Sehbehinderte Menschen, woran messt ihr Attraktivität?

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Liebe Sehbehinderte,

den ersten Menschen, in den ich mich so richtig verliebt habe, lernte ich auf einer WG-Party kennen. Wir tranken und tanzten in dem kleinen Wohnzimmer der WG, es lief Musik, auf dem Wohnzimmertisch standen halbvolle Becher und Bierflaschen. Ich hatte schon ein paar Mischen intus als ich Paul (nennen wir ihn mal so) das erste Mal sah. Ich will nicht sagen, dass Anziehung immer körperlich sein muss. Aber als ich damals mit Paul in der WG-Küche stand, waren seine blauen Augen, dass er genau einen Kopf größer als ich war und sein Lachen die Dinge, die dieses herrlich flatternde Gefühl in meinem Bauch auslösten. Auch wenn ich sonst Leute kennenlerne, spielt ihr Aussehen eine Rolle, wenn es darum geht, ob ich mir mehr als Freundschaft mit ihnen vorstellen könnte. 

Woher wissen Nicht-Sehende beim Dating, ob jemand ihr Typ ist?

Aber wie ist das eigentlich bei euch, die ihr gar nicht oder nicht mehr viel sehen könnt? Ist euch das Aussehen und körperliche Attraktivität grundsätzlich egal? Welche Dinge spielen für euch eine Rolle, damit ihr eine Person beim Kennenlernen attraktiv finden? Findet ihr als Nicht-Sehende zum Beispiel öfter viel ältere Personen attraktiv, weil ihr das Alter der Person anhand der Stimme nicht abschätzen können? Woher wisst ihr beim Dating, ob jemand euer Typ ist? Und spielt die Figur, die Größe der Person nicht spätestens beim Sex eine Rolle? 

Es geht ja aber beim Daten nicht nur um die andere Person - sondern auch um sich selbst: Also wie geht ihr mit dem Thema eurer eigenen Attraktivität um? Für Sehende ist das ja ein Riesending. Als ich Paul etwa das erste Mal wieder getroffen habe, schaute ich bestimmt fünfmal in den Spiegel, um ganz sicher zu sein, dass ich gut aussah. Achtet ihr in solchen Momenten darauf, dass ihr gut ausseht? Wann fühlt ihr euch so richtig attraktiv?

Interessiert und wissbegierig,

Eure Sehenden

Die Antwort:

Liebe Sehenden,

mit diesen Fragen seid ihr nicht allein. Viele von uns müssen sie sich erst einmal selbst stellen. Denn ein Großteil von uns konnte schon einmal besser sehen. Ich bin eine von ihnen.

Mit 17 Jahren, also mitten in der Abizeit, verlor ich den Großteil meiner Sehkraft. Früher sah ich sehr gut, jetzt sehe ich nur noch sehr, sehr wenig. Daher kenne ich beide Seiten. Mein erster richtiger Freund war vom Aussehen her ehrlich gesagt aber nicht ganz mein Typ – er überzeugte mich eher mit Humor und Selbstbewusstsein. Mir gefallen damals wie heute große Männer mit wuscheligen Haaren, die nicht zu schlaksig sind, eine tiefe Stimme haben und gut riechen.

Die meisten seheingeschränkten Menschen, haben sehr spezifische Vorstellungen von dem, was sie gern hätten. Das wohl häufigst genannte Merkmal ist die Stimme. Eine nervige oder schrille Stimme, können wir halt schwer ausblenden. Da hilft das schönste Lächeln nicht weiter. Der Geruch ist auch eine wunderbare erste Entscheidungshilfe – das klappt auch mit dem nötigen Corona-Abstand.

Manchmal sind es aber auch ausgefallene Dinge, auf die wir achten. Eine Bekannte von mir legt Wert auf die Hände und besonders Nagelbetten. Sie mag gepflegte Männer und ihrer Erfahrung nach kann man das am Zustand der Hände am besten festmachen.

Ich mag vor allem Bärte. Das Geräusch wenn jemand sich nachdenklich oder nervös mit der Hand über das Gesicht streicht und man es rascheln hört. Als ich noch sehen konnte,  waren mir außerdem die Augen sehr wichtig – ich mochte es am liebsten, wenn sie blau und strahlend waren. Darauf achte ich immer noch, nur muss ich dafür mittlerweile sehr nah ran.

Was ich zu oft gehört habe: „Ach du bist blind? Na dann siehst du ja gar nicht, wie scheiße ich aussehe“

Trotzdem habe ich schon oft Sätze wie diese gehört: „Ach du bist blind? Na dann siehst du ja gar nicht, wie scheiße ich aussehe“ oder auch „Mensch, das ist ja praktisch! Dann siehst du nicht, wie alt ich bin“. So etwas höre ich nicht gerne.

Nur weil wir eine Sehbehinderung haben, sind wir keine Resteverwertung für unattraktive Menschen. Viele von euch halten uns ihre Makel direkt vor die Nase – aber auch wir wollen nicht vor dem ersten Date wissen, wie hässlich ihr euch findet oder wie stark ihr schwitzt. Anders herum sollt ihr auch nicht lügen. Wie es so oft im Internet ist: spätestens beim persönlichen Treffen fliegt ihr auf, Leute. Ihr seid keine zwei Meter groß, wie es doch aber im Profil steht? Wenn ihr mit uns redet, hören wir doch, von wo die Stimme kommt – wir hören, wie groß ihr seid. Und natürlich merken wir in der Regel auch, wie alt ihr etwa seid. An dem, wie und worüber ihr sprecht.

Was wohl ein Vorteil für euch ist, ist aber, dass wir euch etwas mehr Zeit für euren ersten Eindruck schenken. Wir stecken euch nicht gleich aufgrund eurer Frisur oder eures Outfits in eine Schublade. Das heißt aber nicht, dass uns euer Aussehen vollkommen egal ist. Auch wir wollen merken, dass ihr euch für ein Date mit uns Mühe gebt.

Ein Date von mir hielt es mal für eine gute Idee, in Jogger und Schlabberhemd zum Treffen zu kommen. Was er nicht wusste: Meine Augen sind vielleicht mehr Deko als nützlich, aber das heißt nicht, dass ich gar nichts mehr sehe. Die Message hinter diesem Aufzug kam deshalb an: Offenbar war es ihm, und somit auch ich ihm, die Mühe nicht wert. Spätestens beim Sex kommt übrigens alles raus. So wie ihr mustern wir den Körper – nur eben mit den Fingerspitzen.

Aber dann wolltet ihr ja noch wissen, wie wir selbst unsere eigene Attraktivität prüfen. Menschen, die wie ich früher gesehen haben, wissen wie Make-Up, Farben oder gewisse Kleidungsstile aussehen. Da haben wir es sicher einfacher als Menschen, die blind zur Welt kommen. Auch sie achten aber auf ihr Äußeres. Durch Feedback, Hilfsmittel, wie das Farberkennungsgerät oder auch den durch die Erfahrung vorsortierten Kleiderschrank wissen Geburtsblinde, wie sie gut aussehen. 

Wenn ich eine Hose trage und es drückt nirgends, fühle ich mich attraktiv

Wo ihr uns gegenüber im Vorteil seid, ist der Spiegel-Check. Wir sehen nicht, wenn uns der Lidstrich nicht gelungen ist, doch das merkt man oft beim Auftragen. Schwieriger ist der finale Check, der Moment bevor wir euch dann gegenüberstehen. Wie heißt es doch aber: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Hoch lebe das Smartphone! Durch Selfies oder Videoanrufe können die Liebsten dann auch das Go geben oder doch noch einmal auf den verschmierten Mascara aufmerksam machen.

Wann fühle ich mich denn aber nun attraktiv? Das ist eher ein spontanes Gefühl, ich kann es nur schwer beschreiben. Aber als ich meine Schwester dazu befragte, sagte sie:  „Na wenn man glücklich ist.“ Und ich finde, sie hat recht. Wenn ich eine Hose trage und es drückt nirgends oder schiebt nichts dahin, wo es nicht sein sollte, dann freut mich das. Wenn ich für ein neues Kleid ein bis zwei Komplimente bekomme, ist das auch Futter für mein Ego.

Unser Wunsch an euch: Setzt unsere Sehbehinderung nicht allzu stark in den Mittelpunkt. Wir sind nicht viel anders als ihr. Das, was Andere durch Bilder erschließen, erfragen wir. Kennt ihr das Spiel „Wer bin ich“? So kann man spielerisch mehr herausfinden, als manche sehenden Personen durch die Profilbilder und den manchmal doch sehr falschen, ersten Eindruck.

Wir sehen uns! 

Eure Maulwürfe und Blindschleichen <3

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