Männer, denkt ihr auch über Schönheitsoperationen nach?

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Liebe Männer,

ich bin 20 Jahre alt und schon zwei meiner Freundinnen haben ihre Lippen aufspritzen lassen. Eine träumt davon, ihre Brüste vergrößern zu lassen, wenn sie genug Geld zusammen hat, da ihre „viel zu klein“ seien und sie deswegen jedes Mal bei dem Anblick im Spiegel heulen könnte, wie sie sagt.

Bis jetzt habe ich noch von keinem meiner männlichen Freunde jemals die Überlegung gehört, sich einer Schönheitsoperation zu unterziehen. Warum? Fühlt ihr euch so viel schöner als wir? Ist euch euer Aussehen deutlich weniger wichtig als uns? Oder wird euch einfach nicht ständig von allen Seiten suggeriert, dass ihr gefälligst immer gut auszusehen habt?

Frauen bis 30 lassen sich am häufigsten die Brüste vergrößern

Laut der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie sind wir Frauen Hauptzielgruppe von Schönheitsoperationen. 87,8 Prozent aller OPs wurden 2020 an Frauen durchgeführt. Seit 2013 war der Wert im vergangenen Jahr noch nie so hoch. Für viele junge Frauen das größte Thema: Brüste. Groß und prall, aber bitte nicht zu groß –  und auf keinen Fall hängend oder schielend sollen sie sein. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie lassen sich Frauen bis 30 Jahre am häufigsten die Brüste vergrößern. Insgesamt ist bei Frauen der beliebteste Eingriff die Faltenunterspritzung, gefolgt von der Behandlung mit Botox und der Brustvergrößerung. Männer sind seltener bei Schönheitschirurg*innen zu Gast – wenn aber doch, lassen sie sich am öftesten die Falten untersüritzen, die Oberlider straffen oder Fett absaugen.  

Logisch irgendwie, dass Frauen sich öfter unters Messer legen, denn wie sonst sollen wir den irrsinnigen Schönheitsidealen der heutigen Gesellschaft entsprechen?  Aber ihr steht doch auch unter Druck.

Würdet ihr gerne etwas an euch verändern, und wenn ja: was? Wenigstens ein paar mehr Haare auf dem Kopf implantieren, um sich etwas jünger zu fühlen oder die hängenden Oberlider etwas straffen? Volles Haar zu haben, scheint auf jeden Fall für euch ein Thema zu sein, zumindest, wenn man Christian Lindner oder Jürgen Klopp fragt. 

Erzählt doch mal!

Eure Frauen

Die Antwort:   

Liebe Frauen,

Männer und Schönheitsoperationen, das ist nichts Neues. Schon im Jahr 1898 begradigte und verkleinerte der deutsche Arzt Jacques Joseph in Berlin allerlei Nasen. Unter seinen Patienten waren auch einige Männer. „Wünschen Sie eine kecke Nase oder eine intelligente, eine kokette oder eine energische?“, soll Joseph gefragt haben. So steht es in einer Reportage des Reporters Egon Erwin Kisch, der den Chirurgen einst besucht hatte. Die Patienten entschieden sich. Dann ging Jacques Josephs Hand zum Skalpell.

Und heute? Ist davon offenbar wenig geblieben. Zwar gibt es eben Jürgen Klopp und Prinz William, die sich Zähne und Haare begradigen und vermehren lassen haben. Die Mehrzahl der Männer aber kann mit Operationen, die allein der Ästhetik dienen, wenig anfangen. In den vergangenen Jahren ist der Anteil der Männer, die Schönheitsoperationen durchführen lassen, sogar gesunken

Der Prozess des Alterns wird von Männern stoisch hingenommen

Auch eine kleine Umfrage in meinem männlichen Freundeskreis, der um die 30 ist, bestätigt das zunächst: Auf die Frage, ob sie sich Schönheitsoperationen vorstellen können, sind die Antworten ironisch („Bizepsvergrößerung“), sarkastisch („Ich bin perfekt“), oder ein bisschen gekränkt („Warum fragst du ausgerechnet mich das?“). Ein anderer Freund, ebenfalls kein Fan von Schönheits-OPs, hat dafür etwas ziemlich Interessantes zu sagen: „Vielleicht liegt der Widerwille auch an diesem alten Männerbild, dass man den Lauf der Dinge mit Würde zu ertragen hat. Und dass es ,unmännlich‘ ist, sich etwas machen zu lassen.“ 

Unmännlich. Sicher hat so gut wie jeder Mann, der vor nicht allzu vielen Jahren noch ein kleiner Junge war, immer wieder gehört, ein echter Mann kenne keinen Schmerz. Dass das kein guter Satz ist, darüber ist man sich einig. Und doch hat er eben Spuren hinterlassen: Ein „echter Mann“ kennt nicht nur den Schmerz nicht. Er kennt auch keine schiefen Nasen, krummen Zähne und Falten. Ein Mann ist so, wie er ist. Eine Schönheitsoperation wäre auch ein Eingeständnis von Schwäche.

Ist das schlimm? Nicht unbedingt. Eher Body Positivity aus der Steinzeit. Es könnte sein, dass dieser alte männliche Blick, der für ziemlich viele kleinere und größere Katastrophen in der Menschheitsgeschichte verantwortlich ist, ausnahmsweise mal nicht schädlich ist, sondern praktisch. Für das eigene Wohl, weil man seinen Körper akzeptiert und sich die Schmerzen einer OP spart. Und für das Wohl anderer, die sich nicht unter Druck gesetzt fühlen, weil die Nase des Kollegen auf einmal so symmetrisch im Gesicht liegt und sein Kopf plötzlich so haarig ist wie der von Bob Ross. Der Prozess des Alterns wird von Männern stoisch hingenommen. Und mancher kann davon sogar profitieren: Ein dank dauerhaftem Schlafmangel entstandener verwegener Blick und ein paar Barthaare mehr – keine Hautcreme und kein Freeletics-Kurs macht solche Optimierungen möglich. Sondern, ganz bequem, das zunehmende Alter. 

Und selbst wenn es mal hier und da ein bisschen schief und schwabbelig wird: Männer, so scheint es, können über ein bisschen Fett am Bauch und eine große Narbe lachen, auch wenn dieses Lachen natürlich oft überspielt ist. Der kultige Dicke, der kultige Kleine, der kultige Typ mit der Rummelboxernase – jeder hatte oder hat einen davon im Freundeskreis. 

Das macht uns Männer jedoch längst nicht immun gegen das Verlangen, zum Chirurgen zu gehen. Wie oft habe ich schon Fläschchen mit Alpecin-Shampoo in Badezimmern von Mitte-20-jährigen Freunden gesehen, weil ihr Haar immer lichter wird. Wie oft lassen Männer selbst in schwitzigen Bars ein Basecap auf, weil sie nicht wollen, dass man die kahle Stelle sieht. Bis zu einer Haartransplantation ist es da oft noch ein langer Weg. Für viele aber eben auch nicht: Tausende Männer reisen Jahr für Jahr nach Istanbul, um sich neue Haare transplantieren zu lassen. Es gibt Männer, die sich zu klein fühlen, und für ein paar Zentimeter mehr bei komplizierten Operationen schlimmste Qualen auf sich nehmen

Und irgendwann sind auch die Antworten aus meiner kleinen Umfrage nicht mehr ironisch, sondern ziemlich ernst. Einer schreibt, dass er sich vielleicht die Zähne richten lassen will. Einer überlegt, sich ein Muttermal im Gesicht entfernen zu lassen. Einer möchte sich offenhalten, seinen Hals glätten zu lassen, falls der eines Tages zum „Truthahnhals“ werden sollte. Und ein anderer, dessen Haar recht voll ist, weiß schon jetzt, dass er, wenn es mal nicht mehr so sein sollte, sich die Haare verdichten lassen würde: „Es ist ein Notfallplan, auf den ich mental vorbereitet bin.“ Ein anderer, der in diesem Jahr 30 wird, ist da schon weiter: Seine Haare sind seit anderthalb Jahren wieder voll. Er war beim Arzt. „Ging einfach nicht mehr so.“

Gut möglich, dass ich mit dieser kleinen Umfrage das erste Mal so richtig mit meinen männlichen Freunden über Schönheitsoperationen gesprochen habe. Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen uns Männern und euch Frauen. Ihr sprecht darüber, wenn ihr darüber nachdenkt und bevor und nachdem ihr sie machen lasst. Wir machen das lieber mit uns selbst aus. Und hoffen, dass man uns attraktiv findet, aber bitte niemand den Unterschied sieht.

Eure Männer

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