Queers, stört es euch, dass Pride-Flaggen ein Fashion-Symbol sind?

Oder findet ihr es gut, dass man LGBTQ-Unterstützung jetzt kaufen kann?
Von Marcel Laskus und David Würtemberger

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe queere Community,

9,99 Euro muss ich ausgeben und schon gehöre ich zu euch dazu. So viel jedenfalls kostet ein T-Shirt bei H&M, auf dem das Wort „Pride“ steht, gedruckt auf die Farben rot, orange, gelb, grün, blau und violett: die Regenbogenflagge. Seit den späten 1970er Jahren ist sie das Symbol der Schwulenbewegung schlechthin. Und seit 2018 ist sie als Kleidungsstück erhältlich bei H&M. 

Wenn ich mir also dieses Stück Fast Fashion kaufen und es tragen würde, dann würde ich mich öffentlich solidarisch mit euch zeigen. Ich würde ein Statement setzen für eine bessere Welt, in der man wegen seiner Sexualität nicht diskriminiert wird. Wenn ich aber genauer darüber nachdenke, frage ich mich: Wäre es nicht auch ziemlich anmaßend, mir dieses Symbol überzustülpen, das für euch so bedeutsam ist, mit dem ich als heterosexueller cis Mann aber wenig zu tun habe? 

Längst ist die Pride-Flagge ein Symbol, mit dem Geschäfte gern ihre Schaufenster schmücken

Immerhin ist die Pride-Flagge ein Symbol der Emanzipation, des Kampfes. In manchen Ecken der Erde kann man auch heute noch im Gefängnis landen, wenn man als Mann einen anderen Mann oder als Frau eine andere Frau in der Öffentlichkeit küsst. Ich habe die Kämpfe der queeren Community nie kämpfen müssen, die Diskriminierung nie erlebt. Und deshalb hätte ich beim Tragen dieses Symbols als Outfit wahrscheinlich ein ungutes Gefühl.

Viele sehen das aber ganz anders als ich: Längst ist die Pride-Flagge ein Symbol, mit dem Geschäfte gern ihre Schaufenster schmücken, vor allem im Sommer, wenn in vielen Städten der Christopher Street Day gefeiert wird. H&M ist damit nicht allein. Längst hat auch Nike eine eigene Pride-Kollektion. Polo Ralph Lauren verkauft Tragetaschen mit regenbogenfarbenem Reiter-Symbol. Eine Burgerkette hat mal Burger in „Pride Edition“ verkauft. Die Rezeptur war gleich – der Pride-Burger war aber in buntes Papier gewickelt.

Was aber denkt ihr in der queeren Community, wenn ihr das seht? Wirkt das authentisch? Und, vielleicht noch wichtiger: Was haltet ihr von heterosexuellen cis Menschen, die diese Shirts, Sneakers und Basecaps tragen und sich auf Instagram dafür feiern? Freut ihr euch, weil ihr dann wisst, dass sie auf eurer Seite stehen? Oder ist genau das Gegenteil der Fall? Wollt ihr euer Symbol lieber für euch allein?

Wir sind gespannt. 

Eure Heteros 

Die Antwort: 

Liebe Heteros,

kennt ihr das Double Rainbow Video, mittlerweile ein viraler Klassiker? Ein Mann schreit und heult minutenlang vor Freude, weil er einen durchgehenden, doppelten Regenbogen sieht. Wäre das hier jetzt ein Rosamunde-Pilcher-Roman, würde ich schreiben, dass der bloße Anblick einer Regenbogenflagge genau diese Euphorie bei allen Queers auslöst – egal, in welchem Kontext wir die Fahne sehen. Aber das hier ist Real Life und natürlich ist es nicht so einfach.

Ihr habt Recht, die Pride-Flagge wurde in ihrer Ur-Form 1978 das erste Mal gehisst. Warum überhaupt? Sie sollte das Symbol ersetzen, das die LGBT-Bewegung bis dahin verwendete: den rosa Winkel, mit dem im NS-Staat Homosexuelle in KZs markiert wurden. Aktivisten aus San Francisco wollten sich diese dunkle Vergangenheit wortwörtlich nicht mehr auf die Fahne schreiben. Ein Künstler hat deshalb den Regenbogen entwickelt und jeder Farbe eine bestimmte positive Eigenschaft der Community zugeordnet. Rot steht für Leben, Orange für Gesundheit, Gelb für die Sonne, Grün für Natur, Blau für Harmonie und Lila für Geist. Die Flagge symbolisiert, dass wir die Scham ablegen und stattdessen selbstbewusst und stolz auf uns sein sollten. Pride!

Die Pride-Flagge zeigt uns: Wir sind hier willkommen

Nicht wenige von uns sind darum, vorsichtig ausgedrückt, irritiert, dass es mittlerweile wirklich jedes Produkt in einer Pride Edition mit Regenbogenaufdruck gibt – selbst von Firmen, die 364 Tage im Jahr ungefähr so bunt sind wie Toastbrot. Als queere Person sollte man sich genau informieren, ob Unternehmen ihre Unterstützung ernst meinen. Oder ob sie einfach nur Gewinn aus der queeren Zielgruppe schlagen wollen. Denn ihr habt schon Recht: Wen oder was genau unterstützen wir zum Beispiel mit Pride-Flaggen und Shirts Made in Bangladesch, wo auf Homosexualität zehn Jahre bis lebenslange Haft stehen?

Es gibt aber auch eine andere Perspektive auf die gewachsene Präsenz der Regenbogenflagge. Nämlich die, dass ich als queere Person gesehen werde wie jeder andere Mensch auch. Ein persönliches Beispiel: Wenn ich in den kleinen Supermarkt um die Ecke gehe, dann sehe ich immer auch die kleine Regenbogenflagge an der Schiebetür. Und dieser kleine Sticker gibt mir die Botschaft: „Du bist hier willkommen.“ Ist das schlicht Marketing? Wohl ja. Fühle ich mich dadurch trotzdem wohler? Ja.

LGBT-Rechte sind ganz einfach Menschenrechte

Ich denke bei der immer größer werdenden Präsenz der Regenbogenflagge oft an mich als Teenager. Vielleicht hätte es mir bei meinem inneren Coming-out geholfen, zu sehen, dass sich viele Menschen und Einrichtungen, öffentlich oder privat, mit der Regenbogenflagge identifizieren. Klar, ein Biss in einen Labberburger hätte mich sicher nicht auf magische Weise befreit von all meinen Problemen, Ängsten und Komplexen, einfach nur, weil er in buntes Papier gewickelt gewesen wäre. Aber vielleicht hätte mir die Message ja einen Denkanstoß liefern können. Den Gedanken hinter der komplett identischen Rezeptur finde ich nämlich schön: „We are all the same inside.“ Und im Optimalfall bringt mehr Sichtbarkeit ja auch den ein oder anderen Homophoben dazu, seine Ansichten zu überdenken.

Es stimmt, die Pride-Flagge ist das Symbol unserer Bewegung, unseres Kampfes um Gleichbehandlung. Dabei wird dann oft von LGBT-Rechten gesprochen. Das klingt nach Extrawurst, nach etwas, das nur uns angeht. Dabei sind LGBT-Rechte ganz einfach: Menschenrechte. Und die gehen euch genauso viel an wie uns. Darum sollten sie das Ziel sein, auf das wir gemeinsam hinarbeiten. Als Freunde. Als Verbündete. 

Deswegen finde ich es auch nicht schlimm, wenn beim CSD viele Menschen mit uns feiern, die nicht Teil der queeren Community sind. Im Gegenteil: Ich freue mich viel mehr, wenn ihr zum CSD eure Schaufenster schmückt, weil ihr Zusammenhalt schön findet. Wenn wir gemeinsam Spaß haben und mit Fähnchen wedeln. Wenn ihr, egal ob gerade Pride-Saison ist oder nicht, eure ehrliche Unterstützung öffentlich macht, ganz egal in welchem Outfit. Denn dann habe ich das Gefühl, dass die Pride-Flagge und das, wofür sie steht, für euch vielleicht nicht unbedingt bedeutsam sein müsste – sie es aber trotzdem ist.

Double Rainbow all the way <3

Eure Queers

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