht.
Von Steven Meyer
analdusche

Illustration: jetzt

Sex ist in vielerlei Hinsicht immer noch ein Tabuthema. Besonders dann, wenn er nicht dem heteronormativen Bild entspricht, also keinem „Klischeesex“ zwischen Frau und Mann, wie er im Sexualkundeunterricht behandelt wird. Dabei haben viele Menschen ganz anderen Sex: mit der Hand, mit mehreren Menschen, mit dem Mund, mit Sextoys oder auch von hinten, also anal. 

Aber gerade über Analsex trauen sich viele nicht zu sprechen oder ihn auszuprobieren, nicht einmal mit dem eigenen Partner oder der eigenen Partnerin. Das liegt einerseits sicherlich an homofeindlichen Klischees, mit denen Heterosexuelle nicht in Verbindung gebracht werden wollen, andererseits aber daran, dass die Hauptfunktion des Afters eine eher unerotische ist: Fäkalien ausscheiden. Analsex muss aber keine schmutzige Angelegenheit sein. Es gibt nämlich Instrumente, mit denen man sich darauf vorbereiten kann: die Analdusche zum Beispiel.

Spätestens seit der zweiten Staffel „Sex Education“ ist aber wohl vielen bekannt, dass eine Analdusche oder -spülung für so manchen eine Herausforderung darstellen kann. Der Schüler Anwar täuscht in der Netflix-Serie einen Notfall vor, bevor es zum Analsex mit seinem Freund kommt, weil er nicht weiß, wie er sich richtig spülen soll. Wie Anwar dürfte es vielen Jugendlichen, aber auch Erwachsenen beim ersten Mal gehen. Sie trauen sich nicht, über die Sexpraktik zu sprechen und suchen deshalb lieber online nach Hilfe – und dabei stoßen sie auf zweifelhafte Guides und Tipps. Das dürfte vor allem queere Jugendliche betreffen: In einer Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts aus dem Jahr 2015 gaben 84 Prozent der befragten queeren Jugendlichen an, aufgrund ihrer sexuellen Orientierung Diskriminierung erlebt zu haben. Viele von ihnen verzichteten deshalb auf ein Outing während der Schulzeit und suchten hauptsächlich im Netz nach Rat.

Eine Ernährungsumstellung für Analsex ist Quatsch

Online finden queere Jugendliche andere Menschen, denen es genauso geht wie ihnen, aber mitunter auch Sextipps, die weniger nutzen als schaden können und daher besser nicht befolgt werden sollten. Googelt man nach der richtigen Vorbereitung für Analsex, stößt man beispielsweise schnell auf einen Guide, den Nina Queer für die Bild geschrieben hat. Darin empfiehlt die Drag Queen unter anderem zwei Tage vor dem erwarteten Analverkehr, die eigene Ernährung komplett umzustellen. „Ich fange meist schon donnerstags damit an, um am Wochenende ready zu sein“, schreibt sie. Dieser Tipp ist nicht nur bei Nina Queer zu finden, sondern geistert auch in anderen Guides und Kommentarspalten herum. Man solle besonders auf Zwiebeln, Knoblauch, Peperoni, Fleisch oder säurehaltige Nahrung verzichten. Keine säurehaltige Nahrung? Das heißt also: keine Nudeln, keine Eier, kein Brot und kein Käse. 

Das eigene Essverhalten zwei Tage vor dem Sex zu verändern, klingt nicht nur wahnsinnig anstrengend, sondern macht auch Druck, dass sich der Aufwand am Ende lohnen muss. Außerdem wäre spontaner Sex kaum möglich, wenn man jedes Mal zwei Tage vorher aufhören müsste zu essen oder sich ständig Fragen stellen müsste wie: „Ich habe übermorgen vielleicht Sex, ist Pasta also wirklich eine gute Idee?“ Der Tipp mag also vielleicht einmalig eine Lösung sein – mehrmals die Woche oder im Monat das Essverhalten so radikal zu verändern und die Ernährung dem Sexleben unterzuordnen, klingt aber nach einer schlechten Lösung. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Kot auch ohne Nahrungsaufnahme entsteht. „Bis zu der Hälfte unseres Kotvolumens hat nichts mit unserer Nahrung zu tun, sondern mit absterbenden Zellen in unserem Darm“, sagt Sven Schellberg, der eine Schwerpunktpraxis zu sexueller Gesundheit in Berlin leitet, gegenüber jetzt am Telefon. „Der Darm ist ein riesiges Organ, in dem täglich unzählige Zellen absterben, die als Stuhlgang ausgeschieden werden.“

Die Analdusche ist die beste Vorbereitung für Analsex

Nina Queer rät außerdem, zwei Stunden vor dem erwarteten Akt Tabletten gegen Durchfall zu schlucken. Sicher sei sicher, sagt sie: „Sie stoppen unseren gesamten Verdauungstrakt nun für etwa acht bis zwölf Stunden komplett.“ In anderen Guides wird ganz im Gegenteil empfohlen, vor dem Analsex ein Verstopfungsmedikament einzunehmen, das wie ein Abführmittel wirkt. Sven Schellberg kann von beidem nur abraten. „Diese Medikamente sind in der Regel bei seltenem Gebrauch nicht problematisch, können aber auf Dauer schädlich für den Darm sein.“ Personen, die also regelmäßig Analsex haben, sollten im Zweifelsfall lieber gar nicht erst auf medizinische Hilfsmittel zurückgreifen.

Zum Glück ist die Lösung eigentlich viel einfacher: Die Analspülung ist die beste Wahl zur Vorbereitung auf Analsex. Wichtig ist dabei vor allem, welches Instrument für die Spülung verwendet wird. Die herkömmliche Handdusche ist im Grunde nichts anderes als ein kleiner Ball, der mit Wasser befüllbar ist. Und sie ist, laut Sven Schellberg, die beste Option. 

Die Spitze dieser Handdusche steckt man in den After, drückt den Ball und lässt somit Wasser in den Enddarm laufen. Danach kneift man die Pobacken für einige Sekunden zusammen und scheidet das Wasser dann wieder aus. Diesen Vorgang wiederholt man einige Male bis das ausgeschiedene Wasser sauber ist. 

Bei einer Spülung mit dem Duschschlauch ist Vorsicht geboten

Viele greifen dafür auch zum Wasserschlauch in der Dusche und schrauben den Duschaufsatz ab. Das Problem dabei ist, dass Wassertemperatur und Wasserdruck nicht genau zu beeinflussen sind. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit, sich an der Kante des Schlauchs zu verletzen, viel höher als bei dem Ball, der mit Wasser befüllt ist. „Bei einer Handdusche hat die Person, die sie benutzt, mehr Kontrolle“, sagt Sven Schellberg. Wasserwärme und Wasserdruck sind leichter zu bestimmen, ideal ist lauwarmes Wasser. Außerdem ist die Handdusche leichter sauber zu machen. 

Wird dennoch ein Wasserschlauch benutzt, sollte man sich einen speziellen aufschraubbaren Aufsatz für die Dusche besorgen. Ratsam ist es außerdem, nicht mehr als 300 bis 400 Milliliter Wasser einzuführen. Es passt zwar bei Weitem mehr rein – um für den Analsex vorbereitet zu sein, muss aber lediglich der Enddarm gereinigt werden, nicht der gesamte bis zu siebeneinhalb Meter lange Darmtrakt. Bei einer Handdusche ist das leicht zu dosieren, das Wasser beim Duschschlauch muss man selbst rechtzeitig abdrehen. Es ist also ratsam vorher zu testen, wie viel Wasser gebraucht wird, um es richtig abzuschätzen zu können. 

Unfälle, die passieren, wenn mal nicht alles sauber ist, werden online auch immer wieder thematisiert. Darüber sollte man sich aber eigentlich nicht zu viele Gedanken machen, denn genau das führt wohl zum Druck, den auch Anwar in „Sex Education“ spürt. Statt aber wie Anwar in der Netflix-Serie einen Notfall vorzutäuschen, sollten queere Jugendliche – und auch alle anderen, die es ausprobieren möchten – versuchen mit dem Partner offen darüber zu sprechen. Denn bei all den Tipps und möglichen Problemen sollte man beim Analsex vor allem eines haben: Spaß.

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